zur Navigation zum Inhalt
Foto: Hemera Technologies / photos.com
Eingehendes Nachfragen kann die einer Depression zugrunde liegende Trauer aufdecken.
Foto: Archiv

Prof. Dr. Max Friedrich Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters der Medizinischen Universität Wien

 
Zahnheilkunde 2. Februar 2010

Hysterisch, pedantisch oder „einfach“ nur depressiv?

Der psychisch kranke Patient: Nicht immer ist das Implantat oder die Prothese Ursache für eine Unverträglichkeit.

Kaum ein anderer Fachbereich der Medizin wird von so vielen verschiedenen Patienten aufgesucht wie die Zahnmedizin. Daher sind Zahnärzte auch häufig mit seelischen Störungen und Erkrankungen von Patienten konfrontiert. Wie diese Patienten erkannt und einer geeigneten Therapie zugeführt werden können – ohne das Gefühl der Zurückweisung –, war Thema einer Fortbildungsveranstaltung der Akademie für orale Implantologie in Wien.

 

Bei einer Prothesenunverträglichkeit muss nicht immer die Prothese schuld sein. So steigt bei einem Patienten mit Depression die Nichtakzeptanz für eine Prothese um etwa 24 Prozent. Bleibt die Suche nach organischen Ursachen für die Beschwerden erfolglos, kann dies ein Hinweis auf ein dahinterliegendes psychisches Erkrankungsbild sein. Viele dieser Patienten weisen außerdem oft eine oder mehrere Komorbiditäten auf, wie etwa Dreiviertel der Patienten mit Depressionen – Frauen eher Angststörungen und phobische Erkrankungen, Männern oft Alkoholabusus.

Hilfestellung für die Zuordnung der Patienten

Prof. Dr. Max Friedrich, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters der Medizinischen Universität Wien, präsentierte ein 5-Felder-Schema als Hilfestellung für die Zuordnung von Patienten, das die Aspekte Somatik, Intellektualität, Emotionalität, Sozialisation und Gender umfasst.

Im Fokus des Bereichs der Somatik steht die Frage der ganzheitlichen somatischen Erfassung des Patienten – mögliche kleine Behinderungen, Handicaps und Anteile, mit denen der Patient unzufrieden ist. Diese können Bedeutung hinsichtlich möglicher Komorbiditäten und Risiken für die Behandlung haben, etwa ob eine Narkose möglich ist, in welcher Form anästhesiert werden kann etc.

Zentrale Frage der Intellektualität ist, ob der Arzt den Patienten erreicht. Der Arzt hat die Verpflichtung zur Aufklärung, aber auch zur Überprüfung, ob der Patient die Erklärung verstanden hat. Gerade bei Behandlungen in einem so intimen Bereich wie dem Mund ist dies entscheidend, da das Gefühl des Ausgeliefertseins hier beim Patienten deutlich häufiger auftritt als bei anderen therapeutischen Maßnahmen. Studien zeigen jedoch, dass Patienten nur etwa 30–50 Prozent der Erklärungen des Arztes replizieren können, unter Stress noch deutlich weniger. Ein zweizeitiges Diagnostizieren und zweizeitiges nachfolgendes Erklären kann diese Diskrepanz überwinden. Dabei sollte dem Patienten eine gemeinsame Wiederholung der wichtigsten Punkte vom behandelnden Arzt angeboten werden, ohne „Prüfungssituation“. Auch sollten mögliche kurzfristige Verschlechterungen der Symptome nach einem Eingriff vom Arzt angesprochen werden.

Emotionen beachten

Ein wichtiger Faktor ist auch die Emotionalität – ist der Patient eher phlegmatisch oder melancholisch, liegen aufgrund von Traumatisierungen psychische Veränderungen vor? Wie kann ein depressiver Patient so weit eingebunden werden, damit er überhaupt einer Behandlung zustimmt? Am schwierigsten ist dabei der agitierte depressive Patient zu erkennen, der durch hektisches Agieren die Depression zudeckt. Eingehendes Nachfragen kann die der Depression zugrunde liegende Trauer, die nicht erlebnis- und nicht ereignisgesteuert ist, aufdecken. Weitere Hinweise liefern auch vegetative Symptome wie Ein- und Durchschlafstörungen, Etappenschlaf, vorzeitiges Erwachen, trockener Mund, Enge in der Brust und Verstopfung. Bei der Sozialisation stellt sich die Frage nach der Distanz zur eigenen Sozialisation und den Möglichkeiten, mit dieser umzugehen. Ein sensibles Thema, das auch in der Medizin immer mehr ins Blickfeld gerät, ist die Genderfrage und der häufig damit verbundene Aspekt der Ästhetik.

Patienten, die man meiden sollte

Beispiele für Patienten, die in der Behandlung eine emotionale Herausforderung darstellen, sind beispielsweise hektische oder hysterische Personen. Diese finden nicht die für die geforderte Feinarbeit notwendige Ruhe, wollen sich permanent mitteilen und vermitteln das Gefühl des Zeitdrucks.

Unangenehm ist auch der heldenhafte Patient, der die Signalwirkung des Schmerzes ignoriert und damit einerseits die Diagnose erschwert, andererseits aber auch die Möglichkeit der Korrektur einer therapeutischen Handlung bei fortbestehenden Schmerzen und Problemen.

Der zwanghafte, pedantische Patient und auch der Nörgler beanstanden permanent alles und wissen, welche Fehler gemacht wurden. Die Zunge als besonders empfindliches Organ nimmt jedoch nach den meisten Behandlungen für eine Zeitlang kleinste Veränderungen als Irritation im Mundbereich wahr.

Eine besondere Herausforderung stellt auch der allwissende Patient dar, der „immer mehr als der Arzt weiß und das Ergebnis schon voraussagt“. In der Kommunikation mit diesen Patienten kann der Arzt seine eigene Autorität geltend machen, ohne dabei jedoch autoritär zu sein.

Ein schwieriger Klient ist der Ästhet, der sich selbst erhöht und zum Richter seiner selbst und aller anderen macht. Er vergleicht sich permanent mit ästhetischen Vorgaben, die vor allem durch Massenmedien vermittelt werden. Den Kumpeltypen zufrieden stellend zu behandeln, gelingt ebenfalls selten, da dieser oft als Honorar Gegenleistungen in Form von Einladungen etc. anbietet und auf Grund der Zurückweisung durch den Arzt enttäuscht ist und sich abgewiesen fühlt.

Umgang mit der Angst

Das Gefühl der Angst ist ein ständiger und notwendiger Begleiter im Leben. Steigert es sich jedoch zur krankhaften Phobie, treten Vermeidungsreaktionen in den Vordergrund. Da diese Angst an der Grenze der Panik liegt, sind Erklärungen alleine über die notwendigen Behandlungsschritte kaum zur Angstreduktion geeignet. Entspannungsmethoden wie autogenes Training könnten zur Schmerzverminderung beitragen, müssen aber gelernt werden. Niedrig dosierte Tranquilizer, am besten in Tropfenform, eignen sich vor allem bei geplanten Eingriffen zur Angstreduktion, da der Patient seine eigene Dosis austesten kann.

Gemüt und Komorbidität – der Zahnarzt als Dolmetsch

Zahlreiche Patienten weisen Gemütsstörungen in versteckter Form, als psychosomatische Beschwerden auf. Zum Beispiel ein Patienten mit permanenten Kopfschmerzen ohne organische Ursache. Hintergrund kann sein, dass er sich „über sein Leben den Kopf zerbricht“. Klagt ein Patient permanent über nicht zu beseitigende Zahnschmerzen oder über eine falsch sitzende Prothese, kann dies ebenfalls Ausdruck eines intrapsychischen Problems sein. In diesen Fällen wird dem Zahnarzt vom Patienten die Aufgabe des „Psychodolmetsch“ zugewiesen.

Wie kann nun der Zahnarzt diesen Patienten vermitteln, dass sie eine psychotherapeutische Betreuung benötigen, ohne dass sie sich diese zurückgewiesen, verraten, herabgewürdigt und unverstanden fühlen? Eine Option ist der verbindende Ansatz – eine zahnärztliche Behandlung ist zwar nötig, aber um diese erfolgreich durchführen zu können, ist eine zusätzliche Unterstützung durch die Betreuung eines Psychotherapeuten oder Psychiaters notwendig. Hilfreich ist dabei die Zusammenarbeit mit Kollegen, die der Zahnarzt anbieten kann.

Auch wenn Patienten durch die Einnahme verschiedener Medikamente gleichzeitig (Neuroleptika, Serotonin-Reuptake-Hemmer, Tranquilizer etc.) oft maskenhafte Gesichtzüge aufweisen und Zweifel an der Aufnahmefähigkeit komplexerer Erklärungen und Sachverhalte bestehen, sollte der Zahnarzt dies ansprechen: „Ich denke, ich hätte vielleicht bessere Erfolge, wenn Sie noch einmal mit ihrem einstellenden Arzt reden, ob nicht eine Medikamentenreduktion möglich wäre“. Auch kann dem Patienten angeboten werden, dass der Psychiater den Zahnarzt kontaktiert. Dies vor allem in Situationen, wenn die Behandlung auf der Stelle tritt, so Friedrich.

 

Quelle: Fortbildungsveranstaltung „Der psychisch kranke Patient“, 12. November 2009, Akademie für orale Implantologie in Wien

Von Dr. Friederike Hörandl, Zahnarzt 1/2 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben