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Foto: Otmar Heidegger / Pfänderbahn AG
Vorarlberg hat in den 1970er-Jahren als erstes Bundesland einen Notdienst für Feiertage und Wochenenden auf freiwilliger Basis eingerichtet.
Foto: Bernhard Horst, www.fotostudiohorst.at

Dr. Gerhart Bachmann Präsident der Landeszahnärztekammer Vorarlberg, ist seit 1984 als Zahnarzt in eigener Praxis tätig

 
Zahnheilkunde 2. Dezember 2009

„Ich sehe keine Alternativen zu den hohen Qualitätsstandards“

Dr. Gerhart Bachmann, Präsident der Landeszahnärztekammer Vorarlberg, zeigt sich im Gespräch sehr offen für die Belange seiner Kollegenschaft – auch für die problematischen.

Seit 1999 bekleidet Bachmann die Funktion des Kurienobmannes der Zahnärzte in der Ärztekammer für Vorarlberg, für die er ursprünglich maximal zwei Perioden kandidieren wollte. Doch angesichts der Gründung der eigenen Landeszahnärztekammer 2006 und der in der Folge neuen Situation auf Bundes- und Landesebene fasste der niedergelassene Zahnarzt den Entschluss, sich weiterhin standespolitisch einzusetzen und seine Erfahrung zur Verfügung zu stellen.

 

Im Gespräch mit dem Zahn Arzt spricht Bachmann über seine Funktion als Ansprechpartner, über Zahntourismus und die Gefahr einer Verstaatlichung der Medizin.

 

2006 wurde die Landeszahnärztekammer Vorarlberg aus der Taufe gehoben. Wie haben Sie diese Jahre bis heute erlebt?

Bachmann: Die Umstellung auf den eigenen Kammerbetrieb war in der Tat eine Herausforderung, vor allem im Jahr 2006. Natürlich gab es Kollegen, die anfangs einer eigenen Zahnärztekammer teilweise reserviert gegenüberstanden. Doch scheint mir, dass die Umsetzung inzwischen ganz gut geglückt ist. Die Entscheidungen fallen nun rascher, es müssen keine Mehrheiten mehr im Ärztekammervorstand für unsere Belange gesucht werden, und auch die Kammerorganisation ist spürbar schlanker geworden. Dieser Umstand wurde von den meisten Mitgliedern in Form von reduzierten Kammerbeiträgen auch finanziell wahrgenommen.

Was sehen Sie neben den bekannten Verantwortungen wie die Wahrnehmung der Interessen der Kammermitglieder als eine Ihrer vorrangigen Aufgaben in Ihrer Funktion als Präsident?

Bachmann: Ich möchte von den Kollegen als Ansprechpartner für ihre Anliegen wahrgenommen und auch in Anspruch genommen werden. Ebenso sehe ich es auch als eine meiner Hauptverantwortungen, etwa bei interkollegialen Problemen den Parteien als vermittelnder Moderator zur Seite zu stehen; natürlich kann ich das nur, wenn diese Probleme auch an die Kammer herangetragen werden.

 

In einem Landesinformationsbericht der ÖZZ sagen Sie, dass die Schlichtungsstelle der Kammer nicht für Enttäuschungen der Patienten zuständig ist, die sie bei Behandlungen im östlichen Ausland erlebt haben. Ist diese Problematik auch in Vorarlberg – in dem am weitesten vom Osten Österreichs entfernten Bundesland – aktuell?

Bachmann: Ja, leider! Auch in Vorarlberg gibt es einige Patienten, die nach Ungarn fahren. Das liegt vor allem an hiesigen privaten Investoren, die sich an ungarischen Zahnbehandlungseinrichtungen beteiligt haben. Insgesamt dürfte aber die Problematik nicht die Dimension erreichen wie in anderen Bundesländern. Kaum durchsetzbare Gewährleistungsansprüche und die sich allmählich herumsprechenden Qualitätsstandards haben ein Übriges getan, um zur Entschärfung beizutragen.

 

Präsident DDr. Westermeyer sagte in einem Gespräch mit dem Zahn Arzt, dass er mit Besorgnis einen Trend zur Verstaatlichung der Medizin sehe; im Sinne von: alle möglichen Leistungen ins Spital zu verlagern. Wie stehen Sie dazu?

Bachmann: Dieser Trend ist unverkennbar. Obwohl Österreich mit Spitälern überversorgt ist, wenn man die westeuropäischen Standards als Benchmark dafür heranzieht, wird der Spitalsbereich weiter ausgebaut, weil manche Politiker damit ihre Machtbasis erweitern und strukturelle Defizite in den Ländern ausgleichen wollen. Besonders kritisch sehe ich die Bestrebungen zur „Finanzierung aus einem Guss“, die mit größter Wahrscheinlichkeit die Umverteilung von weiteren Mitteln aus dem gesamten niedergelassenen Bereich in die Spitäler zur Folge haben wird, wenn in den dafür zuständigen Gremien die Länder das Sagen haben sollten. Wenn der Spitalsbereich nachhaltig saniert werden soll, müssen klare Zugangskriterien und Zuständigkeiten dafür geschaffen werden. Das Einsparungspotenzial durch Verlagerung aus den Spitalsambulanzen in den niedergelassenen Bereich ist seit 2001 bekannt. Es sollte nur irgendwann einmal gehoben werden. Die finanziellen Mittel werden wohl in Zukunft nicht mehr so reichlich fließen, deshalb sollte nicht nur bei mehr oder weniger passenden Anlässen darüber diskutiert werden.

 

Vorarlberg hat in den 1970er-Jahren als erstes Bundesland einen Notdienst für Feiertage und Wochenenden auf freiwilliger Basis eingerichtet. Gibt es auch heute Projekte, die speziell für Vorarlberg sind?

Bachmann: Der Notdienst wurde mittlerweile zeitlich gesplittet: auf Vormittag und Nachmittag. Durch dieses Angebot, über einen längeren Zeitraum verteilt die Serviceeinrichtungen frequentieren zu können, wird dem Patienten heute eine noch bessere Versorgung geboten. Eine lokale Besonderheit stellt das Vorarlberger Abrechnungsübereinkommen dar, das schrittweise den vertragslosen Zustand von 1987/88 abgelöst hat. Dessen modularer Aufbau ist in den damaligen Erfahrungen begründet und sollte künftig eine Entwicklung vermeiden, die letztlich zur Kündigung geführt hatte. Wie der Verlauf der letzten Jahre zeigt, ist das auch geglückt.

 

An welchen anderen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Bachmann: Gegenwärtig wird an der Verbesserung der Situation der Zahnbehandlung in Narkose für Behinderte und Kinder gearbeitet. In der ersten Jahreshälfte hat die Herausgabe eines eigenen Zahnärzteführers die Kapazitäten der Kammer über Gebühr beansprucht (siehe Kasten).

 

Wie stehen Sie zur Lehrlingsausbildungsmöglichkeit von zahnärztlichen Fachassistentinnen?

Bachmann: Entscheidend für die Ausbildung zur zahnärztlichen Fachassistenz sind die Inhalte der Ausbildung und deren Vermittlung und Qualität. Ob dies in Form einer Lehrlingsausbildung erfolgt oder wie bisher in den an den Landeszahnärztekammern eingerichteten Schulen, ist letztlich von sekundärer Bedeutung. Mir persönlich wäre die Beibehaltung des bisherigen Ausbildungsweges lieber, da dieser eine bedarfsorientierte Ausbildung garantiert. Schließlich sind die Zahnärzte ja die Arbeitgeber und nicht die Arbeiterkammern. Falls die Lehrlingsausbildung weiter beschritten werden sollte, will ich eine Benachteiligung der bislang ausgebildeten Assistentinnen vermeiden. Vorteile der Lehrlingsausbildung wären die Delegation der Kosten an die Berufsschulen (Ländersache) und die Möglichkeit für die Lehrlinge, über die Berufsmatura auch ein Studium absolvieren zu können.

 

Wenn man in die nächsten zehn bis zwanzig Jahre blickt: Ist der hohe Qualitätsstandard der österreichischen Zahnmedizin in Zeiten der Wirtschaftskrise, der knapper werdenden Budgets der Sozialversicherungsträger, der steigenden Konkurrenz aus den Nachbarländern usw. überhaupt zu halten?

Bachmann: Ich sehe keine Alternativen zu den hohen Qualitätsstandards, schon gar nicht aus forensischer Sicht. Es kommt viel Aufklärungsarbeit auf uns zu, deren Dokumentation wird immer anspruchsvoller, die Auseinandersetzung mit den Patienten mühsamer. Aber mit den Löhnen und Gehältern unserer östlichen Nachbarländer können wir nicht mithalten. Vielleicht müssen wir in der Argumentation noch offensiver werden, den „Ungarnfahrern“ zum Beispiel verdeutlichen, dass sie als Denkanstoß einmal einen Monat mit einem ungarischen Gehalt oder einer ungarischen Pension auskommen sollten, und welche Standards sie für ihr Honorar erwarten können und/oder müssen. Aber diese Konkurrenzsituation ist nicht auf Österreich beschränkt, die Schweiz hat ähnliche Probleme, Slowenien mit Mazedonien, Deutschland mit Polen und Weißrussland.

 

Ihr persönlicher Rat aus all den Erfahrungen als Landeszahnärztekammerpräsident und Zahnarzt in eigener Praxis an die Kollegen?

Bachmann: Mein Rat an die Kollegen: Sie sollten nicht die Bodenhaftung verlieren. Bei der Umsetzung in der Praxis müssen realistische Ziele mit Disziplin verfolgt werden; speziell bei Berufsanfängern. Jede Investition ist auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Finanzielle Abenteuer, darunter verstehe ich auch hohe Praxiseinrichtungskosten, sind zu vermeiden. Scheuen Sie sich nicht, sich von ihrer gesetzlichen Interessenvertretung beraten zu lassen, dafür ist sie unter anderem auch da. Sie bekommen realistische Informationen und Kompetenz geliefert, abseits vom Verkaufsdruck kommerzieller Anbieter und Einrichterfirmen.

 

Das Gespräch führte Dr. V.A. Scheiderbauer

Kasten 1:
Landeszahnärztekammer Vorarlberg
Anzahl der Mitglieder:
187 gesamt, davon 156 niedergelassene Zahnärzte

„dentes“ – Vorarlbergs Zahnärzte auf einen Blick
Seit Mitte des Jahres 2009 hat die Landeszahnärztekammer für Vorarlberg den eigenen Folder „dentes“ herausgebracht. Die Broschüre soll dem zahnärztliche Hilfe und Rat suchenden Patienten rasch und unkompliziert einen Überblick über das vorhandenen zahnmedizinische Angebot in Vorarlberg ermöglichen. Neben allen Kontaktdaten, Ordinationszeiten sowie Hinweisen auf vorhandene Verträge und Zusatzvereinbarungen mit den Sozialversicherungsträgern ist dem Thema „Wahlzahnarzt“ ein eigener Schwerpunkt gewidmet.

Info und Kontakt:
Simone Walch
Tel: 05 05 11-6850
Fax: 05 05 11-6854
E-Mail:

Markus Thaler
Tel: 05 05 11-6851
Fax: 05 05 11- 6854
E-Mail:
http://vlbg.zahnaerztekammer.at/

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