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Foto: Hans Sellmann
Abb. 1: Ein derart vernachlässigtes Gebiss wird recht bald wegen der parodontalen Problematik saniert werden müssen. Der verantwortungsbewusste Implanteur wird sich aber diesen „Urzustand“ zunächst genau ansehen und erst an eine Implantation denken, wenn

Abb. 2: Das, was ähnlich vernachlässigt aussieht, ist jedoch die Folge einer Medikation nach Apoplex (Gingivahyperplasien). Vor Implantationen bei diesem Patienten muss ein Konsil mit dem behandelnden Hausarzt erfolgen. Eine situationsbedingte intensive häusliche und professionelle Mundhygiene ist selbstverständlich.

Abb. 3: Auch Pilzerkrankungen sollten vor einer Implantation saniert werden – Pilze sind aggressive Destruenten.

Abb. 4: Ein erster Blick im Rahmen der Implantatprophylaxe gilt der Farbe der Gingiva. Ist sie, so wie hier, nicht „gesund rosa“, so sollte man bereits jetzt an eine Mukositis oder Periimplantitis denken.

Abb. 5: Die schon klinisch erkennbare massive Plaque dient nicht gerade dazu, den Implantatsulkus und das Implantat selber entzündungsfrei bzw. gut osseointegriert zu halten.

Risikountersuchungen in der Zahnarztpraxis Sellmann, Hans H. 250 Seiten, € 42,80 Spitta-Verlag, 2007 ISBN 9783938509500

 
Zahnheilkunde 4. Mai 2010

Prophylaxe der Periimplantitis

Ein einmal osseointegriertes Implantat hat heute sehr gute „Überlebenschancen“. Leider kommt es vielfach doch zu Spätkomplikationen, die zu einem Verlust des Implantats und damit der Suprastruktur führen können.

Viele Patienten werden immer noch nicht genügend über solche möglichen Risiken, Nebenwirkungen und vor allem (vermeidbare) Spätkomplikationen einer Implantation aufgeklärt. Immer noch fehlt auch häufig eine systematische Implantatprophylaxe. Diese sollte sich auf den Zeitraum vor, während und vor allem nach der Implantation beziehen.

 

Nicht nur ich sage provozierend: Häufig werden auch da Implantate eingesetzt, wo ein Zahn aus Vernachlässigung (seitens des Patienten, aber auch mangels Interesse seitens des Behandlers) verloren ging. Man braucht nicht sehr lange darüber nachzudenken, warum dann später bei solchen Patienten auch ein Implantat verloren geht. Ohne eine sehr gute Mundhygiene und Pflege des Implantats bzw. des Abutments und der Schnittstelle Abutment – Implantat – Suprakonstruktion ist immer abzusehen, dass eine Komplikation im Sinne einer Mukositis oder, schlimmer noch, einer Periimplantitis das Überleben des Implantats gefährden (siehe Abb. 1–5).

Prophylaxe vor der Implantation

Vor jeder Implantation müssen sämtliche kariogenen und, unmittelbar vor der Implantation, auch die parodontalen Defizite, z. B. per Full-Mouth-Disinfection, saniert werden, um eine frühe Rekolonisation zu verhindern. Auch beim zahnlosen Patienten gilt: Eine (relative) Freiheit der Mundhöhle von pathogenen Keimen, insbesondere der Retentionsnischen wie der oralen Schleimhäute und der Zunge, muss gegeben sein. Bei bezahnten Patienten ist es zu empfehlen, unmittelbar vor der Implantation eine PZR vorzunehmen. Diese geht einher mit einer intensiven Approximalraum- und Zungenreinigung, eventuell mit Einbürsten eines oralen Chemotherapeutikums, vorzugsweise dem Goldstandard Chlorhexidin (Chlorhexamed-Gel 1%).

Prophylaxe direkt nach der OP

Nach Zahnentfernungen oder sonstigen Operationen im Mund werden dem Patienten stets nach individuellen Vorgaben einige Verhaltensmaßregeln erläutert. Vielen Patienten ist nämlich z. B. nicht klar, dass sich eine Wunde entzünden kann, wenn Speisereste hineingelangen, der Patient nach der Operation Kaffee trinkt (Milch ist auch gefährlich!) oder sogar raucht. Bei einem Dolor post wird dann die Verantwortung beim Zahnarzt gesucht.

Der erste Schritt der Prophylaxe ist also, dem Patienten nach ausführlicher Information (warum was passieren kann) die entsprechenden Verhaltensmaßregeln (was er tun muss, damit nichts passiert) zu erläutern. Mündliche Empfehlungen sind unserer Erfahrung nach dabei ungeeignet. Ein Mensch behält nämlich nur einen geringen Bruchteil dessen, was ihm (vor allem in einer stressbelasteten Umgebung) erzählt wurde. Nicht empfehlenswert ist es auch, ihm lediglich irgendeinen „Zettel“ in die Hand zu drücken. Die beste Wirkung erzielt es stets, wenn Sie Ihrem Patienten das Wichtige persönlich sagen und dabei den Blickkontakt suchen. Anmaßend ist die Frage, ob alles verstanden wurde, besser geeignet wäre die Formulierung, ob noch Fragen bestehen. Zumeist wird der Patient hier mit einem „Nein“ antworten. Verhaltensforscher weisen jedoch auf die grundsätzliche negative Wirkung eines „Nein“ hin. Möchten Sie dies vermeiden, fragen Sie besser: „Waren Sie zufrieden mit dem, was wir für Sie tun konnten?“

Ich finde dies durchaus angemessen; unsere Patienten sind heute Konsumenten, die auch umworben werden wollen sollen und müssen.

Für die Verhaltensmaßregeln nach einer implantologischen Operation gelten stets dieselben Vorgaben wie für das Verhalten nach jedem anderen chirurgischen Eingriff im Mundraum. Welche Bereiche nicht belastet werden dürfen, um die Osseointegration der Implantate nicht zu stören, wird der Operateur jedoch zusätzlich im Einzelnen festlegen.

Prophylaxe nach der Implantation

Nach der Eingliederung der Implantatsuprakonstruktion ist eigentlich die zahnärztliche Arbeit abgeschlossen – die Phase der Prophylaxe jedoch nie. Wie an jedem natürlichen Zahn können die bekannten Noxen zu einer Entzündung und damit im schlimmsten Fall zu einem Verlust des Implantats führen. Dem Implantat ist weniger als dem natürlichen Zahn von außen anzusehen, dass eine Gefahr droht.

Sichtprüfung und Reinigung

Deswegen müssen ähnliche Diagnosemaßnahmen wie bei der normalen Prophylaxe durchgeführt werden. Die Implantatprophylaxe wird in aller Regel von fortgebildetem zahnmedizinischem Assistenzpersonal durchgeführt. Eine spezielle Fortbildung dafür ist zu empfehlen. Ich selbst habe eine solche absolviert und kann es nur empfehlen.

Andernfalls könnte für Sie als Praktiker dieser Beitrag zusammen mit Ihrem sonstigen Wissen dazu dienen, das Fachpersonal entsprechend selbst zu schulen.

Was müssen Sie beachten?

  • Nehmen Sie eine Sichtprüfung des Implantats bzw. des Abutments und der umgebenden Gingiva vor.
  • Wie sieht das Zahnfleisch aus? Hat es eine gesunde rosa Farbe oder ist es dunkelrot, eventuell sogar bereits bläulich verfärbt?
  • Der Sulkus um das Implantat herum wird vorsichtig, ohne zu viel Druck auszuüben, mit einer speziellen Sonde geprüft. Notieren Sie die „Taschentiefen“ und vergleichen Sie diese mit denen der nächsten Messung.
  • Sollten die Taschen seit der letzten Messung tiefer geworden sein, so führen Sie eine Röntgenkontrolle durch.
  • Mit dem „Klopfschall“ steht Ihnen eine weitere Methode der Periimplantitis-Diagnostik zur Verfügung. Sie klopfen ganz leicht mit dem Ende eines Mundspiegels gegen die Suprakonstruktion des Implantates – ein dumpfer Klang lässt eine Periimplantitis erahnen.
  • Wenn keine zum Vorbefund veränderten Werte vorhanden sind, reinigen wir dann die normal zugänglichen Teile des Implantates. Damit wir in der weichen Oberfläche des Implantates (Implantathalses) keine Kratzer hinterlassen, kommen hier nur bestimmte Instrumente zur Anwendung:
  • teflonbeschichtete Handinstrumente
  • (Hand-)Bürstchen
  • (maschinelle) Bürstchen (z. B. am Schallgerät SONICflex™ von KaVo)
  • Pulverstrahlgeräte mit einem speziellen, für den subgingivalen Einsatz geeigneten Pulver (z. B. Clinpro™-Pulver von 3M Espe).

 

Sinnvoll ist es auch, die (herausnehmbare) Prothese im Ultraschallbad und eventuell mit einer Prothesenbürste zu reinigen und mit einem dafür geeigneten Desinfektionsmittel (für Abformungen und prothetische Werkstücke einsetzbar) zu desinfizieren. Die adjuvante Anwendung eines oralen Chemotherapeutikums ist fernerhin heute sowohl für den Zahnarzt bzw. die zahnmedizinische Prophylaxeassistentin (Eigenschutz), letztendlich aber für den Patienten immens wichtig.

Einen interessanten Aufsatz zu diesem Thema fand ich unter „Ätiologie, Diagnostik, Therapie und Prävention der Periimplantitis“ von Petra Ratka-Krüger, Martin Horodko und Matthias Mayer vom 1. Dezember 20011. Zwar wurde er schon im Jahre 2001 veröffentlicht, dennoch entspricht er immer noch dem aktuellen Stand. Heute sollte man allerdings noch expliziter auf die professionellen Zahnreinigungen/Implantatreinigungen, vor allem aber auf adjuvant anzuwendende orale Chemotherapeutika laut Konsensempfehlung2 eingehen. Eine wirksame unterstützende Keimzahlsenkung an Implantaten, sei sie mechanisch oder chemisch durchgeführt, ist nämlich unabdingbar.

 

Teil 2 von „Prophylaxe der Periimplantitis“ über regelmäßige Keimzahlsenkung und professionelle Implantatreinigung folgt in der kommenden Ausgabe (Zahn Arzt 6).

Dr. Hans Sellmann ist als Zahnarzt und Medizinjournalist in Marl, Deutschland, tätig.

 

Literatur:

1 Ratka-Krüger, P..; Horodko, M.; Mayer, M.: Ätiologie, Diagnostik, Therapie und Prävention der Periimplantitis. URL: www.zm-online.de/m5a.htm?/zm/23_01/pages2/titel3.htm (2001).

2 Reich, E.; Arweiler, N.; Benz, C.; Lynch, E.; Scholz, V.: Stellenwert des Chlorhexidins in der Implantatversorgung – ein Konsensuspapier. ZWR 07/08: 359–362 (2007).

Von Dr. Hans Sellmann, Zahnarzt 5 /2010

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