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Dr. René B. A. Sanderink Lehrbeauftragter für parodontale Medizin an der Universität Zürich sowie für orale Immunologie an den Universitäten Genf und Würzburg
 
Zahnheilkunde 31. März 2010

Mehr als nur Mundhöhleningenieure

Bei der ÖGP-Jahrestagung referiert Dr. René B. A. Sanderink zum Thema „Wie medizinisch ist die Zahnmedizin?“.

„Karies ist nicht immer eine Verwahrlosungserkrankung“, meint der Lehrbeauftragte für parodontale Medizin an der Universität Zürich, Schweiz, und für orale Immunologie an den Universitäten Genf, Schweiz, und Würzburg, Deutschland.

 

Im Interview sprach Sanderink über sein Berufsbild des Zahnarztes sowie aktuelle Trends in der Zahnmedizin.

 

Ihr Vortragsthema in St. Wolfgang lautet: Wie medizinisch ist die Zahnmedizin? Ich möchte die Frage von der anderen Seite aufziehen. Was ist nicht medizinisch an der Zahnmedizin?

SANDERINK: In weiten Kreisen unserer Gesellschaft existiert immer noch das traditionelle Berufsbild, dass die Zahnmedizin ein Handwerk ist. Ist eine Füllung herausgefallen, so geht man rasch zum „Zahn-Klempner“, der die Füllung erneuert, und man kann wieder beißen. Nicht medizinisch ist es zum Beispiel, wenn diese Übung etwa durchgeführt wird ohne eine Evaluation der aktuellen Kariesaktivität.

 

Finden Sie dieses Berufsbild auch bei Kollegen?

SANDERINK: Geprägt durch das Studium, lässt es sich kaum vermeiden, dass man sich in unserem Beruf quasi als Mundhöhleningenieur betrachtet. Und es sind durchaus hohe Ingenieurskünste, die da zum Tragen kommen; nicht selten in Form von mit dem erforderlichen Ehrgeiz hergestellten, hochwertigen prothetischen Rekonstruktionen. Diese werden immer öfter auch mit Implantaten verankert. Nur: Das klinische Thema bezüglich der Verhinderung dieser Rekonstruktionen wird nicht immer mit gleichem Ehrgeiz und Akribie angegangen. Dabei ist es gerade die angewandte orale Präventivmedizin, die den Unterschied zwischen unserem akademischen Anspruch und jenem des „Klempnerberufes“ ausmachen sollte.

 

Wie können und sollen Zahnmediziner den akademischen Ansprüchen gerecht werden?

SANDERINK: Kommt beispielsweise ein Patient mit einer Parodontitis oder einer hohen Kariesaktivität in die Ordination, dann sollte erkannt werden, dass es sich nicht immer um eine „Verwahrlosungserkrankung“ handelt. Das griffige Motto „Ein sauberer Zahn wird nicht krank“ erhebt den Anspruch, bei wirksamer Umsetzung der therapeutischen Zahnheilkunde ihre wesentliche Existenzberechtigung zu entziehen und bietet den Vorteil, dass eine nähere Kenntnis der vielfältigen ätiologisch wirksamen Faktoren in der Krankheitsentstehung von Karies und Parodontitis zur effektiven Kontrolle dieser Erkrankungen nicht erforderlich scheint. Allerdings würde es unserem akademischen Anspruch entsprechen, etwa bei der Behandlung von parodontalen Entzündungen deren komplexe Ätiologie durch eine detaillierte Analyse gerecht zu werden. Beispielweise können hinter einer Parodontitis anderweitige Leiden mit entzündlichem Hintergrund, ein schlecht eingestellter Diabetes, immunogenetische Faktoren oder auch eine unbehandelte Parodontitis des Lebenspartners stehen. Im Falle eines Diabetes profitieren Patienten von einer richtigen Blutzuckereinstellung auch im Sinne einer verbesserten parodontalen Gesundheit. Auf der anderen Seite lässt sich auch der Diabetes bei guter parodontaler Gesundheit besser behandeln. Dementsprechend erwarte ich von den Ärzten bei Vorliegen von systemischen Erkrankungen, die auch auf das Zahnfleisch übergreifen können, eine Überweisung zwecks zahnärztlicher Abklärung. Oder auch, dass sie über die vielfach speichelreduzierende Wirkung der von ihnen verschriebenen Medikamente informiert sind und den in der Folge höheren kariesprophylaktischen Aufwand beim Zahnarzt veranlassen – ebenfalls mittels Überweisungsprocedere.

 

In Österreich wurde die Zahnmedizin-Ausbildung vor einigen Jahren von der Ausbildung zum Allgemeinmediziner getrennt. Spricht das nicht gegen Ihre Forderung?

SANDERINK: Der Gedanke hinter diesen Trennungen war, dass ein Zahnmediziner nicht unbedingt die Anatomie der Füße kennen muss. Das wäre ja auch etwas übertrieben. Zur Ausbildungssituation sage ich: Bislang bildeten nur die doppelapprobierten Kieferchirurgen eine Brücke zwischen Zahnmedizin und Allgemeinmedizin. Im Lichte des vor-her Gesagten brauchen wir nun- mehr für die orale Medizin eine zweite „Gattung“ von doppelapprobierten Kollegen mit entsprechenden neuen universitären Lehrstühlen, die sich in Lehre und Forschung mit dem Einfluss der oralen auf die allgemeine Gesundheit und vice versa beschäftigen.

 

Wo liegen für Sie die Probleme der aktuellen Zahnmedizin?

SANDERINK: Wir haben die Tendenz, dass die orale Implantologie eine sehr dominante Stellung einnimmt und dabei die präventive Zahnmedizin und die Zahnerhaltungskunde unter die Räder kommen. Dabei sind Implantate aus immunologischer Sicht immer eine minderwertige Versorgung, verstößt ihre Insertion doch gegen ein ganz fundamentales Paradigma der angeborenen Immunität, nämlich die Unversehrtheit des epithelialen Integumentes bzw. die Konsolidierung intakter epithelialer Barrierefunktionen. Und gegen die sich anbahnende Welle von Periimplantitiden haben wir im Gegensatz zur Parodontitis auch keine schlüssigen Behandlungskonzepte. In anderen Worten: Aus immunologischer Sicht ist die Periimplantitis eine unheilbare Krankheit.

 

Welche Bedeutung hat die orale Präventivmedizin?

SANDERINK: Sie bildet den Grundstein für unser klinisches Handeln, da sie den ethischen Anspruch einer minimal invasiven Behandlung am ehesten gerecht wird. Minimal invasive Behandlungskonzepte in der Zahnarztpraxis stellen einen bedeutsamen Beitrag für die allgemeine Infektionsprophylaxe dar, was inzwischen auch als wesentlich für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Gesundheit anerkannt wird.

 

Das Gespräch führte Mag. Harald Leitner

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