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Quelle: Albandar et al.: J Periodontol. 2000;71(12):1874-81
Abb. 1: Assoziation von Zigarettenkonsum und Zahnverlust.
Fotos (2): Harald Leitner

Prof. Dr. Ulrich P. Saxer Zahnmedizinisches Zentrum Zürich Nord, Schweiz

Dr. Christoph Ramseier MAS, Zahnmedizinische Klinik der Universität Bern, Schweiz

Tabakkonsum und Zahnmedizin Sonderdruck der Artikelserie des Projekts „Rauchen – Interventionen in der zahnmedizinischen Praxis“ Ramseier, Christoph A.; Bornstein, Michael M.; Krüll, Matthias; Saxer, Ulrich P.; Walter, Clemens 64 Seiten, € 11,40 Simowa-Verlag, 2010 ISBN 9783908152323

 
Zahnheilkunde 3. Mai 2010

Rauchen fördert Zahnstein und Entzündungen

Zigarettenrauchen führt zu massiven Schäden am Parodont. Die Entwöhnung kann auch in der zahnärztlichen Praxis erfolgreich durchgeführt werden.

Raucher haben es schwer. Nicht nur, dass sie zunehmend aus öffentlichen Räumen verdrängt werden, und ihnen der schädigende Einfluss des Nikotinkonsums auf Lunge, Herz und Gefäße auf jeder Zigarettenpackung entgegenspringt, nun schlagen auch Zahnmediziner in diese Kerbe: Sie zeigen auf, welche Schäden der Tabakkonsum am Parodont verursacht.

 

Erfolgreiche Raucherentwöhnung trägt zur Verbesserung der Zahngesundheit bei: „Ein Raucher, der 20 Zigaretten pro Tag über 20 Jahre raucht, hat ein 20fach höheres Ri- siko für Parodontitis“, warnt Prof. Dr. Ulrich P. Saxer, Zahnmedizinisches Zentrum Zürich Nord. Dabei spielt nicht nur das Nikotin in der Plaque eine Rolle, sondern es führt zu Erkrankungen der Gewebe, die den Zahn im Kiefer halten. „Die Folgen sind Destruktion des Desmodonts, Taschenbildung, Abbau des Zahnhalteapparats und Knochenverlust, die unabhängig von der Mundhygiene und Plaque sind“, schildert Saxer. In einer irischen Studie aus dem Jahr 1994 an Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnte gezeigt werden, dass bereits ein relativ geringer Zigarettenkonsum von sechs bis 14 Packungen pro Jahr das Risiko für Parodontitis signifikant erhöht. So fand sich bei den Rauchern vermehrt subgingiva-ler Zahnstein, deutlich mehr Stellen mit einer Sondierungstiefe von mehr als vier Millimetern und erhöhten Attachmentverlust.

Mechanismen der Destruktion

Nikotin übt seine schädigende Wirkung unter anderem dadurch aus, dass es sich an der Wurzeloberfläche anlagert, wobei die Konzentration mit zunehmender Dauer des Tabakkonsums ansteigt. „Nach zirka 15–20 packs/year wird die Konzentration toxisch für Fibroblasten. Es entsteht ein Gewebeabbau, was eine Entzündung verursacht und dadurch die Bildung von Sauerstoffradikalen bewirkt, die gewebedestruktiv sind“, erklärt Saxer.

Freie Radikale – sogenannte Reactive Oxygene Species (ROS) – werden durch das Rauchen einer Zigarette aus dem Wirtsorganismus freigesetzt und sind für zahlreiche Gewebeveränderungen verantwortlich, indem sie die Wirts-DNA zerstören, Lipidperoxidation der Zellmemb- ran verursachen, endotheliale Zellen schädigen und das Wachstum der glatten Gefäßmuskulatur (VSMC) induzieren. ROS aktivieren darüber hinaus die Bildung proinflammatorischer, für die Pathogenese parodontaler wie periimplantärer Erkrankungen bedeutsamer Mediatoren wie Interleukin-6, Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) oder Interleukin-1 beta (IL-1 β).

Das Überangebot an Sauerstoffradikalen führt zu oxidativem Stress, in dessen Folge permanente chronische Entzündungszustände induziert werden. Hand-in-Hand mit dem ebenfalls aus dem Gleichgewicht geratenen MMP-TIMP-Haushalt (Tissue-Inhibitors of Matrix-MetalloProteinases) bewirkt dies im Parodont Kollagenolyse und Knochenabbau sowie Wundheilungsstörungen.

Zudem wirkt Rauchen über das Blutplasma auf andere entzündliche Prozesse im Organismus und schwächt die Immunabwehr. So bewirkt die Ablagerung von Nikotin wie an der Zahnwurzeloberfläche auch in der Lunge eine Erhöhung des C-reaktiven Proteins (CRP) und damit einen inflammatorischen Status. Nikotin verhindert auch die Revaskularisierung, das Wachstum von Parodontalligamentzellen-(PDL)-Fibroblasten, steigert die Produktion von proinflammatorischen Zytokinen und unterdrückt das Knochenwachstum.

Kombination von Risikofaktoren

Im Jahr 2000 gelang darüber hinaus in einer Longitudinal-Studie, an der insgesamt 705 Probanden teilgenommen hatten, der Nachweis, dass Rauchen mit einem deutlich erhöhten Risiko für Zahnverlust assoziiert ist (siehe Abb. 1). Ebenso verursacht Rauchen einen starken chronischen, dosisabhängigen Effekt auf die Entzündung.

Es gibt allerdings auch erfreuliche Nachrichten für Raucher: Mit Rauch-Stopp und entsprechender Zahnhygiene ist das Parodont in der Lage, sich zu erholen. So konnte gezeigt werden, dass bei ehemaligen Rauchern Blutungsindex, Sondierungstiefe und Knochenverlust zurückgehen, während fortgesetzter Nikotinkonsum eine Verschlechterung dieser Parameter bedeutet. Therapeutisch ist sowohl bei Nichtrauchern als auch bei Rauchern ein Verbesserung der parodontalen Situation zu erzielen, das Ausmaß des Erfolgs, gemessen etwa an der Reduktion der Sondierungstiefe nach einem Jahr, ist bei Nichtrauchern und ehemaligen Rauchern signifikant höher als bei Rauchern.

Dass Rauchen seine schädigende Wirkung auf das Parodont insbesondere in Kombination mit anderen Faktoren ausüben kann, zeigt eine US-amerikanische Untersuchung. Demnach ist das Risiko für Zahnverlust bei Rauchern um das 2,9fache erhöht. Tierexperimente haben zudem gezeigt, dass das gemeinsame Vorliegen von Risikofaktoren wie Stress und Nikotin nicht nur zu einer Addition, sondern einer Vervielfachung des Risikos für Parodontitis und Knochenverlust führt.

Raucherentwöhnung

„Die Tabakentwöhnung ist neben der optimalen Plaquekontrolle zur wichtigsten Maßnahme bei der Behandlung von Parodontalerkrankungen geworden“, so Dr. Christoph Ramseier, MAS, Zahnmedizinische Klinik der Universität Bern. Tabakabhängigkeit ist eine Kombination aus physischer und psychischer Abhängigkeit, weshalb auch eine Kombination aus medikamentöser Therapie zur Linderung der Entzugssymptomatik mit einer Entwöhnungsberatung zur Änderung der Konsumgewohnheiten empfehlenswert ist.

Um mit dem Rauchen aufzuhören, ist eine grundsätzliche Bereitschaft zur Verhaltensänderung notwendig. Diese Bereitschaft zur Verhaltensänderung wird oft mit dem sogenannten transtheoretischen Modell nach Prochaska und Di Clemente beschrieben, wonach vom Raucher mehrere Stadien durchlaufen werden:

  1. Das bedenkenlose Konsumieren,
  2. Überlegen, mit dem Rauchen aufzuhören,
  3. Vorbereitung auf den Rauchstopp,
  4. Rauchstopp.

 

Kommt es nach erfolgtem Rauchstopp zu einem Rückfall, so gelangt der Raucher nicht mehr zurück ins Stadium des bedenkenlosen Rauchens, sondern in Stadium 2. „Ein denkbar erfolgreiches Modell zur Unterstützung einer Tabakentwöhnung ist es daher, Patienten dazu zu motivieren, von einem in das nächste Stadium zu gelangen“, sagt Ramseier. Dazu müssen Patienten im Rahmen einer Konsultation auf ihr Rauchverhalten angesprochen werden, wobei einige Regeln der Psychologie der Kommunikation zu beachten sind, um keine inneren Widerstände seitens des Patienten hervorzurufen.

Kommunikation bedeutet in diesem Zusammenhang aktives Zuhören und Stärkung der intrinsischen Motivation des Patienten. Ramseier: „Dabei muss der Arzt nicht mehr die Überzeugungsarbeit leisten, sondern den Patienten selbst herausfinden lassen, wie und warum sie aus der Nikotinsucht herauskommen möchten.“

Zwei entscheidende Fragen

Ramseier empfiehlt für rauchende Patienten, die aus nur zwei Fragen bestehende „Tabak-Kurzintervention“: Konsumieren Sie Tabak, und können Sie sich vorstellen, aufzugeben? Besteht die Bereitschaft, das Rauchen aufzugeben, können Maßnahmen wie Verhaltens- und Pharmakotherapie oder Folgetermine sowie die Überweisung an Beratungsstellen angeboten werden. Ist der Patient nicht bereit, sollte die Frage: „Darf ich Sie beim nächsten Termin wieder darauf ansprechen?“ gestellt werden.

Rauchertelefon Österreich

Informationen für Entwöhnungswillige, Beratung und Begleitung beim Rauchstopp sowie Nachbetreuung in Rückfallsituationen bietet das Rauchertelefon Österreich. Darüber hinaus ist das Rauchertelefon eine österreichweite Schnittstelle zur Vermittlung an öffentliche Angebote zur Tabakentwöhnung. Das Rauchertelefon ist unter Tel: 0810 810 013 (maximal 10 Cent/Minute) von 13.00 bis 18.00 Uhr oder im Internet unter www.rauchertelefon.at zu erreichen.

Quelle: Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie in St. Wolfgang, 15.–17. April 2010

Von Mag. Harald Leitner, Zahnarzt 5 /2010

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