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Foto: Thommy Weiss / pixelio.de
In Salzburg tut sich so einiges – nicht nur im Bereich der Zahnmedizin.
Foto: Privat

OMR Dr. Erwin Senoner Präsident der Landeszahnärztekammer Salzburg, Vizepräsident und Pressereferent der Österr. Zahnärztekammer, Ehrenpräsident der Österreichischen Kinderkrebshilfe, Vorstandsmitglied des Forschungsinstitutes für krebskranke Kinder am St. Anna Kinderspital

 
Zahnheilkunde 2. März 2010

„Ständig neue Vorschriften überfordern viele Kollegen“

Der Präsident der Landeszahnärztekammer Salzburg Erwin Senoner sieht Genossenschaften für Zahnärzte als ein absolutes Muss zur Unterstützung der Kollegenschaft.

Der engagierte Funktionär auf Landes- und Bundesebene wünscht sich angesichts neuer Regelungen und der Migration aus dem nahen Ausland „vor allem Wettbewerbsgleichheit sowie Kollegialität“. Die Gründung von auf Ärzte und Zahnärzte beschränkten GmbHs befindet er als durchaus sinnvoll.

Um seine Salzburger Kollegen bestmöglich unterstützen zu können, möchte Senoner die Landeszahnärztekammer zu einer umfassenden Servicestelle ausbauen. Im Interview mit dem Zahn Arzt äußert sich der niedergelassene Zahnarzt weiters zu aktuellen Themen wie Altersgrenze, Implantologie-Boom und Schwachstellen in der Ausbildung.

 

In Salzburg wurde kürzlich eine Klage gegen einen Zahnarzt wegen unsachgemäßer Setzung von Implantaten eingebracht. Selbst bei kritischen Indikationen wird immer öfter implantiert. Gibt es einen Boom an Implantationen? Wie schätzen Sie diese Situation ein?

SENONER: Ja, es gibt einen Boom bei Implantationen. Die Patienten bekommen durch Berichterstattung in den Medien, Vorträge selbsternannter Experten und selbst durch sogar zum Teil unerlaubte Werbung den Eindruck, dass sämtliche Probleme der Zahnheilkunde mit Implantaten für immer und ewig gelöst werden können. Damit wird aber auch von den Patienten auf die Behandler ein gewisser Druck ausgeübt, Implantate zu setzen – was dann eben zu Problemen führt, wie wir es bei den diversen Patientenschlichtungsstellen immer wieder sehen. Es ist höchste Zeit, nach strengsten Indikationsstellungen vorzugehen, bevor die Implantate generell in Verruf kommen. In Schweden kam eine Implantatfirma sogar in Verdacht, Daten zu verfälschen. Dort mehren sich im – man könnte sagen – „Mutterland“ der Implantationen kritische Stimmen – bis hin zu einem sehr berühmten Professor, der in seinem im Quintessenz-Verlag erschienenen Lehrbuch sinngemäß schrieb, dass er der Meinung sei, dass die Art, wie man heute Implantate zu viel verwendet, einmal in Zukunft als Verbrechen angesehen werden könnte.

 

Derzeit wird heftig über eine Altersgrenze von 70 Jahren für Kassenverträge diskutiert und verhandelt. Ihre Meinung dazu?

SENONER: Eine Altersgrenze der Kassenverträge lehne ich prinzipiell ab. Andenken kann man eine Altersgrenze für die Erst-in-Vertragnahme, wie sie z. B. in Bayern besteht. Es spricht nichts dagegen, eine Kassenstelle neu auszuschreiben, wenn ein Kollege ein gewisses Alter erreicht. Damit hat der betroffene Kollege die Möglichkeit, sich mit dem Nachfolger zu einigen oder eben weiterzuarbeiten, mit dem Bewusstsein, dass sein Vertrag, wenn er aufhört, erlischt. Es ist nicht einzusehen, dass Patienten, die jahrelang von einem Zahnarzt zu deren bester Zufriedenheit betreut wurden und weiterhin bei dem Zahnarzt bleiben wollen, entweder zahlen müssen oder zum Wechsel gezwungen werden.

 

Die österreichische Ärztekammer findet, dass es auch Ärzten gestattet sein muss, ihren Beruf in der Rechtsform einer GmbH auszuüben. Welche Konsequenzen hätte eine derartige Liberalisierung, auch für Zahnärzte?

SENONER: Prinzipiell sollte das Gesundheitswesen nicht als Markt gesehen werden, sondern als Betreuung der Patienten. GmbHs zu gründen, an denen sich auch Investoren in der Hoffnung auf große Gewinne beteiligen können, ist meiner Meinung nach abzulehnen. Sehr wohl sinnvoll finde ich auf Ärzte und Zahnärzte beschränkte GmbHs, wobei auch hier die Zahl der Beteiligten einzugrenzen ist, um nicht unpersönliche Versorgungsfabriken zu kreieren. Aus steuerlicher Hinsicht wäre eine GmbH meiner Meinung nach mehr als wünschenswert.

 

Sie sind Initiator und Ehrenpräsident der Kinderkrebshilfe. Wie kam es dazu? Welche Projekte gibt es hier speziell in Salzburg?

SENONER: Ich war betroffener Vater und habe vor 25 Jahren den ersten Kinderkrebshilfe-Verein in Österreich am St.-Anna-Kinderspital in Wien gegründet und aufgebaut; mit dem Ziel, dort ein Forschungsinstitut zu installieren. Der Aufgabenbereich ist explodiert, und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung hat zu einem nahezu unfassbaren Erfolg beigetragen. Ich habe dann noch geholfen, diverse Landesvereine aufzubauen und schlussendlich den Dachverband, die Österreichische Kinderkrebshilfe, auf die Beine gestellt, deren Ehrenpräsident ich bin. Auch zum Vorstand des Forschungsinstitutes CCRI (Children’s Cancer Research Institute) zähle ich heute nach wie vor. Am Aufbau des Salzburger Vereins habe ich nur mitgeholfen. Dieser ist das Verdienst anderer Leute. Momentan läuft in Salzburg das von den Salzburger Nachrichten und von den Lion Clubs unterstützen Projekt „Sonneninsel“ eines Rehabilitationszentrums für krebskranke Kinder. Rehabilitationszentren für Kinder fehlen ja in allen Bereichen der Medizin.

 

Welche weiteren Projekte laufen in Salzburg, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

SENONER: Wir möchten die Salzburger Zahnärztekammer zu einer echten Servicestelle für die Anliegen der Zahnärzte ausbauen. Der Aufbau einer Kammer ist wahrlich nicht ganz einfach. Wir sind aber auf einem guten Weg. Weiters müssen die Abläufe auf Basis der gewonnenen Erfahrungen noch verbessert werden und die Vernetzung mit den anderen Landeszahnärztekammern bzw. mit der Österreichischen Zahnärztekammer ebenso. Wir betreiben in Salzburg eine Fortbildungsakademie, die inzwischen eng mit der ÖGZMK zusammenarbeitet, sowie eine Helferinnenschule und ein Behinderten -Behandlungszentrum, an dem auch die Möglichkeit für Narkosebehandlungen für Angstpatienten für alle Kollegen besteht. Diese Institute versuchen wir weiter auszubauen, da sie sich bisher sehr bewährt haben. Weiters wollen wir die Prophylaxe verbessern und mit dem AVOS (Arbeitskreis für Vorsorgemedizin) in enger Kooperation Reihenuntersuchungen durchführen. Dazu wird eine Art Patenzahnarztsystem aufgebaut.

 

Wie sehen Ihre persönlichen Ziele und Anliegen für die Salzburger Zahnärzte aus; was tut sich derzeit auf Landes- und Bundebene?

SENONER: Gerade Salzburg wurde von der Migration aus dem benachbarten Ausland etwas überrollt. Diese Tendenz hat sich inzwischen allerdings schon etwas eingebremst. Leider haben sich einige der neu zugezogenen Kollegen nicht an die bisher üblichen Verhaltensregeln gehalten. Mir ist es wichtig, dass hier Ordnung und vor allem Wettbewerbsgleichheit sowie Kollegialität bestehen. Aus diesem Grund habe ich mich als Vorsitzender des Werbeausschusses für die neuen Werberichtlinien engagiert. Weiter ufert die Unsitte aus, dass sich viele Kollegen als selbsternannte Experten für Publikumsvorträge befähigt sehen. Hier schwebt mir die Entwicklung einer Art Gütesiegel für Publikumsvorträge vor. Wir haben in Salzburg eine zahnärztliche Genossenschaft gegründet, und darin ist auch der Großteil der in Salzburg niedergelassenen Kollegen bereits Mitglieder. Wir sind der Meinung, dass diese Genossenschaft, wie man ja auch in anderen Staaten, z. B. Skandinavien, Deutschland usw. sieht, ein absolutes Muss als Unterstützung für die Kollegenschaft ist. Die unglaubliche Vorschriftswut, die auf uns niederprasselt, die sich ständig ändernden Vorschriften und daraus resultierenden Investitionen überfordern viele Kollegen. So kommt es auch vor, dass manche Firmen bereits Dinge anpreisen und verkaufen, bevor die genauen Vorschriften überhaupt fixiert sind. Ich erinnere als Beispiel an die Hygieneordnung, die noch nicht besteht. Dies alles überfordert den einzelnen Kollegen – und Dinge wie gemeinsamer Gerätekauf usw. sind nicht Aufgabe einer Kammer. Stellen Sie sich vor, wir müssen alle neue Sterilisatoren kaufen – dann wird wohl der Einzelne nicht in der Lage sein, einen guten Preis zu erzielen. Gemeinsame Einkäufe über Genossenschaften sehr wohl.

 

Sie sind auch Pressereferent der Österreichischen Zahnärztekammer. Was zählt diesbezüglich zu Ihren Aufgaben?

SENONER: Ich bin gemeinsam mit dem Präsidenten mitverantwortlich für die ÖZZ. Weiters sind Presseanfragen, die gesamtösterreichische Probleme betreffen, in Abstimmung mit dem Präsidenten zu beantworten. Im Zuge dieser Tätigkeit habe ich auch einige Fernsehdiskussionen, Pressekonferenzen usw. zu bestreiten.

Wie beurteilen Sie die Ausbildung zum Zahnmediziner in Österreich im internationalen Vergleich?

SENONER: Es ist kein Geheimnis, dass ich ein Anhänger der früheren Ausbildungsordnung – sprich Medizinstudium und anschließend Facharzt – war und bin. Es fällt uns auf, dass zurzeit praktisch kaum niederlassungswillige inländische Zahnmediziner vorhanden sind. Vonseiten der Studenten hört man immer wieder Klagen – und es wird auch kolportiert –, dass viele Zahnmediziner die Ausbildung im Ausland fortsetzen. Offen gestanden habe ich mir den Übergang zu dem neuen Studium fließender und reibungsloser vorgestellt, nachdem einige Professoren uns das beste mögliche Studium in Aussicht gestellt haben. Ich hoffe, dass die Anfangsschwierigkeiten, die da immer und überall auftreten können, bald überwun-den sind. Sorge macht mir, dass viele Ausbildungsinhalte offensichtlich in diesem Studium nicht mehr zu vermitteln sind und die Studierenden überall postgraduell zu Kursen und Masterausbildungen gezwungen scheinen. Dies ist für mich nahezu eine Bankrotterklärung. Es müsste doch möglich sein, in sechs Jahren Leute so auszubilden, dass sie anstandslos in den Beruf einsteigen können. Außerdem erscheint mir ein Praxisjahr als unabdingbar, damit die jungen Kollegen die Realität des zahnärztlichen Alltags kennenlernen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die jungen Kollegen wirklich in der Lage sind, sofort in eine Praxis einsteigen zu können. Völlig unverständlich ist mir die Akkreditierung der Donau-Privatuniversität. Hier erscheint mir doch sehr vieles äußerst aufklärungsbedürftig. Der Schwenk des Ministers, der mir persönlich sagte, er halte nichts von der DPU, ist mir unerklärlich. Ausbildungen, die derartiges Geld kosten, müssten eigentlich auf einer ganz anderen Basis stehen. Das ist nach allem, was ich hier gesehen habe, eine mehr als bedenkliche Entwicklung.

 

Das Gespräch führte Mag. Andrea Fallent.

Landeszahnärztekammer Salzburg
Anzahl der Mitglieder:
326, davon 281 niedergelassene Zahnärzte

Kontakt:
Landeszahnärztekammer Salzburg. Rochusgasse 4, 5020 Salzburg
Tel: 05-0511-5020
Fax: 05-0511-5025
E-Mail:
Internet: sbg.zahnaerztekammer.at

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