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Bei der Montage von Spielzeugautos wird wirtschaftliches Wissen vermittelt.
Foto: Privat

Dirk Pfitzer, Geschäftsbereichsleiter Gesundheitswesen/Pharma von der Porsche Consulting GmbH in Bietigheim-Bissingen/Deutschland

Gesundheit und Neue Medien: Psychologische Aspekte der Interaktion mit Informations- und Kommunikationstechnologien Stetina, B.; Kryspin-Exner, I.; Hrsg 336 Seiten, € 44,95 SpringerWienNewYork, 2010 ISBN 9783211720141 Die Einflüsse und Möglichkeiten der neuen Medien können im Bereich Gesundheit nicht mehr übersehen werden. Die damit zusammenhängenden Konsequenzen sind auch für jene Personen von höchster Relevanz, die sich aus unterschiedlichsten Gründen bisher nicht mit den neuen Informationstechnologien auseinandersetzen wollten. Das Buch widmet sich dem weitreichenden Einfluss des Internets auf die Gesundheitspsychologie. Ausgehend von fünf Berührungspunkten – Information, Beziehungsänderung, Interventionen, unerwünschte Nebenwirkungen und Forschung – wird die Beeinflussung praxisnah von akutellen Themen wie Online-Beratung, Suchtphänomene, Silver Surfers sowie veränderte Beziehungen zwischen Professionisten und Klienten behandelt.n

 
Zahnheilkunde 4. Mai 2010

„Alles, was nicht der Genesung dient, ist Verschwendung“

Hilfe zur Selbsthilfe – das gilt auch in der zahnärztlichen Praxis.

Die Krise kann erfinderisch machen: Nach den Erfahrungen bei der Umstrukturierung des eigenen Unternehmens, das in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte, schuf der deutsche Sportwagenhersteller Porsche in den 1990er-Jahren des 20. Jahrhunderts einen eigenen profitablen Geschäftszweig.

 

Die Porsche Consulting GmbH bietet seit 1994 als eigenständige Dienstleistungstochter Unternehmensberatung und Optimierung von Geschäftsprozessen für die unterschiedlichsten Branchen an. So auch für Zahnarzt-/Arztpraxen – gerade in einer Zeit der Krise eine sinnvolle Überlegung. Im Gespräch erklärt Dirk Pfitzer, Geschäftsbereichsleiter Gesundheitswesen/Pharma von der Porsche Consulting GmbH in Bietigheim-Bissingen/Deutschland, was Zahnärzte/Ärzte und der Sportwagenhersteller Porsche voneinander lernen können.

Unter dem Titel „Veränderungsprozesse in der Arztpraxis“ vermitteln Sie, wie Verschwendung jeder Art vermieden, dadurch Kosten reduziert und gleichzeitig die Betreuung der Patienten optimiert werden kann. Was konkret kann ein Mediziner darunter verstehen?

PFITZER: Jeder Arzt möchte eine möglichst hohe Behandlungsqualität gewährleisten, die Behandlung in einem angemessenen Zeitrahmen abschließen und dabei natürlich auch profitabel arbeiten. Deshalb zeigt die Porsche Consulting genau in diesen Bereichen in der unternehmenseigenen Akademie anhand von Simulationen, Praxisbeispielen und auch Theorie Verbesserungsmöglichkeiten auf und macht sie erlern- und erlebbar. Die konsequente Übertragung auf den Arbeitsalltag bringt eine enorme Optimierung.

 

Warum hat die Porsche-Akademie auch die Ärzteschaft in die Zielgruppe aufgenommen?

PFITZER: Auch wenn es zunächst erstaunt: Abläufe in Krankenhäusern und Arztpraxen unterscheiden sich im Prinzip gar nicht so sehr von Prozessen in der Industrie. Die Schulung „Veränderungsprozesse im Gesundheitswesen“ verstehen wir als Hilfe zur Selbsthilfe für niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser. Wir möchten erreichen, dass sie ihre Abläufe mit neuen Augen sehen; dass sie erkennen, wo Verbesserungspotenzial besteht, und dass sie motiviert werden, die Verbesserungen dann auch selbst umzusetzen.

 

Subjektiv hat man den Eindruck, dass heute Veränderungsprozesse und Strukturreformen in Mode gekommen sind. Früher haben Klein- und Mittelunternehmer ihr Geschäft doch auch ohne Change Manager am Puls der Zeit gehalten, oder?

PFITZER: Veränderungsprozesse gab es schon immer. Aber heute vollziehen sie sich in einem viel rasanteren Tempo. Arbeitsbelastung und Kostendruck nehmen ständig zu. Da kann es hilfreich sein, neue Wege zu gehen, neue Einblicke zu bekommen und dadurch völlig neue Ansätze zu erlernen.

 

Was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Motivator für Veränderungsbereitschaft?

PFITZER: Die eigene Einsicht, dass etwas verbessert werden kann.

 

Und warum ist es so schwer, diese Einsicht zu erlangen?

PFITZER: (schmunzelt) Fragt man Menschen, ob sie bereit für eine Veränderung sind, dann antwortet nahezu jeder Befragte ohne zu zögern mit „Ja“. Doch tatsächlich bleibt die theoretische Veränderungsbereitschaft nur so lange erhalten, bis man selbst betroffen ist und wirklich Farbe bekennen muss. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier und hält an Vertrautem fest, bis es wirklich nicht mehr geht. Ich vermute, das kennen Ärzte nur zu gut von der Veränderungsbereitschaft ihrer Patienten. Der optimale Weg hingegen wäre, alle signifikanten Abläufe kontinuierlich zu hinterfragen, sie auf den Prüfstand zu stellen und schließlich gezielt zu verbessern.

 

Angenommen, ein Arzt bittet Sie, ihm Veränderungspotenziale aufzuzeigen und entsprechende Lösungsansätze zu erarbeiten. Wie gehen Sie vor?

PFITZER: Zunächst betrachten wir den sogenannten Wertschöpfungsprozess. Also alle Dinge, die direkt der Genesung des Patienten dienen. Alles Weitere gilt als „Verschwendung“. Die muss radikal reduziert werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Wartezeit der Patienten in überfüllten Wartezimmern. Es ist keine Lösung, einfach mehr Stühle in das Wartezimmer zu stellen. Wirkliche Abhilfe schafft aber meist eine bessere Verteilung der Termine. Ich spitze es einmal zu: Eine perfekt organisierte Praxis kann letztendlich mit einem Stuhl für einen Patienten und einem für seine Begleitpersonen auskommen. Allerdings besteht bei manchem Mediziner – und manchen Patienten – immer noch der Jahrzehnte alte Glaube, dass nur ein Arzt mit vollem Wartezimmer auch ein guter Arzt sein kann.

 

Welchen Stellenwert haben technische Ausstattungselemente in einem Veränderungsprozess? Ist es sinnvoll, diese kostenintensive Seite, sprich PCs, Software, Telefonanlagen und Ähnliches, mit zu erneuern?

PFITZER: Zuerst sollte immer der Arbeitsprozess für sich alleine betrachtet werden. Es kann natürlich sein, dass eine neue Technik den Prozess noch einmal verbessert. Ganz klar, dann muss unter Abwägung von Kosten und Nutzen eine Entscheidung getroffen werden. Es ist aber nicht sinnvoll, zuerst eine neue Technik anzuschaffen und dann zu versuchen, sie in den täglichen Ablauf zu integrieren.

 

Wie sieht es mit den Räumlichkeiten bzw. der Logistik in einer Arztpraxis aus? Was würden Sie mit Ihrem industriellen Background und Ihrer Erfahrung beispielsweise anders machen, wenn Sie als Arzt eine Praxis eröffnen würden?

PFITZER: Ziehen wir noch einmal den Vergleich mit der Industrie: Hier wird zuerst der optimale Produktionsablauf geplant. Dann kommen Anlagen und Maschinen hinzu. Erst zum Schluss werden die Maße der Werkshalle, von Räumen, also die Hülle, festgelegt. Bei Arztpraxen ist das häufig genau andersrum. Zuerst wird die Immobilie ausgewählt, dann wird geschaut, welche Geräte in welchem Raum hineinpassen. Das Resultat ist dann oft nicht zweckgerecht und damit alles andere als optimal.

 

Welche Bedeutung kommt personellen Schulungsmaßnahmen bei Strukturreformen zu?

PFITZER: Besonders bei organisatorischen Umstrukturierungen sind zwei Dinge enorm wichtig. Erstens die Kommunikation, mit der man Mitarbeitern Ängste nimmt und Widerstände minimiert. Zweitens die Weiterqualifizierung von Mitarbeitern, um sie für andere Aufgaben fit zu machen und effizienter einsetzen zu können. Hierbei hat eine Arztpraxis einen entscheidenden Vorteil gegenüber Industrieunternehmen: Der Arzt kennt jeden seiner Mitarbeiter persönlich und kann ihn direkt ansprechen.

 

Was sollte bei Praxisumstrukturierungen unbedingt im Auge behalten bzw. welche klassischen Fehler schon vorher vermieden werden?

PFITZER: Mitarbeiter erkennen meist selbst Optimierungsmöglichkeiten für ihren Alltag. Deshalb muss man sie von Anfang an aktiv in den Veränderungsprozess mit einbeziehen: Kaum etwas ist dem Mitarbeiter lieber, als die eigene Idee umzusetzen und dabei die Verbesserungen plus Erfolge zu sehen!

 

Das Gespräch führte Dr. Veenu Scheiderbauer

Die Porsche Akademie
Die Gründung der Porsche Consulting resultierte aus dem internen Turnaround bei Porsche Anfang der 1990er Jahre. Die Prinzipien einer schlanken Produktion, die man im eigenen Unternehmen erfolgreich umgesetzt hatte, wollte man weitergeben. Von Anfang an waren Trainingsangebote fester Bestandteil des Angebotes:
Jedes Beratungsprojekt der Porsche Consulting beinhaltet heute auch ein spezifisches Trainingsangebot in einer der drei Modellfabriken der Porsche Akademie. In diesen speziell eingerichteten Schulungsräumen sammeln die Klienten aus allen Branchen, Wirtschafts- und Verwaltungsbereichen meist, ihre ersten praktischen Erfahrungen mit schlanken Prozessen. Erst im September 2009 wurde im Leipziger Porsche-Werk eine weitere Modellfabrik eröffnet. In einem verglasten Raum mitten in der Panamera- und Cayenne-Produktion werden nun zu Lernzwecken Spielzeug-Lkw montiert. Frei nach dem Motto: „Nur was man erlebt, hat man verstanden.“ (www.porscheconsulting.com)

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