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Foto: Fürhauser
Abb. 1: Der Abformlöffel aus drei Millimeter starker Tiefziehfolie ist okklusal äquilibriert. Der Löffel stützt sich am Gaumen ab, und es entsteht beim Schließen während der Abformung keine Bisserhöhung.

Abb. 2: Try-in-Brücke als Kopie einer bestehenden Totalprothese. Es können damit Ästhetik, Phonetik, vertikale und horizontale Unterkieferposition und nicht zuletzt die Abformgenauigkeit überprüft werden.

Abb. 3

Abb. 3 und 4: Try-in-Brücke im Mund, vom Gaumen aus fotografiert. Die verschraubte Try-in-Prothese erlaubt es, auch die Palatinalseite phonetisch zu überprüfen und gegebenenfalls durch Ergänzung oder Abtragen zu modifizieren.

 
Zahnheilkunde 4. Mai 2010

Optimale Sofortversorgung

In vier Stunden von der Zahnextraktion bis zur Brücke aus Glasfaser.

Schon kurz nach dem Eingriff können die Patienten mit einer festsitzenden prothetischen Versorgung nach Hause gehen und sprechen, essen, lachen. Eine standardisierte Methode, die in Wien neu entwickelt wurde, macht es möglich.

 

Die Besonderheit bei der Sofortversorgung auf Implantaten liegt darin, dass der genaue Insertionsort der Implantate erst postoperativ feststeht. Dennoch ist es möglich, unmittelbar eine Versorgung herzustellen, welche die Ästhetik, Phonetik und die subjektiven Wünsche des Patienten berücksichtigt. Nur wenige Stunden nach der Implantation kann selbst beim unbezahnten Kiefer eine Brücke ohne vorherige Einprobe eingegliedert werden. Voraussetzung dafür ist eine standardisierte Diagnostik mit Anamnese, Fotostatus und Modellen.

„Wir haben eine Behandlungsmethodik der Sofortversorgung entwickelt, bei der Extraktion der nicht erhaltungsfähigen Bezahnung, Sofortimplantation und eine spezielle Art der Abformung die Versorgung des Patienten in etwa vier Stunden ermöglichen“, erklärt Dr. Rudolf Fürhauser. Der Patient erhält eine glasfaserverstärkte, verschraubte Brücke. Das Gerüst wird aus einem Glasfaserstrang gefertigt, der Stabilität und schnelle Herstellung der Brücke ermöglicht. Die Verblendung besteht aus Facetten und Kunststoff. Mit diesen Brückenkonstruktionen sind die Patienten zirka drei bis vier Monate versorgt. „Insgesamt ist das für den Patienten eine durchaus angenehme Sache“, erläutert der Spezialist. Nach seinen Ausführungen sind die postoperativen Schwellungen gering, und auch der Schmerzlevel liegt am Folgetag nach dem Eingriff bei nur 1,5 median auf einer Skala von 0 bis 10. Der weitere Ablauf umfasst Nahtentfernung und Hygieneinstruktionen eine Woche später. Dann wird der Patient nach einem Monat sowie nach drei Monaten (Unterkiefer) und vier Monaten (Oberkiefer) kontrolliert, einschließlich Kleinbildröntgen. Die Anfertigung der definitiven Brücke erfolgt nach drei bis vier Monaten.

Drei Besonderheiten hebt Fürhauser als besonders wichtig für den Erfolg in der Sofortversorgung heraus. Dies sind erstens ein neuer Abformlöffel, zweitens die gründliche Dokumentation und drittens eine Prothese zum „Ausprobieren“, die sogenannte Try-in-Brücke.

Für die Abformung des unbezahnten Kiefers wurde ein eigener Abformlöffel entwickelt (siehe Abb. 1). Dieser besteht aus einer drei Millimeter dicken Tiefziehfolie und wird sowohl in der Sofortversorgung als auch später für die definitive Versorgung eingesetzt. Wenn der Patient zubeißt, findet bei der neu entwickelten Methodik gleichzeitig mit der Abformung eine Bissnahme in der bestehenden oder vorher korrigierten vertikalen Dimension statt. Dies vereinfacht das Prozedere merklich.

Es sei zwingend notwendig, die Ausgangssituation zu dokumentieren, so Fürhauser (siehe Tabelle). „In der Kieferorthopädie wird längst jeder Patient fotografiert. Auch in der Implantologie muss diese Standarddokumentation eingeführt werden“, fordert der Experte daher. Zu den Versorgungsstandards zählt, dass vor Beginn der Behandlung Fotos des Patienten angefertigt werden. Sowohl der Fotostatus als auch das Modell der Ausgangssituation werden dann als dauerhafte Referenz archiviert.

Per Probebrücke zur optimalen Form

Nach gleichzeitiger Registrierung von Implantatposition, horizontaler und vertikaler Dimension in der Abformung erhält der Patient bereits in der zweiten Sitzung eine Probebrücke aus Kunststoff.

Diese Try-in-Brücke (siehe Abb. 2–4, Seite 26) ist für Fürhauser ein wesentlicher Faktor bei der Herstellung einer funktionell befriedigen-den Rekonstruktion, mit der nicht nur Ästhetik und Okklusion getestet werden können, sondern insbesondere auch die Phonetik: „Bei dem im Oberkiefer unbezahnten Patienten stellen Sprache und Lautbildung das zentrale Thema dar, besonders der S-Laut“, betont der Fachmann. Bei einem S-Problem testet der Spezialist die fünf an der S-Artikulation beteiligten Faktoren systematisch durch. Dazu gehören unter anderem die Vertikale, definiert als „minimaler Sprechabstand“, sowie die Abdichtung der seitlichen Zungenränder, damit der Luftstrahl nach vorne geleitet werden kann. „Wenn das seitliche Abdichten nicht funktioniert, ist der S-Laut gestört. Das sollte man wissen und erkennen“, so Fürhauser.

Fixe Lösungen sind fast immer möglich

Mithilfe der Probebrücke können Zahnarzt und Patient zusätzlich vorab evaluieren, ob das Ergebnis nach ästhetischen Gesichtspunkten befriedigend ist. Führhauser: „Wesentlich dabei ist für mich, den Patienten im Ganzen zu beurteilen, wenn wir ihn auf Implantate umstellen. Wie fühlt er sich mit seinen Zähnen? Gefällt er sich und will er das gegenwärtige Aussehen auch mit den Implantaten kopieren oder will er sich verändern?“ Dem Wunsch, die bestehenden Charakteristika der Zahnstellung zu erhalten, sollte entsprochen werden. Hierzu dient das Ausgangsmodell als ideale Referenz.

Die gefundene Form wird dann mittels Abformtechnik eins zu eins kopiert. „Das klingt alles sehr einfach, aber wir haben es früher nicht so gemacht. Da haben wir Gerüste gemacht, probiert, die Gerüste zerteilt, um nachher eine präzise Passung zu erreichen, haben dann die Ästhetik erarbeitet, wobei uns die Gerüste manchmal limitiert haben. Heute machen wir Probebrücken, an denen wir alles verändern können, die wir auf Ästhetik und Lautbildung testen können. Und erst dann, wenn der Patient das Ergeb-nis freigibt, geht es in den Fertigstellungsprozess. Dies ist fast im-mer ein Titan-CAD/CAM-Gerüst, die Ungenauigkeit des Gusses ist weg und vorher sind alle Parameter erarbeitet“, berichtet Fürhauser.

Der Spruch „Never promise a fixed bridge“ gilt für Fürhauser nur noch bedingt. Für ihn ist mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine fixe Lösung möglich, sogar bei hochgradig atrophen Patienten. Und dies sei ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit: „Es ist nämlich so, dass praktisch jeder Patient eine fixe Lösung erwartet. Das heißt, dass die Implantologie für den Patienten de facto mit einer fixen Restauration verbunden ist.“

Tabelle:
Standardisierte Vorbereitung für den un-/restbezahnten Patienten
Anamnese:
Hauptanliegen
ästhetische Ansprüche – Wunsch nach Veränderung?
funktionelle Anamnese
artikulaturmontierte Modelle:
Ausgangsmodell muss dupliziert werden!
Standardisierter Fotostatus:
Vertikale Dimension:
erhalten
verändern (fakultativ Fernröntgen)
wax-up
mock-up
Zahnstellung:
erhalten
verändern
Herstellung des individuellen Abformlöffels:
dupliziertes Ausgangsmodell/verändertes Modell im Artikulator
Reduktion des Modells um 3 mm bei gegebener Inzisalstifthöhe
Tiefziehen einer 3 mm-Folie
Remontage und okklusales Einschleifen bei unverändertem Inzisalstift

Von Dr. Julia Feinäugle, Zahnarzt 5 /2010

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