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Abb. 1: Mehrfachbestattung der sog. Schnurkeramischen Kultur (ca. 2000 v. Chr.) aus Eulau (D), die durch Luftbilder entdeckt und ausgegraben wurde.

Abb. 2: Zahnwurzel bzw. Dentin und Zement dienen zur DNA-Analyse.

Abb. 3: Für die Bestimmung der Isotopensignaturen werden 30 mg Zahnschmelz benötigt.

Abb. 4a

Abb. 4b

Abb. 5a

Abb. 5b
Falldarstellung 1:
Rechter Oberkiefer einer eisenzeitlichen Bestattung (männlich, ca. 30 bis 50 Jahre) aus der Schweiz (Fundort: La Tène; RV 3127). Beim ersten Molaren liegt eine massive, mesio-okklusal lokalisierte Karies vor, wodurch die Krone des Zahnes weitgehend zerstört wurde. Eine wahrscheinlich chronisch-periapikale Entzündung hat nach Abszedierung zu osteolytischen Defekten im Kieferknochen geführt. Der Durchbruch der eitrigen Entzündung erfolgte nach bukkal (Abb. 4a) und palatinal (Abb. 4b). Über den Befund an Zahn 16 hinaus weist der Mann weitere chronischen Entzündungen (apikale Granulome, radikuläre Zysten, Fisteln) im Gebiss auf.
Tomographie der Karies am ersten Molaren im rechten Oberkiefer mittels Digitaler Volumentomographie (DVT) in der Ansicht von lateral (Abb. 5a) und im Schnittbild der Wurzeln (Abb. 5b). Der Befund dominiert durch ausgedehnte osteolytische Prozesse an allen drei Wurzeln mit Durchbruch nach bukkal und palatinal.

Abb. 6a

Abb. 6b
Falldarstellung 2:
Linker Unterkiefer eines erwachsenen Individuums aus dem frühmittelalterlichen Gräberfeld von Schretzheim (Grab 610); vestibulärer Ausschnitt aus dem Untersuchungsgebiet. Die Krone des ersten Molaren (Zahn 36) ist durch Karies mesio-okklusal völlig zerstört. Die stärker vaskularisierte Kortikalis lässt im Bereich des ersten Molaren eine Abszessmembran erkennen (markiert). Der Befund weist auf eine chronisch eitrige Entzündung im linken Unterkiefer hin (Abb. 6 a). Die im Röntgenbild sichtbaren Veränderungen weisen auf periapikale Granulome an der mesialen und distalen Wurzel hin (Abb. 6 b).

 
Zahnheilkunde 4. Mai 2010

Wenn Zähne Geschichten erzählen

Ein spannender Einblick in die Dental-Anthropologie, die mit der Analyse menschlicher Überreste erstaunliche historische Erkenntnisse liefert.

Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit erhalten sich Zähne häufiger als andere anatomische Strukturen des Skeletts im Boden und bewähren sich dadurch als außergewöhnliche Informationsquelle zur Erforschung der Lebensweise in früheren Epochen.

 

Zähne liefern Daten zum Alter und Geschlecht eines Individuums, gestatten, Krankheiten der Kiefer und Zähne zu diagnostizieren und erlauben Auswertungen in chronologischer, regionaler und sozialer Hinsicht. Zudem ermöglichen sie Aussagen zum Ernährungsverhalten, zur Art der aufgenommenen Nahrung, zu Herkunft und Mobilität sowie dem Migrationsverhalten von Bevölkerungen, über das Hygieneverhalten und therapeutische Maßnahmen sowie über das Vorkommen von artifiziellen Veränderungen.

Morphologische, molekulargenetische sowie biogeochemische Analysen liefern darüber hinaus differenzierte Erkenntnisse über Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb und zwischen verschiedenen Bevölkerungsstichproben.

Der Zahnschmelz repräsentiert als Archiv der Kindheit den geochemischen Fingerprint der Region, in der die Zähne gebildet wurden, d.h. Menschen geboren und aufgewachsen sind. Verlassen diese im Kindesalter den Geburtsort, so sorgt der Metabolismus dafür, dass sich die Körpergewebe geochemisch an die neue Region anpassen – mit Ausnahme des Zahnschmelzes. Er weist keinen Metabolismus auf und wird einmalig gebildet. Somit kann aus einem Vergleich von Knochen und Zahnschmelz oder Zahnschmelz und lokaler Fauna auf Mobilität zu Lebzeiten geschlossen werden. Für molekulargenetische Analysen eignen sich grundsätzlich alle organischen Gewebe, bevorzugt aber das Dentin, da die Zähne bei Bodenlagerung relativ geschützt in ihren Alveolen liegen und äußeren Einflüssen weniger stark ausgesetzt sind (s. Abb 2 und 3).

Abrasionen, Karies und Parodontose

Unheilbaren Krankheiten wie z. B. malignen Tumoren und Seuchen wie Pest und Cholera waren alle Menschen in der Vergangenheit gleichermaßen ausgeliefert. Ob jemand früh verstarb, war allerdings auch abhängig von der persönlichen Konstitution, der individuellen Lebensführung, den Selbstheilungskräften des Körpers, den wirtschaftlichen Gegebenheiten und dem Zugang zur zeitgenössischen Heilkunde. Zu den häufigsten Erkrankungen der Mundhöhle zählten – ähnlich wie heute – Karies und parodontale Erkrankungen. Auch Abrasionen – die heute wenig Bedeutung besitzen – beeinflussten die orale Gesundheit: In exzessiv verlaufenden Fällen führ-te der Abrieb der Zähne zu einer Eröffnung der Pulpahöhle (Pulpa aperta). Die folgende Infektion des Pulparaumes bewirkte in früheren Zeiten ohne zahnärztliche Intervention ein Absterben des Zahnes und dessen Zerfall bis zum Verlust.

Entzündliche Erkrankungen im Zahn-, Kiefer-, Gesichtsbereich waren im Alltag (prä-)historischer Bevölkerungen allgegenwärtig. Vor allem als Folgeerscheinungen einer Karies profunda mit Pulpa aperta und einer Infektion des Zahnmarks traten akut entzündliche und eitrige Abszesse früher häufig auf: Daraus resultierten radikuläre Zysten und periapikale Granulome. Phasen weitgehender Symptomfreiheit wechselten sich mit akut entzündlichen Krankheitsbildern ab. Bei verminderter Abwehrlage konnte es jederzeit zur Exazerbation sowie zu oralen Abszessen mit eitrigen Einschmelzungen kommen. Diese manifestieren sich am Alveolarknochen in meist vestibulär lokalisierten Kortikalisdefekten und Fistelgängen (siehe Abb. 4). Bei Kenntnis der Klinik dieser Erkrankungen und durch Anwendung von Röntgentechniken können die vorgefundenen Veränderungen differenziert werden.

Abszess mit tödlichen Folgen

Die Folgen einer durch einen kariösen Zahn verursachten Entzündung im Kiefer sind heutzutage in der Regel gut zu beherrschen. Kam es vor Einführung der Antibiotika (Mitte des 20. Jahrhundert) z.B. als Folge einer apikalen Ostitis zu einem subperiostalen Abszess, so konnte dieser zu erheblichen gesundheitlichen Störungen führen. Blieb die ärztliche Therapie des Abszesses aus – damals die Regel –, konnte sich der Abszess in die weitere Umgebung (z. B. Wange, Kieferhöhle, Orbita) ausbreiten (siehe Abb. 5). Dabei bestand als Komplikation die Gefahr des Übergreifens auf den gesamten Körper, wodurch lebensbedrohliche Zustände bis zum letalen Ausgang möglich waren. Zweifellos war in der Vergangenheit ein hoher Bevölkerungsanteil mit unterschiedlichen Entzündungen in der Mundhöhle dauerhaft belastet. Es ist anzunehmen, dass solche chronischen Entzündungen für nicht wenige Menschen Ursache oder zumindest Auslöser für eine ganze Anzahl an Erkrankungen waren, die gelegentlich sogar zum Tode führten.

Zahnfieber und Säuglingssterblichkeit

Auch die hohe Säuglingssterblichkeit vergangener Zeiten war alltägliche Wirklichkeit für Eltern und Verwandte. Von hundert lebend geborenen Kindern erreichten im Deutschland des 18./19. Jahrhundert nur 60 bis maximal 80 Prozent das Erwachsenenalter. Unter den Ursachen, die für den frühen Tod der Säuglinge verantwortlich gemacht werden, befindet sich neben anderen Erklärungen wie Ernährung, Stillverhalten, hohes Infektionsrisiko häufig die erschwerte erste Dentition. Nach Weber (1865) ist „der Ausbruch der Milchzähne mit einer empfindlichen Schwellung des Zahnfleisches verbunden. Diese Entzündung kann von Fieber, Durchfall sowie leichten cerebralen Symptomen begleitet sein. Die letzteren machen das sog. Zahnfieber zu einem keineswegs gleichgültigen Zustande. In einzelnen Fällen kann die Entzündung zu einer Periostitis der Kiefer, namentlich der Oberkiefer führen, die brandige Zerstörungen bedingen kann. In solchen Fällen schwillt die Wange phlegmonös auf, die Lider verschwellen. Schafft man nicht dem unter dem Periost gebildeten Eiter durch Einschnitte einen Ausweg, so kann die Wange brandig werden, die Kiefer nekrotisch verloren gehen.“

In der Vorantibiotikaära sind diese Zahnungsbeschwerden häufig letal verlaufen, weshalb sich in Kirchenbüchern häufig die Eintragung „verstorben an Zahnfieber“ findet (Süßmilch, 1761). Nach Gapka (1971) ist hier die früher häufig foudroyant verlaufende Osteomyelitis der Zahnkeime in das Krankheitsbild der ersten Dentition einbezogen wurde. Diese war aber keinesfalls Ursache der Zahnungsbeschwerden, sondern, da auf den Oberkiefer beschränkt, eher Ausdruck frühkindlicher rhinogener Infekte, die zufällig mit dem Zahnen auftraten und auf das Zahnkeimlager und die Orbita übergreifen und lebensbedrohliche Zustände hervorrufen konnten. Wegen der besonderen anatomischen Verhältnisse im Kiefer-/Gesichtsbereich bei Kindern können sich Infektionen hier über die noch kaum ausgebildete Kieferhöhle des Säuglings rasch und ohne Schwierigkeit in die Orbita und auf den Oberkiefer (Zahnkeimlager) ausbreiten und eine Zahnkeimosteomyelitis hervorrufen. Die Folgen dieser Erkrankungen stell(t)en zusammen mit der Fehlernährung wahrscheinlich über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg gesehen eine gefürchtete Quelle für die permanent hohe Säuglingssterblichkeit dar.

Literatur beim Autor.

Korrespondenz:
Prof. Dr. Kurt W. Alt ist im Fachbereich Biologie am Institut für Anthropologie der Johannes- Gutenberg-Universität in Mainz, Deutschland, tätig.
E-Mail:

Faszinierende Wisenschaft
Die Dental-Anthropologie (Synonym: Paläodontologie) repräsentiert ein interdisziplinär ausgerichtetes Arbeitsgebiet, das Zahnärzten, Anthropologen, Paläontologen, Anatomen, Morphologen und weiteren Spezialisten ein Forum für die weitgehend außerklinische Zahnforschung bietet. Sie beschäftigt sich mit fossilen und prähistorischen menschlichen Überresten. Diese Forschung wird vielfach von Wissenschaftern geleistet, die nicht aus der akademischen Zahnmedizin kommen (Alt & Türp, 1997). Andererseits gibt es innerhalb der Kollegenschaft Zahnmediziner wie Roland Garve, der aus privatem Interesse an der Ethnologie und Ethnomedizin fremden Völkern auf der Spur ist, die weitgehend unbeeinflusst von der heutigen Zivilisation leben. Auch diese Forschungen erlauben den Blick zurück in eine Zeit, die längst vergessen schien (Garve & Nordhausen, 2007).
Symposien zu Dental Morphology. Im Jahre 1965 etablierte sich die außerklinische Zahnforschung mit dem 1. Symposium in Fredensborg/Dänemark zum Thema „Dental Morphology“ in der internationalen Scientific Community. Seither fanden zu diesem Thema Veranstaltungen im Rhythmus von drei Jahren an diversen europäischen Standorten statt. Sie hatten ihren vorläufig letzten Höhepunkt zuletzt 2008 in Greifswald (Koppe et al., 2009).
Ausgezeichnete Forschung. Der methodische Ansatz, klassisch anthropologische (morphologische), molekulargenetische und biogeochemische Analysen an Zähnen in einem interdisziplinären Forschungsteam zu bearbeiten, wird in der Arbeitsgruppe Historische Anthropologie und Bioarchäometrie am Institut für Anthropologie der Universität Mainz (Leitung: Kurt W. Alt) realisiert. In einer Vielzahl nationaler und internationaler Projekte wird dort die Vergangenheit anhand von Bevölkerungsstichproben aus unterschiedlichsten Epochen der Zeitgeschichte (Neolihikum, Eisenzeit, Frühmittelalter, Mittelalter) erforscht. In enger Zusammenarbeit mit der Archäologie, die einen unverzichtbaren Partner darstellt, konnten in den letzten Jahren international herausragende Ergebnisse erzielt wurden (Alt et al., 2007; Haak et al., 2005, 2008; Meyer et al., 2008). Das Time Magazine sieht die letzten Forschungsleistungen der Arbeitsgruppe unter den Top 10 der wissenschaftlichen Erkenntnisse von 2008 (Haak et al., 2008).

Von Prof. Dr. Kurt W. Alt, Zahnarzt 5 /2010

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