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Foto: Trevor Lush (2006) / photos.com
Stressfaktoren wie Schlafmangel oder Angst steigern das Risiko für nekrotisierende Parodontitis.
Foto: Privat

Doz. Dr. Gernot Wimmer Klinische Abteilung für Zahnersatzkunde in Graz – Arbeitsgruppe für Parodontologie

 
Zahnheilkunde 2. Februar 2010

Wenn sich Stress auf das Zahnfleisch schlägt

Die Berücksichtigung von Belastungsfaktoren und affektiven Störungen kann dazu beitragen, das Management chronischer parodontaler Erkrankungen zu verbessern.

Im Rahmen des 4. Grazer Symposiums für Parodontologie und Prophylaxe – GraZahn 09 – referierte Doz. Dr. Gernot Wimmer, Klinische Abteilung für Zahnersatzkunde in Graz – Arbeitsgruppe für Parodontologie, über die Auswirkungen von Stress auf parodontale Erkrankungen.

 

Parodontale Erkrankungen sind spezifische orale Biofilm-Erkrankungen. Der Verlauf wird weitgehend durch die individuelle Anfälligkeit der Patienten bestimmt. Diese wird durch unterschiedliche angeborene, inhärente oder erworbene Risikofaktoren beeinflusst. Psychosoziale Hintergründe und Stress scheinen auch die Entwicklung der Parodontitis zu beeinflussen.

Abweichung der Normallage des Organismus

Stress wird laut dem „Vater der Stressforschung“ Hans Selye als Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher psychischer und physischer Einzelphänomene verwendet, die als unspezifische Reaktionen des Körpers auf jede Anforderung, die an ihn gestellt wird, auftreten. Er unterscheidet dabei zwischen dem positiven Eustress, der zum Wohlbefinden des Menschen beiträgt, und den negativen Dysstress, der Erkrankungen wie Hypertonie, gastrointestinale Ulcera oder unterschiedliche psychische Störungen auslösen kann.

Zum Verständnis von Stress und seinen Auswirkungen wurde eine Reihe unterschiedlicher Konzepte entwickelt, eines davon, das psycho-physiologische Stresskonzept des Interfakultären Stresszentrums der Karl-Franzens-Universität, in Graz. Demnach wird unter Stress eine die funktionelle Balance überfordernde akute oder chronische Abweichung von der individuellen Normallage des Organismus verstanden, die auf innere oder äußere Bedingungen (Stressoren) zurückgeführt werden kann. „Stress manifestiert sich als relativ unspezifische Reaktion in unterschiedlichen organismischen Teilsystemen wie beispielsweise Blutdruck oder Zahnfleisch. Stress greift die Ressourcen des Organismus an und sollte daher immer in Wechselbeziehungen mit Restitutions- und Erholungsprozessen gesehen werden“, erklärt Wimmer. Andererseits löst Stress auch Anpassungs- und Bewältigungsprozesse aus, die dazu beitragen, das ursprüngliche dynamische Funktionsgleichgewicht wieder herzustellen.

Stress schwächt das Immunsystem

„Es ist heute allgemein anerkannt, dass Stress einen negativen Einfluss auf das körpereigene Abwehrsystem hat“, so der Spezialist für Parodontologie. Die Mechanismen dafür dürften durch wechselseitige Beeinflussung von Nerven-, Hormon- oder Immunsystem erfolgen. Diese psycho-neuro-endokrino-immunologischen Prozesse scheinen für die Entstehung zahlreicher Erkrankungen wie etwa rheumatische, aber auch onkologische und nicht zuletzt parodontologische Erkrankungen eine wichtige Rolle zu spielen. Wimmer: „Zumindest für chronische Parodontitis und nekrotisierende Parodontalerkrankungen scheint eine Assoziation zu Stress zu bestehen.“ So konnte etwa gezeigt werden, dass Stressfaktoren wie Schlafmangel oder Angst das Risiko für nekrotisierende Parodontitis steigern1. Darüber hi-naus besteht Evidenz dafür, dass psychische Erkrankungen wie depressive Verstimmungen oder bipolare Erkrankungen das Auftreten, die Schwere und den Verlauf einer Parodontitis beeinflussen. „Für den praktisch tätigen Zahnarzt bedeutet das, dass die Diagnose affektiver Störungen, insbesondere von Depressionen und Angststörungen, erstrebenswert ist, um deren Auswirkungen in den weiteren Krankheitsverlauf einzubeziehen“, sagt Wimmer.

Er empfiehlt bei Verdacht auf eine Depression, die Vermutung mittels zweier einfacher Fragen nach dem affektiven Befinden des Patienten zu erhärten und im gegebenen Fall einen Facharzt zu konsultieren. Zum Beispiel: „Haben Sie sich in den letzten Monaten niedergeschlagen, deprimiert oder hoffnungslos gefühlt?“ und „Haben Sie in den vergangenen Monaten bemerkt, dass Sie wenig Interesse aufbringen konnten oder keine Freude an dem empfanden, was Sie taten?“ Wimmer: „Die Anpassung des Therapieprotokolls an das Verhalten und die physiologischen Manifestationen affektiver Störungen könnte einen weiteren Schritt zur Verbesserung der Effizienz der Behandlung darstellen.“

Psychosoziale Risikofaktoren

Unterschiedliche Faktoren wie Aufmerksamkeits- und Leistungsbedürfnis oder soziale Stressoren können die parodontale Gesundheit beeinträchtigen. So konnten signifikante Verbindungen zwischen parodontalem Gesundheitszustand und arbeitsbezogener Belastung, Ehequalität und sozioökonomischem Status nachgewiesen werden2. Linden et al. fanden in einer Längsstudie über 5,5 Jahre an 23 Beschäftigten heraus, dass beruflicher Stress in Beziehung zur Progression einer Parodontitis stehen könnte3. Dabei war die durchschnittliche Sulkustiefe am Ende des Studienzeitraums erhöht und das Attachment-Niveau vermindert. Unklar bleibt allerdings, ob die arbeitsbedingten Leistungsstressoren per se zu einer Veränderung der Immunologie und damit zum Fortschreiten der Parodontitis führen oder ob diese Stressoren eine Verhaltensänderung im Sinne einer Verschlechterung der Mundhygiene verursachen.

Auch Deinzer et al. konnten diesbezüglich zeigen, dass Leistungsstress einerseits zu einer Zunahme gingivaler Entzündungszeichen führt4,5, andererseits aber auch die Mundhygiene-Gewohnheiten negativ beeinflusst6, was ebenfalls eine mögliche Verbindung zwischen Stress und plaqueassoziierten parodontalen Erkrankungen nahelegt. Ähnliche Studienergebnisse deuten darauf hin, dass auch zwischen kritischen Lebensereignissen und parodontalen Erkrankungen Assoziationen bestehen. „Psychosoziale Faktoren wie der Einfluss nachhaltiger Erlebnisse, die berufliche Situation, der Familienstand, aber auch Lebensart scheinen mitbestimmende Faktoren einer Parodontitis zu sein. Diese sollten erfasst werden, da sie meist in Verbindung mit Mundhygiene und Rauchen das Risikoverhalten hinsichtlich der Zahn-Mund-Gesundheit beeinflussen“, fasst Wimmer zusammen.

Coping und chronische Parodontitis

Erste Hinweise darauf, dass die Art und Weise, wie Schwierigkeiten, Stressoren und Belastungen verarbeitet werden, Auswirkungen auf die Mundgesundheit haben, stammen von Genco et al. Dabei stellte sich heraus, dass Personen mit hoher Stressbelastung infolge großer finanzieller Belastung ein erhöhtes Risiko für schwere Attachment- und Alveolarverluste aufweisen, dieses Risiko allerdings bei Probanden mit adäquatem, problemorientiertem Coping dem der finanziell nicht Belasteten glich7. Wimmer selbst publizierte 2002 eine Arbeit, in der Auffälligkeiten bei 89 Parodontitis-Patienten hinsichtlich ihrer Coping-Strategien untersucht und mit jenen einer parodontal gesunden Kontrollgruppe verglichen worden waren8. „Wir haben dabei herausgefunden, dass Patienten, die an einer Parodontitis leiden, weniger aktive Coping-Strategien nutzen als die Probanden der Kontrollgruppe. Umgekehrt nutzen Parodontitis-Patienten signifikant häufiger passive Strategien, die nicht aktiv zur Verbesserung ihres Zustandes beitragen“, berichtet Wimmer. Diese Resultate konnten auch in einer groß angelegten Studie (SHIP, Study of Health in Pomerania) mit 520 Patienten verifiziert werden, deren Ergebnisse in Kürze publiziert werden.

Inwieweit Coping-Strategien auch die Ergebnisse einer Parodontitis-Behandlung beeinflussen, war Frage einer weiteren von Wimmer et al. durchgeführten Studie9. Dabei zeigte sich, dass Alter, Geschlecht und Rauchen keinen signifikanten Einfluss auf parodontale Parameter wie Sulkustiefe und Attachmentverlust haben. Eine hoch signifikante Korrelation konnte allerdings wiederum zwischen abwehrendem Coping und den klinischen Parametern Attachmentverlust, Niveau des Attachmentverlusts und geringerer Verbesserung unter Behandlung festgestellt werden. „Aus dieser Arbeit kann abgeleitet werden, dass negative, maladaptive Coping-Strategien für die Progression der Erkrankung verantwortlich sein können, und es ist daher notwendig, auf diese verhaltenskorrelierten Risiken einzugehen“, sagt Wimmer. Ein begleitendes Management könnte deshalb ein wichtiger und integraler Aspekt einer umfassenenden parodontalen Behandlung in fortgeschrittenen Erkrankungsfällen sein und damit den Verlauf verschiedener Formen parodontaler Erkrankungen eventuell positiv beeinflussen.

 

Quelle: 4.Grazer Symposium für Parodontologie und Prophylaxe „GraZahn 09“ vom 17. bis 19. September 2009, Graz

www.graz-zahn.at

 

Literatur:

 

1 Hornig & Cohen: J Periodontol 1995; 66: 990

2 Marcenes & Sheiham: Soc Sci Med 1992; 35(12): 1.511–20

3 Linden et al.: J Clin Periodontol. 1996; 23(7): 675–80

4 Deinzer et al.: J Clin Parondontol 1998; 25: 431

5 Deinzer et al.: J Clin Parondontol 2000; 27: 74

6 Deinzer et al.: J Clin Parondontol 2001; 28: 459

7 Genco et al.: J Periodontol 1999; 70: 711

8 Wimmer et al.: J Periodontol 2002; 73: 1.343

9 Wimmer et al.: J Periodontol 2005;76:90

Von Mag. Harald Leitner, Zahnarzt 1/2 /2010

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