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Abb. 1: Fortgeschrittener knöcherner Attachmentverlust mit Furkationsbefall an Zahn 46 im Röntgenbild einer 57-jährigen Patientin

Abb. 2: Entzündungsfreie parodontale Verhältnisse an Zahn 46 nach chirurgischer Taschenelimination und Eröffnung des Furkationsbereichs

 
Zahnheilkunde 3. Mai 2010

Therapieresistenz von Gelenk- und Muskelschmerzen infolge Parodontitis

Klinische Problemstellung

Eine 57jährige Patientin befand sich wegen chronischer, weitgehend therapieresistenter Rückenbeschwerden als Folge arthrotischer Veränderungen in den Hüft- und Iliosakralgelenken beidseits sowie Spondylarthrosen der Wirbelsäule an unserer Klinik in ärztlicher Behandlung. Die medizinische Therapie erbrachte vorerst keine wesentliche Reduktion der phasenweise sehr starken Gelenk- und Muskelschmerzen.

Die konsiliarische Abklärung der Patientin durch den Zahnarzt ergab eine fortgeschrittene marginale Parodontitis im Bereich der Molaren des Ober- und Unterkiefers. Die Parodontitis hatte an den befallenen Zähnen teilweise bereits zu einem größeren knöchernen Attachmentverlust geführt (Abb. 1). Eine negative Wirkung der parodontalen Infektion auf die Arthrosen der Wirbelsäule und Hüftgelenke konnte nicht ausgeschlossen werden, weshalb umgehend die parodontale Therapie durchgeführt wurde. Im Anschluss an die initiale Therapiephase wurden die verbleibenden aktiven Taschen an den Molaren chirurgisch reduziert und der Patientin auf diese Weise eine effiziente Mundhygiene ermöglicht. Die Mitarbeit der Patientin war ausgezeichnet, sodass die Entzündung des Zahnhalteapparates vollständig zurückging (Abb. 2). Gleichzeitig nahmen auch die Gelenk- und Muskelschmerzen bis zur völligen Beschwerdefreiheit ab, sodass keine weitere medikamentöse Schmerztherapie mehr notwendig war.

Interessant war der weitere Verlauf der Patientengeschichte. Einige Monate nach Abschluss der Behandlung meldete sich die Patientin notfallmäßig mit starken Zahnschmerzen. Eine akute Pulpitis purulenta totalis an einem endständigen Molaren im Oberkiefer war die Ursache der Beschwerden. Mit dieser oralen Entzündung traten auch die Rückenschmerzen wieder auf. Nach erfolgreichem Abschluss der Wurzelbehandlung am Molaren bildeten sich die Rückenbeschwerden erneut und bleibend zurück.

Kommentar

Die Behandlung und Langzeitbetreuung des alternden Menschen erfordern eine frühzeitige multidisziplinäre Erfassung der Alternsprozesse. Leider wird die Alterszahnmedizin vielfach und fälschlicherweise immer noch als ein Spezialgebiet verstanden, das hauptsächlich den institutionalisierten Betagten betrifft. Dabei wird übersehen, dass eine Institutionalisierung die Folge von früher aufgetretenen Defiziten und pathologischen Veränderungen ist. Es ist wichtig zu erkennen, dass Defizite und Erkrankungen nicht erst beim Senioren im Ruhestand, sondern bereits beim 40-jährigen und Älteren gehäuft auftreten und interagieren können. Die frühzeitige Diagnose und die konsequente, interdisziplinär vernetzte Therapie dieser Krankheiten können somit für die ganzheitliche Langzeitprognose dieser Patienten von entscheidender Bedeutung sein. Der Zahnarzt ist infolgedessen eine der am laufenden medizinischen Assessment des alternden Menschen integral zu beteiligende Fachperson. 1-4, 8

In einer Studie im Kanton Genf, Schweiz, wurde durch Hochrechnung der vorzeitigen Todesfälle und Jahre der Behinderungen durch die verschiedensten Krankheiten und Unfälle die vor der durchschnittlichen Lebenserwartung durch Behinderung oder Tod verlorenen gesunden Lebensjahre berechnet. 6 Am meisten Lebensjahre in Gesundheit gingen vorzeitig durch neuropsychiatrische Krankheiten (31 %) verloren, vor allem durch Depressionen, Alkoholismus, Demenz, Schizophrenie, manisch-depressive Krankheiten und Zwangskrankheiten. Krebs (16 %) und kardiovaskuläre Herzkrankheiten (14 %) waren dagegen deutlich seltenere Ursachen. Diese Studie unterstreicht die Bedeutung der frühzeitigen Diagnosestellung und der konsequenten Therapie von Krankheiten des alternden Menschen. Da eine ganze Reihe der in Tabelle 1 aufgeführten 15 hauptsächlich für den Verlust an gesunden Lebensjahren verantwortlichen Leiden auch bedeutende Auswirkungen auf die zahnärztliche Betreuung alternder Menschen haben bzw. mit oralen Erkrankungen in Wechselwirkung treten können, ist definitiv auch der Zahnarzt gefordert, sich am mehrdimensionalen Screening zu beteiligen. 5, 7

 

Korrespondenz: Prof. Dr. Ch. E. Besimo Abteilung für Orale Medizin Aeskulap-Klinik Gersauerstr. 8 CH-6440 Brunnen Tel. 0041 41 825 49 22 Fax: 0041 41 825 48 63 E-mail:

 

Literatur:

 

1. Chiappelli F, Bauer J, Spackman S (2002) Dental needs of the elderly in the 21st century. Gen Dent 50: 358-363.

2. Fogarty C, Regenitter F, Viozzi CF (2006) Invasive fungal infection of the maxilla following dental extractions in a patient with chronic obstructive pulmonary disease. J Can Dent Assoc 72: 149-152.

3. Gordon M (2000) Problems of an aging population in an era of technology. J Can Dent Assoc 66: 320-322.

4. Graskemper JP (2002) A new perspective on dental malpractice: Practice enhancement through risk management. J Am Dent Assoc 133: 752-757.

5. Imfeld Th (2000) Allgemeinmedizinische Bedeutung der oralen Gesundheit. Acta Med Dent Helv 5: 49-50.

6. Schopper D, Pereira J, Torres A, Cuende N, Alonso M, Baylin A, Ammon C, Rougemont A (2000) Estimating the burden of disease in one Swiss canton : what do disability adjusted life years (DALY) tell us ? Int J Epidemiol 29: 871-877.

7. Siepmann M, Kirch W (2002) Multimorbidität – Interaktionen von Zahn- und allgemeinen Erkrankungen. Quintessenz 53: 391-403.

8. Vandamme K, Opdebeeck H, Naert I (2006) Pathways in multidisciplinary oral health care as a tool to improve clinical performance. Int J Prosthodont 19: 227-235.

Tabelle 1 15 hauptverantwortliche Krankheiten für den Verlust der 124 Lebensjahre durch Tod und Behinderung pro 1.000 Einwohner5
KrankheitTotal verlorene JahreVerlorene Jahre durch BehinderungVerlorene Jahre durch Tod
Koronare Herzkrankheit
Depression
AIDS
Alkoholismus
Suizid und -versuche
Gelenkerkrankungen
Lungen- und Atemwegsmalignome
Demenz und andere ZNS-Degenerationen
Hirnschlag
Straßenverkehrsunfälle
Schizophrenie
Stürze
Brustkrebs
Manisch-depressive Krankheit
Zwangskrankheit
Andere Leiden
9,9
8,6
6,0
5,8
4,7
3,8
3,6
3,5
3,2
3,1
2,6
2,6
2,4
2,1
2,1
60,0
0,9
8,6
1,5
5,6
0,4
3,8
0,3
3,4
1,0
1,0
2,6
1,7
0,4
2,1
2,1
30,3
9,0
0
4,5
0,2
4,3
0
3,3
0,1
2,2
2,1
0
0,9
2,0
0
0
29,7
Total 124 65,7 58,3

Christian E. Besimo, Brunnen (Schweiz), 2/2010

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