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Fotos (2): Andreas Scheiderbauer
Als weit gereister Vortragender sprach Dr. M. Alan Bagden (links im Bild) aus den USA über selbstligierende Brackets; an seiner Seite: Tagungsleiter Prof. DDr. Martin Richter.

Traditionell mit dabei: die Kitzbüheler Zahnspangen-Gams.

 
Zahnheilkunde 31. März 2010

Quo vadis Orthodontia?

Die 39. kieferorthopädische Fortbildungstagung in Kitzbühel ist längst zum Fixpunkt für Insider avanciert.

Ein Auszug aus den Schwerpunkten der diesjährigen Veranstaltung vom 6. bis 13. März 2010 unterstreicht die Qualität der traditionellen Tagung in idyllischer Umgebung: Dr. Joong-Ki Lim und Dr. Hyeon-Shik Hwang aus Korea referierten über Miniimplantate. Dr. Aladin Sabbagh aus Deutschland stellte die Sabbagh-Feder vor und Dr. M. Alan Bagden aus den USA sprach über die Grenzen von selbstligierenden Brackets.

 

„Mit Miniimplantaten als Verankerung kann man nicht nur distalisieren, sondern auch andere sehr dienliche Zahnbewegungen einleiten“, sicherte sich Dr. Joong-Ki Lim aus Korea gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Er verwende die Methode sehr erfolgreich, um Molaren zu intrudieren und so auch frontal offene Bisse zu behandeln, teilte der Direktor der Yon Dental Clinic seine Erfahrungen. Ebenso intrudiere er damit Frontzähne und therapiere den „Gummismile“. Die Insertionsstelle der Minischrauben sollte, je nach Indikation, vorzugsweise zwischen den beiden mittleren Schneidezähnen, auf Höhe der Wurzelspitzen oder zwischen dem zweiten Prämolaren und dem ersten Molaren bukkal und palatinal liegen. Sein Tipp: „Die Intrusionsbewegungen dürfen nur mit einem sehr geringen Kraftaufwand – maximal 20 Gramm – ausgeführt werden!“ Nur so könne das Risiko von Wurzelresorptionen gering gehalten werden. Weiters riet er, gleich mitzuberücksichtigen, dass durch die Intrusion im Frontzahnbereich eine anschließende Gigivektomie notwendig werden kann. Die Verankerungskontrolle ist, wie auch sein Kollege Dr. Hyeon-Shik Hwang, ebenso so aus Korea, mit Nachdruck betonte, entscheidend für den Behandlungserfolg; gerade für ältere Patienten mit Zahnverlust und paradontalen Problemen! Ein weiterer wesentlicher Vorteil der Minischrauben liegt für die Experten darin, dass sie den Behandler von der Mitarbeit der Patienten etwas unabhängiger machen.

Die Möglichkeiten und Grenzen der Sabbagh-Feder

Ein anderes praktisches Gerät, das dem Behandler gute Dienste bei der Klasse-II-Behandlung von Erwachsenen leistet, sei die Sabbagh-Feder, so Dr. Aladin Sabbagh aus Deutschland, der seine Erfindung höchstpersönlich vorstellte: Mithilfe der Feder kann man bis zu 6 mm korrigieren – 2 mm dentoalveolär im OK, 2 mm über Umbau- und Remodelling-Effekte im Kiefergelenksbereich und weitere 2 mm dentoalveolär im UK. „Daraus lässt sich auch die richtige Indikation für die Feder ableiten: nämlich Erwachsene, die nur eine leichte Profilkorrektur benötigen“, so Sabbagh.

Bei Kiefergelenksbeschwerden verwendet er zusätzlich einen sog. Aquasplint, den man auch während einer Multibandbracketapparatur einsetzen kann und der okklusal auch nicht eingeschliffen werden muss, da sich die beiden miteinander verbundenen „Wasserkissen“ selbst anpassen.

Wann ist Schluss mit Expansion von selbstligierenden Brackets?

„Die Lippen drücken im Durchschnitt mit 40 Gramm auf die Inzisiven. Übt man jedoch höheren Druck aus, verändert man dieses muskuläre Gleichgewicht, und es kann zu unerwünschten Kippungen kommen“, gab US-Experte Dr. M. Alan Bagden im Zuge seiner Ausführungen zu den selbstligierenden Brackets zu bedenken. Deshalb sei es sinnvoller und auch zielführender, wenn man das natürliche Gleichgewicht nicht mit den kieferorthopädischen Apparaturen durchbreche, so der Experte.

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf könne man mithilfe des Damon-Systems den Oberkiefer so weit expandieren, dass der Unterkiefer sich quasi von selbst „aufrichtet“. Doch, so verlockend es auch sei, „nicht jeder Patientenfall ist ohne Extraktion mit selbstligierenden Brackets behandelbar“, ergänzte Bagden. Als Beispiele nannte er skelettal offene Fälle, ein konvexes Profil, proklinierte Frontzähne u. Ä. m.

Erfolg ist ein Zusammenspiel zwischen den Disziplinen

Doch unabhängig davon, ob es sich um außergewöhnliche Zahnbewegungen, von denen Dr. Bernd Zimmer aus Deutschland berichtete, oder um Zahndurchbruchstörungen, Nichtanlagen und Milchzahnpersistenz, für die Prof. Dr. Hans Ulrik Paulsen Behandlungsoptionen vorstellte, hängt der Erfolg erheblich auch von der interdisziplinären Arbeit innerhalb der Zahnmedizin ab: „Hier liegt noch Optimierungspotenzial verborgen!“, meint Prof. DDr. Herbert Dumfahrt aus der Sicht des Prothetikers über die Möglichkeiten der besseren Koordination der zu behandelnden Patienten mit den Kieferorthopäden.

„Ich bin oft auch bestürzt über den Umgang mit der optimalen Funktion: Die statische und dynamische Funktionalität der Okklusion fristet ein stiefmütterliches Dasein. Es wird zwar viel darüber geredet, aber zu wenige machen sich letztendlich die Mühe, sich in der täglichen Praxis eingehend damit auseinanderzusetzen. Bei den meisten bleibt es leider nur bei einem Lippenbekenntnis! Natürlich weiß ich, dass für eine perfekte Okklusion, die in der hochwertigen Prothetik heute ja zum Standard zählt, ein großer Aufwand, den mir keiner extra bezahlt, nötig ist. Doch zu einer perfekten Behandlung gehören tadellose Okklusion und Funktion einfach dazu, damit man nicht langfristig die Gesundheit schädigt“, unterstreicht auch Tagungsleiter Prof. DDr. Martin Richter die Herausforderungen.

Individualität ist gefragt

Gemeinsam diskutierten die beiden Experten Grenz- und Langzeitfälle und teilten eine Auswahl interessanter Erfahrungen; allen voran, dass trotz oder gerade wegen all der Neuerungen, die in den letzten Jahrzehnten die Kieferorthopädie revolutioniert haben, eine ausführliche individuelle Diagnose und Befunderhebung selbst bei einander sehr ähnelnden Fällen unerlässlich für den Erfolg sei: Dann gelingt die Behandlung auch!

Von DDr. Andreas Scheiderbauer und Dr. Veenu Scheiderbauer, Zahnarzt 4 /2010

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