zur Navigation zum Inhalt
Foto: knipseline/PIXELIO / Ärztre-Woche-Montage
 
Zahnheilkunde 2. März 2010

Und immer wieder: Fünf vor zwölf

Überlastungssymptome in der Ordination werden oft zu lange ignoriert – Teil 2.

Burn-out ist ein häufiges Thema in einer Ordination – nicht nur weil Patienten betroffen sein können, sondern auch Ärzte und deren Mitarbeiter. Im zweiten Teil unserer Serie rund um die Gesundheitsförderung innerhalb der Ordination zeigen wir, dass sich schon mit wenigen Tricks viel bewerkstelligen lässt.

 

Ein kleines Beispiel, das in einer Ordination immer wieder vorkommt: In jüngerer Zeit häufen sich bei einem zuvor gesunden Erwachsenen Krankenstände. Er fehlt immer wieder am Arbeitsplatz oder geht, noch nicht auskuriert, trotzdem arbeiten. Zudem klagt er über unspezifische Beschwerden wie Schlafprobleme, Bauchschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten oder Verlust an Lebensfreude. Die Vermutung, dass es sich um ein Burn-out-Syndrom handelt, liegt nahe. „Solche Warnhinweise werden leider gerade in Systemen wie einem Spital oder einer Ordination lange übersehen oder ignoriert“, stellt der klinische Psychologe und Gesundheitspsychologe Dr. Franz Witzmann fest, der unter anderem mit der Ärztekammer Oberösterreich zusammenarbeitet und dort Kurse zum Thema Stressmanagement anbietet. Witzmann ortet just in Ordinationen ein systematisches Verdrängen dieses Themas: „Burn-out ist ein angstbesetztes Thema, denn der ständige Stress wirkt sich natürlich auf die eigene Gesundheit aus. Und dies widerspricht dem Nimbus des Arztes, nie krank zu sein.“

Ein wichtiger Faktor für den Stress im System „Arbeitsplatz Ordination“ ist aus Witzmanns Sicht die ständige Konfrontation mit Krankheit und der Endlichkeit des Lebens. „Natürlich gibt es eine gewisse Professionalität im Umgang mit Menschen, die von Krankheit oder dem Verlust eines Angehörigen betroffen sind. Trotzdem werden sowohl Ärz-te als auch deren Mitarbeiter davon berührt.“ Ein möglicher Lösungsansatz ist, Raum für den Austausch im Ordinationsteam zu schaffen, um sich dort über Situationen auszutauschen, die als belastend erlebt werden. Hier kann es durchaus vorteilhaft sein, sich Unterstützung von außen zu holen.

Chronisch unter Strom

Gerade für Ärzte sind Stress und das Ständig-am-Sprung-Sein“ ein Dauerzustand – vor allem dann, wenn Bereitschaftsdienste anstehen. Und wenn sie dann wieder zu Hause sind, kann es ihnen schwerfallen, sich zu erholen und abzuschalten.

Dieses Problem verschärft sich, wenn die Ordination nahe der eigenen Wohnung ist oder, was auch häufig vorkommt, Arbeits- und Wohnbereich überhaupt im selben Haus untergebracht sind. Witzmann: „Damit fällt der Weg vom und zum Arbeitsplatz weg, der auch eine gewisse Anwärm- bzw. Abschaltphase bedeutet.“

„Networking“ ist angesagt

Der Psychologe empfiehlt den Aufbau eines Netzwerks von Ärzten, die zu Vertretungen bereit sind. Außerdem: „Es geht nicht nur in Hinsicht auf Stress darum, Gesundheit als wichtigen Wert zu sehen, in den Ärzte auch eigene Zeit und Geld investieren.“ Für den Umgang mit Mitarbeitern bedeute dies, „Alarmzeichen nicht einfach zu ignorieren, sondern gezielt anzusprechen. So sollten Mitarbeiter beispielsweise dabei unterstützt werden, einen Coach oder Psychotherapeuten zu finden.“

Der etwas andere Stress

Stress hat viel mit den organisatorischen Abläufen eines Unternehmens zu tun. Wie schon im ersten Teil dieser Serie betont, ist die bewusste Analyse und Weiterentwicklung dieser Abläufe ein wichtiger Teil von Gesundheitsförderung und aktivem Stressmanagement. „Ein Wartezimmer, in dem nicht schon viele Patienten warten, nehmen viele Ärzte als Stressfaktor wahr“, so Witzmann. Manche kommen aber paradoxerweise bewusst bis zu 20 Minuten später an ihren Arbeitsplatz, um ein volles Wartezimmer vorzufinden, das ihnen das Gefühl des Gebrauchtwerdens vermittelt – ein Teufelskreis mit fatalen Auswirkungen für alle Beteiligten.

Wenn Patienten bis zu einer Stunde oder länger im Warteraum sind, erzeugt dies nicht nur für sie, son-dern für das ganze Ordinationsteam Anspannung. Es kann durchaus zu solchen dichten Zeiten kommen, selbst wenn alle Maßnahmen von gut geplantem Bestellmanagement genutzt werden – sie sollten aber nicht zum Regelfall werden. „Das Gefühl, ständig der Arbeit hinterdrein zu laufen, ist ein leider stark unterschätzter Belastungsfaktor“, sagt Witzmann und rät, bewusst Schritte zur Entschleunigung innerhalb der Arztpraxis zu setzen: „Werden Angebote für die Patienten wie Yoga, Tai Chi oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson organisiert, hat dies auch einen hohen Symbolwert. Und diese Angebote sollten auch für die Mitarbeiter zugänglich sein.“

Wichtig für die Entschleunigung ist das gezielte Einplanen von Zeitpolstern. Auch in großen Unternehmen wird immer bewusster damit gearbeitet, dass nur etwa 70 bis 80 Prozent der Zeit verplant und der Rest für Unerwartetes reserviert wird. Gleichzeitig kann es darum gehen, Patienten bei Bedarf längere Gespräche nach der Ordinationszeit anzubieten, gerade wenn es um die Klärung schwieriger Diagnosen oder einen Todesfall geht. Dabei kann und soll der Arzt auch auf seine zeitlichen und energetischen Ressourcen achten sowie im Bedarfsfall an Beratungs- und Unterstützungsinstitutionen verweisen. Zu wissen, wer in der Region etwas dazu anbietet, ist ein wichtiger Teil von Stressmanagement.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Zahnarzt 3 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben