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Foto: Archiv
Prof. Dr. Adriano Crismani Vorstand der Universitätsklinik für Kieferorthopädie in Innsbruck
 
Zahnheilkunde 30. Oktober 2009

Wie entsteht ein nachhaltig gutes Ergebnis?

Beim Österreichischen Zahnärztekongress in Innsbruck brachten Experten die häufigsten Fehlerquellen der kieferorthopädischen Behandlung auf den Punkt.

Vieles muss schon im Vorfeld bedacht werden, damit es später nicht zu unliebsamen Überraschungen kommt. Darin waren sich die KFO-Spezialisten, die anlässlich des Österreichischen Zahnärztekongresses in Innsbruck Erfahrungen und Problemlösungen austauschten, einig.

 

„Ästhetik im Frontzahnbereich ist dem Patienten sehr wichtig!“ brachte Prof. Dr. Crismani, Direktor der Universitätsklinik für Kieferorthopädie in Innsbruck, gleich zu Beginn auf den Punkt. Und auch wenn die Patientenzufriedenheit mit bestimmten Behandlungsvarianten, wie etwa mit Implantatlösungen bei fehlenden oberen seitlichen Schneidezähnen, mit 96 Prozent sehr hoch sei, ist es für den Experten noch lange kein Grund, sich zurückzulehnen: „Der Patient sieht nicht alles, was der Zahnarzt sieht – und ist deshalb leichter zufriedenzustellen!“

Ziel muss deshalb immer sein, ein nachhaltiges Ergebnis zu erzielen, sodass es auch Jahre nach der Behandlung keinen Anlass zum Ärger gibt. Einige potenzielle Probleme können schon vorweg ausgeschaltet werden. Immerhin würden etwa bei elf Prozent der Patienten, bei denen man Lücken für Implantationen geöffnet hat, nach Debonding die Wurzeln in die Lücken kippen. Sein Tipp: „Bringt man gleich einen fixen Retainer palatinal an, kann man dieses Risiko minimieren!“ Eine andere Fehlerquelle liegt nach Prof. Crismani in den Messungen anhand eines Panorama-Röntgens: „Zehn bis zwanzig Prozent der Fälle werden im Panorama-Röntgen vergrößert dargestellt. In der Realität ist dann die Lücke kleiner – und eine Implantation de facto unmöglich.“

Gingivale Retraktionen und gingivale Blaufärbungen oder auch zunehmende Infraokklusionen des Implantates können ästhetische Defizite beim Ersatz fehlender seitlicher Schneidezähne sein. Hier etwa riet Prof. Crismani, je nach Fall, die Lückenöffnung möglichst weit seitlich zu legen, z. B. in die Region 14/24, und gleichzeitig die Dreier zu mesialisieren. Falls dann die erwähnten Probleme doch auftauchen, würden sie erfahrungsgemäß vom Patienten nicht als so störend empfunden.

Laser und andere Hilfsmittel

Für schnelle ästhetische Korrekturen, wie z. B. zum Anpassen des Gingivarandes, als Hilfsmittel bei Schleimhautverletzungen durch KFO-Apparaturen oder bei Schleimhautinvaginationen, bei verkürzten Lippen- und Zungenbändchen u. Ä. m. riet Ass.-Prof. DDr. Margit Pichelmayer, Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Graz, einen CO2-Laser zu verwenden. Dieser habe sich in den letzten Jahren in der Praxis gut bewährt. „Zum einen treten weniger Blutungen auf und somit hat man eine bessere Übersicht, nach Operationen heilen die Wunden schneller ab, die Narbenbildungen sind geringer – und zum anderen wird ein Lasereingriff wesentlich lieber von Patienten angenommen. Unter bestimmten Bedingungen kann man ihn auch zur Freilegung retinierter Zähne einsetzen, wenn diese beispielsweise nur unter einer derben Bindegewebeschicht liegen“, rät die Expertin aus eigener Erfahrung.

Kiefergelenksgeschichten und Schienentherapie

Mag. DDr. Elisabeth Santigli, Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Graz, verwies auf ein weiteres Problem in der Zahnmedizin, das Zahnärzte häufig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit einem Kieferorthopäden eingehen lässt: „Fünf Prozent der Bevölkerung haben Kiefergelenksschmerzen! Häufig sind es Frauen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr.“ Hier kann vor allem die Schienentherapie sehr hilfreich sein, nämlich sowohl zur schnellen und wirksamen Behandlung der Kiefergelenksschmerzen als auch für eine aussagekräftigere Diagnose. In ihrer täglichen Praxis unterscheidet die Expertin zwischen einer sogenannten „symptomatischen Schienentherapie“ und der „diagnostischen Schienentherapie“. Letztere sei erforderlich, wenn man umfangreichere technische Arbeiten oder auch „nur“ eine weiterführende kieferorthopädische Behandlung plane. Sie zielt darauf ab, die Kondylen zu zentrieren und die Kiefergelenke sowie die Muskulatur zu entlasten. „Zudem bringen die Ergebnisse der diagnostischen Schienentherapie laufend weitere neue Erkenntnisse, welche eine noch gezieltere Behandlungsplanung ermöglichen!“, so die Expertin.

„In den allermeisten Fällen lässt sich mit der klassischen Schienentherapie eine perfekte ‚Okklusion in Plastik‘ schaffen – hilft es dem Patienten, kann er sich immer noch für eine interdisziplinäre kieferorthopädische Weiterbehandlung entscheiden“, so DDr. Santigli weiter. „Doch sollte durch die Schiene keine Abhil-fe geschaffen werden, so wird wahrscheinlich auch die kieferorthopädische und kieferchirurgische Behandlung nicht helfen können!“

Vorsorge für ein gutes Ergebnis

Aber auch vor Beginn prothetischer oder restaurativer Versorgungen ist nach Doz. Dr. Martin Benda und Ass. Dr. Volker Clar, beide an der Universitätsklinik Graz tätig, unbedingt sicherzustellen, dass der Zahnhalteapparat dafür geeignet bzw. vorbereitet ist. Um langfristig posi-tive Ergebnisse erreichen zu können, sei in manchen Fällen die präprothetische Kieferorthopädie eine unerlässliche Voraussetzung: „Probleme wie gekippte Molaren, die ein aufrechtes Setzen der Krone verhindern, zu enge Lücken für Implantate oder auch unregelmäßige Gingivaverläufe sind nur die geringsten.“ Auch hier können durch kieferorthopädische Vorbehandlungen optima-le Voraussetzungen für eine anschließende prothetische Versorgung geschaffen werden. Insofern ist es zweckdienlich, sich ausführlich Zeit für eine Diagnose zu nehmen und Aspekte wie Parafunktionen, Abrasionen sowie temporomandibuläre Dysfunktionen bereits vorweg abzuklären.

Einerseits ist die Gesundheit des Zahnhalteapparates laut den Grazer Experten entscheidend dafür, ob und welche präprothetischen Maßnahmen in interdisziplinärer Zusammenarbeit einzuleiten sind. Andererseits ist eine fundierte Diagnose notwendig für ein nachhaltig zufriedenstellendes Ergebnis: „Es gibt dann fast keine unvorhergesehenen Probleme und man kann dem Patienten das Ergebnis liefern, das man ihm versprochen hat!“

Von Dr. A. V. Scheiderbauer, Zahnarzt 11 /2009

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