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Abb. 1: Hochgradige Gingivitis bei Typ-2-Diabetes

Abb. 2: Fortgeschrittene Parodontitis bei Typ-2-Diabetes

 
Zahnheilkunde 11. November 2009

Orale Manifestationen

Gingivitis/Parodonditis bei Patienten mit diabetischer Stoffwechsellage

Missmanagement des Diabetes manifestiert sich oral durch Gingivitis und Paro-dontitis. Diese beiden Erkrankungsformen sind primär Plaque-induziert, wobei die Erscheinungs- und Verlaufsform in Kombination mit einem manifesten Diabetes eine progediente ist. Das Risiko an einer schweren Parodontitis zu erkranken, ist bei Typ-1- und bei Typ-2-Diabetikern bis zu 3,5-fach höher als bei gesunden Menschen. Dabei zeigen Patienten mit schlecht kontrolliertem Typ-2-Diabetes ausgeprägtere Zahnfleischentzündungen als besser kontrollierte Diabetiker (8) (Abb. 1).

Gingivitis ist definiert als Entzündung des Zahnfleisches ohne Beteiligung des knöchernen Zahnhalteapparates, während Parodontitis als jede entzündliche Erkrankung der knöchernen Strukturen im Bereich der Zähne bezeichnet wird.

Zahnverlust und Zahnlosigkeit drohen

Bleiben sowohl Diabetes als auch Gingivitis und Parodontitis unbehandelt oder mangelhaft therapiert, führt dies zum Zusammenbruch der Kollagenmatrix des Alveolarknochens und damit zu progedientem Zahnverlust und somit zur Zahnlosigkeit. Stromelysine (MMP-3) entfernen den Proteoglycan- und Fibronec- tinanteil der Matrix. Dadurch kommt es zur proteolytischen Zerstörung der Fasern durch die Kollagenasen. Die Kollagenfasern falten sich auf und werden durch den Angriff der Gelatinasen weiter zerstört. Bei Fortschreiten der Erkrankung kommt es im Rahmen der Parodontitis durch Osteoklastenaktivität zum typischen Knochenverlust. Progedienter Zahnverlust bis zur totalen Zahnlosigkeit ist die Folge. Diabetes – Gingivitis – Parodontitis und allgemeiner Gesundheitszustand stehen jedoch in einer mannigfaltigen Wechsel- wirkung. Unbehandelter Diabetes führt zu Angiopathien mit den bekannten Folgeerkrankungen wie: Bluthochdruck, Retinopathie, Neuropathie, Nephropathie etc. Parodontitis führt häufig zu folgenden Begleiterscheinungen und greift über diese Mechanismen wiederum negativ in das gesamte Krankheitsgeschehen ein.

Nicht nur ein Problem der Zähne

Zambon et al. (9) gelang der Nachweis der parodontopathogenen Bakterien Actinobacillus actinomycetemcomitans und Porphyromonas gingivalis in Atheromen der Koronararterien. Streptococcus sanguis induziert in vitro bei Menschen und Kaninchen Thrombozytenaggregationen (5). Eine generalisierte marginale Parodontitis erhöht das Risiko für eine koronare Herzerkrankung um den Faktor 1,5 bis 1,9. Die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, erhöht sich um den Faktor 2,8 (2). Es besteht eine direkte Korrelation zwischen koronarer Herzerkrankung und Attachmentverlust (1). Schwere und moderate Parodontitisformen können eine Rolle bei der Entstehung von Atheromen und koronaren Herzerkrankung spielen. Es besteht eine Korrelation zwischen Parodontitis und Verdickungen der Karotiswand (IMT ≥ 0,82 mm, auch bei jungen gesunden Patienten) neben Co-Variablen wie Alter, Diabetes, Cholesterin, Hochdruck, Rauchen usw. (3) (Abb. 2).

Damit wird zunehmend deutlicher, dass die Mundhöhle als Ausgangspunkt relevanter Allgemeinerkrankungen zu sehen ist. Mundhygiene und Parodontitis zeigen eine Korrelation zu infektiösen und obstruktiven Lungenerkrankungen. Parodontopathogene Keime besiedeln die Lunge – respiratorische Keime werden in dentaler Plaque gefunden. Neben Aspiration wird die Wirkung von parodontal-assoziierten Enzymen und Zytokinen als Erklärung angenommen (6). Laut WHO wird im Jahre 2030 COPD die vierthäufigste Todesursache darstellen – Ausgangspunkt unter anderem die Mundhöhle.

Lebensqualität ist oft schwer in Mitleidenschaft gezogen

In diesem Zusammenhang ist vor allem auf die Situation der Senioren hinzuweisen. Über 80 % der institutionalisierten Senioren in Deutschland, Schweiz und Österreich weisen akut entzündliche, nicht behandelte Erkrankungen und andere Defizite in der Mundhöhle auf (4). Die Lebensqualität im Alter wird in hohem Maße bestimmt von schmerzfreier, funktionsgerechter Kaufähigkeit – Beeinträchtigungen in diesem Bereich führen zu einer dramatischen Verschlechterung der Lebensqualität und der Allgemeingesundheit, besonders bei institutionalisierten Senioren.

Fazit

Die Strategie zur Vermeidung sowohl der oralen Primärerkrankung, als auch der Folge- und Begleiterkrankungen der Gingivitis und Parodontitis, besteht primär in Prophylaxe und dem Vermeiden dieser Entzündungen durch entsprechende Hygienetechnik und regelmäßiger professioneller Zahnreinigung halbjährlich. Für Patienten mit Allgemeinerkrankungen, die Parodontitis assoziiert sind, ist das Einholen eines zahnärztlichen Fachbefundes zu empfehlen, um diese plaque-induzierte entzündliche Erkrankung durch konsequente initiale Parodontaltherapie zum Ausheilen zu bringen und dadurch den Krankheitsverlauf zum Beispiel eines Diabetes positiv zu beeinflussen.

Literatur

 

(1) Arbes SJ Jr, Slade GD, Beck JD (1999) Association between extent of periodontal attachment loss and self-reported history of heart attack: an analysis of NHANES III data. J Dent Res 78: 1777-1782.

(2) Beck J, Garcia R, Heiss G, Vokonovas P S, Offenbacher S (1996) Periodontal disease and cardiovaskular disease. J Periodontol 67:10 (Suppl): 1123-1137.

(3) Beck JD, Elter JR, Heiss G, Couper D, Mauriello SM, Offenbacher S (2001) Relationship of periodontal disease to carotid artery intima-media wall thickness: the atherosclerosis risk in communities (ARIC) study. Arterioscler Thromb Vasc Biol 21: 1816-1822.

(4) Gluhak C, Arnetzl GV, Kirmeier R, Jakse N, Arnetzl G (2009) Oral status among seniors in nine nursing homes in Styria. Gerodontology; doi:10.1111/j.1741-2358.2009.00281.x

(5) Herzberg MC, Meyer MW (1996) Effects of oral flora on platelets: Possible consequences in cardiovascular disease. J Periodontol 67:10 (Suppl): 1138-1142.

(6) Scannapieco FA, Wang B, Shiau HJ (2001) Oral bacteria and respiratory infection: effects on respiratory pathogen adhesion and epithelial cell proinflammatory cytokine production. Ann Periodontol 6: 78-86.

(7) Taylor GW, Burt B A, Becker MP, Genco RJ, Shlossman M, Knowler WC, Petit DJ (1996) Severe periodontitis and risk for poor glycemic control in patients with non-insulindependent diabetes mellitus. J Periodontol 67:10 (Suppl): 1085-1093.

(8) Taylor GW, Burt B A, Becker MP, Genco RJ, Shlossman M, Knowler WC, Petit DJ (1998) Non-insulin dependent diabetes mellitus and alveolar bone loss progression over 2 years. J Periodontol 69: 76-83.

(9) Zambon JJ, Maraszthy VI, Grossi S, Genco RJ (1997) Identification of periodontal pathogens in atheromas plaque. J Dent Res 76: 408

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl
Klinische Abteilung für Zahnersatzkunde
Universitätsklinik für Zahn-, Mund- u. Kieferheilkunde Graz
Medizinische Universität Graz
Auenbruggerplatz 12
8036 Graz
Fax: ++43/316/385 3376
E-Mail:

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