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Bei bis zu 93 Prozent der oralen Piercings kommt es einige Tage nach dem Piercen zu mehr oder weniger ernsthaften Komplikationen.

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Abb. 1a, b: Bukkale (a) bzw. linguale (b) Rezessionen bei Piercings der Unterlippenmitte.

Abb. 2: Lokalisierter Knochenverlust bei einem Piercing der Unterlippenmitte.

Abb. 3: Zahnfraktur bei seitlichem Unterlippenpiercing.

Dr. Ines Kapferer, MSc Univ.-Zahnklinik Innsbruck

 
Zahnheilkunde 4. Mai 2010

Destruktive Schmuckstücke

Studienergebnisse zeigen: Lippen- und Zungenpiercings können spezifische Schäden an Zähnen und Parodont hervorrufen.

Aufgrund der stark zunehmenden Popularität oraler Piercings nimmt auch die Zahl an Komplikationen mit dem extravaganten Gesichtsschmuck deutlich zu. Das zahnmedizinische Personal sollte über diese möglichen „Begleiterscheinungen“ Bescheid wissen, um die richtigen therapeutischen Schritte einleiten und Patienten adäquat aufklären zu können.

 

Die österreichische Gesellschaft für Parodontologie unterstützte in den vergangenen Jahren mehrere Studien zu Komplikationen oraler Piercings an den Medizinischen Universitäten Innsbruck und Wien. Die Teilnehmer an den Studien mit insgesamt 220 Lippen- und Zungenpiercings wurden intensiv auf Schäden an Zähnen und Zahnfleisch untersucht und befragt, um die Häufigkeit und den Schweregrad von Komplikationen zu erheben.

Von Kauproblemen bis hin zu Infektionen

Bei bis zu 93 Prozent der oralen Piercings kommt es einige Tage nach dem Piercen zu mehr oder weni- ger ernsthaften Komplikationen. Fast immer haben die Patienten leichte Schmerzen, Schwellungen und Probleme beim Schlucken, Sprechen und Kauen. Selten werden auch lang anhaltende Blutungen, schwerwiegende Infektionen oder postoperative Sensibilitätsstörungen beobachtet. Welche Komplikationen direkt nach dem Piercen auftreten, ist zwischen den Piercingarten sehr unterschiedlich. So leiden Zungenpiercingträger eher unter Problemen beim Essen und Sprechen, während bei den Lippenpiercings häufiger Schwellungen und leichte Infektionen und selten auch Sensibilitätsstörungen auftreten. Lebensbedrohliche Komplikationen wie Sepsis, Blockierung von Luft- und Speiseröhre oder Übertragung von Krankheitserregern (Hepatitis, HIV etc.) traten bei keinem unserer Probanden auf. Ein entscheidender Faktor für das Vorkommen von frühen Komplikationen war die persönliche Mundhygiene: Je mehr Zeit die Probanden für die tägliche Zahnreinigung aufbrachten, desto weniger Komplikationen hatten sie nach dem Piercen.

Hohe Komplikationsrate an der Unterlippe

Für das zahnmedizinische Personal interessanter sind die langfristigen Schäden durch orale Piercings. Hierzu zählen lokale Entzündungen, Hautirritationen, Allergien und Schäden an den Zähnen und Parodont.

Die Piercings der Unterlippenmitte – in der Labiomentalfalte – weisen die höchste Komplikationsrate auf: 72 Prozent der untersuchten Piercingträger hatten parodontale Schäden. Dabei handelt es sich um Rezessionen, die bis zu fünf Millimeter tief sind (siehe Abb. 1a, b) oder um einen Knochenabbau im Sinne einer lokalisierten Parodontitis (siehe Abb. 2).

Rezessionen und lokalisierter Knochenabbau kommen durch den Druck des intraoralen Piercingverschlusses auf das Parodont zustande. Daher zeigen auch die Piercings, die direkt auf der Schmelz-Zement-Grenze liegen, häufiger Rezessionen als Piercings, die sehr hoch gesto-chen sind und nur mit den Zahnkronen Kontakt haben. Die Zähne selbst zeigen bei Piercings der Unterlippenmitte nur minimale bis keine Schäden.

Auch bei seitlichen Piercings der Unterlippe kommt es eher selten zu Zahnschäden. Einzelne Probanden hatten sich versehentlich auf das seitliche Piercing gebissen und sich dabei ein Stück Zahn abgebrochen (siehe Abb. 3). Rezessionen oder ein Knochenabbau wurden bei seitlichen Piercings der Unter- oder Oberlippe überhaupt nicht beobachtet. Dies mag dadurch zu erklären sein, dass diese Piercings durch ihre seitliche Position nicht so stark gegen das Parodont gedrückt werden wie Piercings in der Labiomentalfalte.

Bei Zungenpiercings weist ein Drittel der Patienten tiefe linguale Rezessionen in der Unterkieferfront oder an den 6-Jahr-Molaren auf. Je länger der Stab des Piercings und je länger das Piercing im Mund ist, desto häufiger kommt es zu Rezessionen. Zehn Prozent der Patienten mit Zungenpiercings zeigen Höckerfrakturen durch das unkontrollierte Aufschlagen der Metallkugel auf die Zähne.

Schmuck aus Kunststoff besser verträglich

Ob das Zahnfleisch durch ein Lippenpiercing geschädigt wird, hängt vor allem davon ab, wo der Verschluss des Piercings zu liegen kommt. Liegt er auf Höhe der Zahnkrone, wird das Zahnfleisch nicht beeinträchtigt. Drückt der Verschluss jedoch auf den Zahnfleischrand, so zieht sich das Zahnfleisch an dieser Stelle zurück. Deshalb kommt es auch bei seitli-chen Lippenpiercings kaum zu Zahnfleischschäden, da hier der Piercingverschluss automatisch auf der Zahnkrone liegt. Kunststoffpiercings haben viele Vorteile gegenüber Stahl- oder Titanpiercings. Dadurch, dass sie weicher sind, kann man Zahnfrakturen weitestgehend vermeiden. Vor allem Piercings aus Polytetrafluorethylen (PTFE) werden von deutlich weniger Bakterien besiedelt als alle anderen Materialien. Der Nachteil von Kunststoffpiercings ist, dass sie schneller zerkaut sind und unappetitlich aussehen. Da sich auch einzelne paropathogene Bakterien wie S. aureus auf den Piercings ansiedeln, müssen alle Piercings regelmäßig gereinigt werden. Das ist mit den Kunststoffpiercings auch einfacher, weil sie leicht zu entnehmen sind. Die Metallpiercings verkeilen sich oft so stark, dass das Gewinde nur mehr mithilfe von zwei Zangen zu lösen ist. Die Piercings werden am effizientesten mit einer Zahnbürste gereinigt. Dabei müssen vor allem die Übergänge zwischen Stab und Kugeln bzw. intraoralem Plättchen gereinigt werden.

Empfehlungen für Piercingträger

Aufgrund der hohen Komplikationsrate muss von Piercings in der Unterlippenmitte dringend abgeraten werden. Wenn trotz aller Warnungen ein Unterlippenpiercing gesetzt wird, sollte der Verschluss an der Lippeninnenseite nicht auf das Zahnfleisch drücken, sondern auf Höhe der Zahnkronen auftreffen und ein Ring anstelle eines Stäbchens eingesetzt werden. Auch Zungenpiercings zeigen hohe Komplikationsraten. Seitliche Lippenpiercings speziell der Oberlippe zeigen hingegen selten dentale oder parodontale Schäden.

Wenn die Piercings trotz allem nicht entfernt werden, so sollten aufgrund mechanischer und mikrobiologischer Überlegungen PTFE-Piercings getragen werden. Diese PTFE-Stifte können bei Lippenpiercings ohne Bedenken mit Metallkugeln verwendet werden, nicht jedoch bei den Zungenpiercings – da müssen alle Teile aus Kunststoff sein, um Zahnfrakturen zu vermeiden. Um Infektionen zu vermeiden, müssen alle Piercings regelmäßig entnommen und gereinigt werden.

 

Korrespondenz: Dr. Ines Kapferer, MSc
Universitätszahnklinik Innsbruck
Anichstraße 35, 6020 Innsbruck
E-Mail:

Von Dr. Ines Kapferer, MSc, Zahnarzt 5 /2010

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