zur Navigation zum Inhalt
Fotos (3): A. Mayr
Abb. 1: Subgingivale Konkremente sind immer von einem Biofilm bedeckt und verursachen beim Kauen sowie bei der Anwendung von Oralhygienemaßnahmen Bakteriämien.
Grafik: M. Haas, Graz

Abb. 2: Von der durchschnittlich 250 µm starken Zementschichte sollten im Idealfall nur maximal 10 µm (Endotoxininvasion) entfernt werden. Mit Küretten, Schallscalern erreichen wir ähnlichen Materialabtrag wie mit Diamantschleifern, bei mehrmaliger Anwendung droht „Überinstrumentation“ mit Verlust des Wurzelzementes.

Abb. 3: Eingriff mit piezoelektrischer Ultraschallspitze.

Abb. 4: Beim minimalinvasiven Arbeiten mit US-Instrumenten sollte auf einen sanften, weichen Schreibfedergriff geachtet werden.

 
Zahnheilkunde 2. Dezember 2009

Die Parodontalbehandlung wird minimalinvasiv

Nachdem Küretten viele Jahre als der Goldstandard galten, stehen heute wesentlich weniger invasive maschinelle Instrumente zum Management des Biofilms zur Verfügung.

Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg ist nach wie vor die richtige Handhabung der Hilfsmittel, ansonsten kann es auch hier zu iatrogenen Schädigungen kommen.

 

Sowohl die Parodontitis als auch die Periimplantitis entwickeln sich im Wesentlichen aus Biofilminfektionen. Biofilme bestehen aus Mikroorganismen in einer umgebenden Matrix, welche u. a. aus Polysacchariden, Proteinen, Lipiden zusammengesetzt ist. Aus diesem Grund haften sie auch an nicht schuppenden Oberflächen fest und können sich organisieren. Die Fähigkeit zahlreicher Mikroorganismen, eine extrazelluläre Matrix zu bilden und sich als Biofilm zu organisieren, stellt einen im Laufe der Evolution gewonnenen Selektionsvorteil für Bakterien dar. Die Entwicklung von Abwehrstrategien ermöglicht einen Schutz vor „Feinden“. Auch in der freien Natur lebt die überwiegende Zahl an Mikroorganismen in Form von Biofilmen.

Mehr als 60 Prozent der Infektionen im menschlichen Körper sind auf Biofilminfektionen zurückzuführen, die sowohl für das menschliche Abwehrsystem als auch für medizinische Therapieformen schwer zugänglich sind.

Was macht den Biofilm so gefährlich?

In unserem Körper gibt es schätzungsweise zehnmal mehr körperfremde als körpereigene Zellen. Es finden sich insgesamt ca. 2.000 Bakterienarten, davon zwischen 700 und 1.000 allein in der Mundhöhle. Das gesamte Genom aller Bakterienarten in unserem Körper ist in etwa hundert Mal so umfangreich wie das des Menschen.

Der Biofilm entwickelt seine Schädlichkeit aus dem Zusammenspiel verschiedener Mikroorganismen. Er entwickelt ausgeprägte Schutzmechanismen durch Abwehrstrategien. Diese Faktoren machen ihn zu einer ernsthaften Gefahr für die Mundgesundheit:

  • Biofilm ist immun gegen die körpereigene Abwehr (Phagozytose, Antikörper).
  • Zudem ist er resistent gegen Antibiotika, Gele und Spülungen.
  • Biofilm passt sich mechanischen Belastungen durch wechselnde Strömungsverhältnisse an.
  • Zwischen den Bakterien findet ein Genaustausch bzw. durch hormonähnliche Substanzen ein primitiver Informationsaustausch (= Quorum Sensing) statt.
  • Je nach Bedarf können bestimmte Gene somit aktiviert oder deaktiviert werden.

Erschwerte Bedingungen

Biofilme können nur mechanisch zerstört werden. Die Entfernung subgingivalen Biofilms wird durch verschiedene Faktoren erschwert. Einerseits muss die Maßnahme ohne Sicht durchgeführt werden. Andererseits können plaqueretentive Faktoren die Arbeit erschweren oder sogar unmöglich machen (z. B. Konkremente, raue Wurzeloberflächen, Wurzelresorptionen, tiefe und enge Knochendefekte, Furchen an der Wurzeloberfläche, Furkationsbeteiligung, iatrogene Defekte durch invasives Scaling usw.).

Subgingivale Konkremente sind die häufigsten und wichtigsten plaqueretentiven Faktoren sowie immer von einem Biofilm bedeckt. Sie verursachen beim Kauen sowie bei der Anwendung von Oralhygienemaßnahmen Bakteriämien (siehe Abbildung 1).

„Überinstrumentation“ vermeiden

Die Bearbeitung der Wurzeloberfläche sollte prinzipiell so minimalinvasiv wie nur möglich durchgeführt werden, um den Wurzelzement zu schonen und ein Exponieren von Dentintubuli zu vermeiden. Von der durchschnittlich 250 µm starken Zementschichte sollten im Idealfall nur maximal 10 µm (Endotoxininvasion) entfernt werden.

Mit Küretten, Schallscalern erreichen wir ähnlichen Materialabtrag wie mit Diamantschleifern, bei mehrmaliger Anwendung droht „Überinstrumentation“ mit Verlust des Wurzelzementes (siehe Abbildung 2). Die Erhaltung desselben in Grundvoraussetzung für eine optimale parodontale Heilung.

Nachdem Küretten viele Jahre als der Goldstandard galten, stehen uns heute wesentlich minimalinvasivere maschinelle Instrumente zur Verfügung. Voraussetzung ist jedoch die richtige Handhabung, ansonsten kann es auch hier zu iatrogenen Schädigungen kommen.

Hier ein Überblick der Instrumentenauswahl:

Küretten bieten in Kombination mit minimalinvasivem Ultraschall den Vorteil, Konkremente oder Rauhigkeiten zu ertasten und bei Bedarf Wurzeloberflächen minimalinvasiv zu glätten.

Airscaler (Schallscaler) arbeiten mithilfe eines Luft-Wasser-Gemisches, die Bewegung der Arbeitsspitze verläuft kreisförmig. Airscaler sind besonders effektiv im Abtrag sehr harter Konkremente, allerdings auf Kosten eines höheren Substanzverlustes und rauer Oberflächen.

Magnetostriktive und piezoelektrische Ultraschall-Instrumente werden durch Wechselstrom betrieben. Beide Systeme führen eine nahezu lineare Arbeitsbewegung – vor und zurück – durch. Durch individuelles „Power-Setting“ kann z. B. beim Biofilm-Management oder beim Glätten von Wurzeloberflächen äußerst substanzschonend gearbeitet werden.

Voraussetzung für minimalinvasives Arbeiten mit Ultraschall-Instrumenten

  • Nur die vorderen ein bis zwei Millimeter (!) der Arbeitsspitze kommen zum Einsatz.
  • Man arbeitet nur mit den seitlichen Flächen (Frontfläche „hämmert“).
  • Man arbeitet abgestützt.
  • Die Arbeitsspitze sollte parallel anliegen (steiler Anstellwinkel führt zu vermehrtem Abtrag).
  • Es sollte auf einen sanften, weichen Schreibfedergriff geachtet werden.
  • Wenig Anpressdruck ausüben („Bestreichen“ der Flächen).
  • Pinselnde, überlappende Bewegungen ausführen.
  • Anhand der Originalvorlagen regelmäßig die Arbeitsspitzen hinsichtlich ihrer Abnützung (Arbeitslänge) kontrollieren.
  • Auf ausreichende Kühlung am Arbeitsende achten.

Neue Entwicklungen und Trends

Neue Entwicklungen sollen u.a. den Substanzabtrag noch selektiver steuern, Konkremente erkennen, das Handling erleichtern, die nötige Behandlungsdauer verkürzen bzw. das Schmerzempfinden reduzieren. Teilweise konnten diese Forderungen durch EMS Piezon™ Master 700, Hu-Friedy – Symmetry/IQ 4000 Series, Perioscan™ Pulverstrahlgeräte der neuen Generation und Vector™ erfüllt werden. Das eigentlich Neue beim Pulverstrahl ist der substanzschonende Einsatz eines Pulvers auf Aminosäurebasis (Cystein, Glycin) mit einer Korngröße von 63–70 µm, der ein Biofilmmanagement von Taschen bis vier Millimeter ermöglicht.

Kasten 1:
Gefährliche Infektionsquelle
Biofilme spielen nicht nur in der Ätiologie der Parodontitis und Periimplantitis eine zentrale Rolle, auch an Endoprothesen (Implantate jeglicher Art, Venenkatheter, Herzklappen, Hüft- und Kniegelenkprothesen) bereiten sie große Probleme. Die Zusammenhänge zwischen parodontopathogenen Mikroorganismen und peripheren Infektionen sind Inhalt mehrerer Forschungsprojekte auch in Österreich. Der Nachweis aggressiver Parodontitis-Keime auf Endoprothesen konnte bereits erbracht werden – einer der vielen Gründe, warum eine parodontale Sanierung vor derartigen Operationen durchgeführt werden muss.
Kasten 2:
Erratum
In der Ausgabe 11 des Zahn Arzt wurden im Artikel „Biofilm-Management“, Seite 8, bedauerlicherweise einige Aussagen eines Vortrages von Dr. Anton Mayr unrichtig zitiert. Der vorliegende Beitrag über den aktuellen Goldstandard der Parodontalbehandlung wurde von Dr. Mayr freundlicherweise zur Richtigstellung zur Verfügung gestellt.

Von Prof. Dr. M. Haas, Dr. A. Mayr, Doz. DDr. R. Polansky, Doz. Dr. G. Wimmer, Zahnarzt 12 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben