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Foto: Amancay Maahs / flickr.com
Die Entfernung des Amalgams muss nach einem bestimmten Procedere ablaufen, um so wenig Schwermetall wie möglich freizusetzen.
 
Zahnheilkunde 2. März 2010

Hochkarätiges Gefahrenpotenzial?

Metallionen von Dentalmaterialien fördern die Bildung freier Radikale und möglicherweise auch das Auftreten von Autoimmunerkrankungen und Krebs.

Metalle im Körper können toxische und allergische Reaktionen auslösen. Lokale Symptome sind dabei seltener, Allgemeinerkrankungen können hingegen heftig und schwerwiegend sein. Welche Auswirkungen Dentalmetalle haben können, wann eine Amalgamentfernung durchgeführt werden soll und welche möglichen Diagnoseverfahren zur Identifizierung von Überempfindlichkeiten oder Metallallergien zur Verfügung stehen, war Inhalt eines Fortbildungskurses in Wien.

 

Metalle in Gebrauchsartikeln des täglichen Lebens können Gesundheitsprobleme verursachen. Die chronische Metallbelastung durch Schmuck, Zahnimplantate und -sanierungen, Kosmetik oder Gelenkprothesen kann genetisch prädisponierte Personen sensibilisieren und zu einer allergischen Reaktion vom Typ IV führen. Die Metallaller-gie spielt daher in der Implantolo- gie, Chirurgie, Orthopädie, Zahnmedizin, Allgemeinmedizin und Inneren Medizin eine wichtige Rolle.

Von Erschöpfung bis hin zu Depressionen

Als Katalysatoren für Oxidation fördern Metalle die Bildung freier Radikale, die zu Zell- und Gewebeschädigungen und Entzündungen führen können. Der Körper besitzt enzymatische (Glutathion-Peroxi- dase, Katalse, SOD u.a.) und nicht-enzymatische Schutzmechanismen (Vitamin A, C, E, Taurin, Glutathion u. a.), die jedoch bei langer und starker Belastung überfordert werden können.

Der Großteil der Metalle, der für Zahnfüllungen verwendet wird (z. B. Quecksilber, Gold, Nickel, Palladium, Silber, Platin, Titan etc.), wirkt aufgrund seiner hohen Bindungskapazität zu reaktiven chemischen Gruppen (z. B. Sulfhydryl(SH)-Gruppen) immunmodulatorisch. Amalgam besteht zu 50 Prozent aus Quecksilber: Für das besonders toxische Metall hat die FDA für gefährdete Risikogruppen wie Schwangere, Kinder oder Patienten mit neurologischen Erkrankungen und allergischen bzw. autoimmunologischen Erkrankungen eine Warnung ausgesprochen. Autoradiografische Verfahren belegen, dass Quecksilber speziell im Kolla-gen und Fettgewebe in hohen Konzentrationen ablagert wird.

Doch Dentalmetalle wirken nicht nur direkt auf das Immunsystem, sondern haben indirekt auch Ein-fluss auf das hormonelle System, die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse). Prof. Dr. Vera Stejskal, Immunologin aus Stockholm, die den Lymphozytentransformationstest MELISA entwickelt hat, erörterte, dass das sogenannte Fatigue-Synrdom und Depression obligatorisch in Kombination mit chronischen Erkrankungen auftreten, da Zytokine die HPA-Achse stimulieren. Dass die Zytokin-Ausschüttung bei Kontaktallergien Ausdruck einer systemischen Inflammation ist, konnte Möller H. et al. bereits 1999 zeigen. In einer doppelblinden Studie bei Patienten mit Kontaktallergie gegenüber Nickel und Gold konnte ebenfalls nach 24 Stunden ein Anstieg der Plasmazytokine, wie Tumor-Nekrose-Faktor-Alpha und IL1-Rezeptor-Antagonist, nachgewiesen werden.

In der klinischen Praxis können die Symptome metallsensibler Personen von oralen Schleimhautveränderungen über Hauterkrankun-gen bis zur ausgeprägter Fatigue und Autoimmunerkrankungen reichen. Metallallergien spielen aber auch bei Erkrankungen wie multipler Sklerose, Migräne, Fibromyalgie, rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn, Nahrungsmittelallergien, amyotrophe Lateralsklerose, Lupus erythematosus, Hauterkrankungen wie Ekze-men oder Psoriasis, Autismus, Krebs eine relevante Rolle.

Epikutantest eingeschränkt aussagekräftig

Aufgrund der Zunahme von Metallimplantaten ist es wichtig, geeignete Diagnoseverfahren für Metallallergien oder Überemfindlichkeiten bei empfänglichen Personen zur Verfügung zu haben. Der häufig eingesetzte Epikutantest ist jedoch nur eingeschränkt zuverlässig.

Eine andere Möglichkeit bietet der Nachweis von „Memory-Zellen“ im Blut durch den MELISA-Test, da Typ-IV-Allergien durch T-Lymphozyten vermittelt werden. Kommt es zu einem erneuten Kontakt der T-Lymphozyten mit dem sensibilisierenden Allergen, reagieren die Memory-Zellen mit Lymphoblasttransformation und Proliferation. Die neu gebildeten Effektor-Zellen führen zusammen mit den von ihnen sezernierten Zytokinen zu der allergischen Reaktion. Dieser Test ist empfindlicher als der Epikutantest. So kann z. B. zwischen verschiedenen Formen von Quecksilber wie Äthylquecksilber (Thiomersal), Methyl-Quecksilber (organisches Quecksilber) und anorganischem Quecksilber unterschieden werden. Allergien gegen zahlreiche Metalle sind damit nachweisbar (z. B. Aluminium, Arsen, Blei, Cadmium, Chrom, Cobalt, Eisen, Ethylquecksilber, Gold, Kupfer, Mangan, Methylquecksilber, Molybdän, Nickel, Palladium, Phenylquecksil-ber, Platin, Silber, Thimerosal, Titandioxid, Zink, Zinn etc.), jedoch auch Überempfindlichkeit gegen andere Allergene wie Borrelia, Nahrungsmittel, Medikamente. Auch bei zahlreichen Erkrankungen (siehe Tab. 1) kann ermittelt werden, ob das Entzündungsgeschehen infolge von Metallen oder anderem Agens für die Erkrankungspathologie relevant ist. In diesem Fall kann eine Beseitigung der Exposition in der Abnahme des Inflammationsprozesses im Körper resultieren und damit die Gesundheit des Patienten verbessern, wie auch Stejskal V. D. et al. in ihrer Studie in Neuro Endocrinol Lett 2006; 27 (Suppl 1): 7-16 nachweisen konnten. Auch hier führte die Entfernung inkompatibler Zahnfüllungen zu langfristiger gesundheitlicher Verbesserung.

Amalgamentfernung – wann und wie?

Eine kompetente Sanierung ist eine optimale Vorbereitung für spätere technische Versorgungen, betonte Dr. Peter Spleit, komplementär arbeitender Zahnarzt aus Zeltweg. Die Indikationen für eine Amalgamentfernung können dabei sehr unterschiedlich sein (siehe Tab. 2), die Vorbereitung des Patienten umfasst eine allgemeine und zahnärztliche Anamnese. Die Entfernung des Amalgams muss nach einem bestimmten Procedere ablaufen, um so wenig giftige Schwermetalle wie möglich freizusetzen. So verdampfen die im Amalgam enthaltenen Quecksilberanteile bereits bei Zimmertemperatur. Um die gesundheitlichen Folgeschäden möglichst niedrig zu halten, ist zum Schutz des Patienten die Verwendung eines Kofferdams, der Einsatz von Hartmetallbohrern mit langsamen Umdrehungen und reichlicher Wasserzufuhr und von Spezialsaugern anzuraten, zum Schutz des Ärzteteams gute Raumlüftung, Ionenaustauscher, Sauerstoffzufuhr, Handschuhe und Mundschutz.

Neben dem Entfernen der Amalgamspuren ist die Entgiftung des gesamten Körpers ein wesentlicher Baustein der Amalgamsanierung. Die Ausleitungstherapie sollte jedoch sowohl die Entgiftung als auch die Regeneration des Körpers und damit die Stärkung des Immunsystems zum Ziel haben, um die hinterlassenen Folgeschäden zu beheben. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, eine Schwermetallausleitung vorzunehmen. Bei der medikamentösen Ausleitung kommen sogenannte Chelatoren zum Einsatz, z. B. DMPS, DMSA (sogenannte Antidoten). Diese enthalten Thiolverbindungen, die eine Ausscheidung der gebundenen Gifte ermöglichen. Bei der biologischen Ausleitung werden biologi-sche Produkte, allen voran Bärlauch, Mariendistel- und Korianderkräuterdestillate, Chlorella-Algen, natürliches Vitamin C usw. verwendet. Nach erfolgter Ausleitung kann dann die endgültige Füllung eingesetzt werden, wenn vorher das entsprechend verträgliche Material ausgetestet wurde.

 

Quelle: Fortbildung ZIV: „Metallproblematik durch Dentalmaterialien“, 15.–16. Jänner 2010, Wien

Kasten 1
Krankheiten, bei denen der Melisa-Test diagnostisch eingesetzt werden kann
  • Hauterkrankungen (Psoriasis, Ekzeme)
  • Autoimmunerkrankungen (multiple Sklerose, Thyroiditis, Sjögrens Krankheit)
  • Gastrointestinale Erkrankungen
  • Chronic Fatigue Syndrome (CSF)
  • Candidaallergie
  • Arzneimittelallergie (z. B. Penicillinallergie)
  • Allergie gegen Chemikalien (z. B. Formaldehyd)
  • Autistische Störungen
  • Lyme-Krankheit (aktive Borreliose)
Kasten 2
Indikationen für eine Amalgamentfernung
 
  • Unverträglichkeit von Amalgam nach Austestung
  • Chronische Erkrankungen
Rheuma, Arthritis, Autoimmunerkrankungen, multiple Sklerose, Parkinson, Diabetes etc.
  • Therapieresistenzen
Trotz durchgeführter Therapien ständige Wiederholung der gleichen Erkrankung.
  • Verschiedene Metalle im Mund
Durch die Mischung von edleren und unedleren Metallen kommt es vermehrt zum Herauslösen von metallischem (gasförmige) Quecksilber aus den Amalgamfüllungen.
  • Mundgeruch oder schlechter Geschmack
Die meisten Patienten berichten unaufgefordert von dieser Veränderung nach der Amalgamisierung.
  • Batteriegefühl beim Essen
  • Brennen von Zunge und Schleimhaut
  • Verfärbung von Zahnfleisch und Wangenschleimhaut
Dunkle Verfärbungen sind meist „Amalgamtätowierungen“, livide Verfärbungen können bei jeder Schwermetallunverträglichkeit entstehen, weißliche Verfärbungen können Pilzbefall oder chronische Präkanzerosen sein.
  • Allgemeinsymptome
Chronische Müdigkeit, Infektanfälligkeit, Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, unerfüllter Kinderwunsch, chronische Erkrankungen und Krebserkrankungen.

Von Dr. Friederike Hörandl, Zahnarzt 3 /2010

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