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Foto: Wolfiewolf / flickr.com
Beschwichtigungsversuche vonseiten des Zahnarztes sind oft gut gemeint, aber selten konstruktiv und erreichen meist das Gegenteil, nämlich eine Steigerung der Angst vor der Behandlung.
 
Zahnheilkunde 5. November 2009

ZahnArzt aktuell „Das tut überhaupt nicht weh!“

Wie man als Zahnarzt der Angst begegnet und mit ihr umgeht, bleibt ein topaktuelles Thema – so auch beim Österreichischen Zahnärztekongress in Innsbruck Anfang Oktober.

Vor allem das erste Mal sollte man einen neuen Patienten möglichst schnell an die Reihe nehmen – und ohne Mundschutz die Hand schütteln. Denn je länger er im Wartezimmer auf seinem Platz hin und her rutscht, umso unruhiger oder nervöser kann er werden.

 

Ein neuer Patient kann noch weniger als ein regulärer Patient abschätzen, was ihn erwartet. Und dann sollte er, nachdem ihm der Zahnarzt die Diagnose erläutert hat, noch mit dem Lätzchen um den Hals schnell eine Entscheidung treffen? „Nein, das geht nicht!“, stellte Dr. Ingrid Staehle aus Erlangen gleich außer Frage. „Ein Patient will als ein selbstständiger und handlungsfähiger Partner wahrgenommen werden – und sich auch so fühlen. Aber mit einem Lätzchen geht das nur schwer!“

Fauxpas: „Das tut nicht weh!“

Dr. Staehle stelle die Frage, warum Zahnärzte häufig die Behandlung mit einem „Das tut nicht weh!“ beginnen. Vor dem ersten Friseurtermin oder selbst vor einem Kinderarzttermin würde ja auch niemand sagen: „Das tut nicht weh!“ Man müsse sich also bewusst machen, dass nicht jeder Patient von denselben Ängsten geplagt wird; nicht jeder fürchtet sich vor einem Abdruck oder einer Spritze. Möglicherweise schämt sich das momentane Gegenüber wegen seines Gebisses oder es plagt ihn das schlechte Gewissen, dass er schon zu lange nicht mehr bei einem Zahnarzt war. Vielleicht sind es aber auch andere, wenn nicht gar schlechte Erfahrungen, die ihn beschäftigen. Aber genau deshalb, um das herauszufinden, müsse einem guten Anamnesegespräch ausreichend Raum gegeben werden. Es sei die Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen und herauszufinden, welche Sicherheiten der Patient braucht, um sich behandeln zu lassen – und auch der Platz dafür, selbst gleich anzubringen, welche Sicherheiten man als Zahnarzt brauche, um erfolgreich behandeln zu können.

Mit dem Erfreulichen beginnen

Besonders im Arzt-Patienten-Gespräch sei noch viel Potenzial, das aktuell nicht genützt werde: So zum Beispiel beginnen die meisten das Gespräch nach dem ersten Blick in den Mund damit, dem Patienten einmal zu sagen, was alles an seinem Gebiss nicht stimmt. Würde man dagegen zuerst einmal damit beginnen, ihm aufzuzählen, was an seinen Zähnen alles in Ordnung ist, würde man gleich eine ganz andere Ausgangsbasis schaffen. Denn auch der Patient als Mensch braucht das Gefühl, etwas wert zu sein und als Person Respekt zu bekommen.

Natürlich stellt sich dann auch gleich die Frage, womit man all das – vor allem die Zeit und ggf. eine entsprechende Ausbildung – bezahlen soll? „Mit stressfreiem, konzentriertem und schnellerem Arbeiten auch bei Kindern, besserer Compliance, sicherer Bissnahme, erfolgreicheren Behandlungen und in der Folge einem höher motivierteren Praxis- team“, listet Prof. Henriette Walter, AKH Wien, nur ein paar der vielen nennenswerten Vorteile auf, die nachvollziehbar belegen, dass Behandlungserfolg und das psychische Befinden der Patienten Hand in Hand gehen. Und auch wenn sie es sich nicht nehmen lässt, ebenso auf die Nachteile einer etwa auf Umgang mit Angst und Phobien spezialisierten Praxis hinzuweisen, ist sie überzeugt, dass die Schnittstelle zwischen der Zahnmedizin und den verschiedenen Aspekten der Psychotherapie interessante neue Möglichkeiten bietet, mit den Patienten neue Wege zu gehen: „Natürlich habe ich dann auch Patienten, die sie auf mich fixieren und, wenn ich einmal nicht da bin, nicht zu jemand anderem gehen wollen, natürlich betreibt man mit solch einer Spezialisierung ganz bewusst oder auch unbewusst eine Patientenselektion – und natürlich muss ich zum Beispiel bei traumatisierten Patienten auch noch vieles andere bedenken.“

Angst ist nicht objektivierbar

Der Angst, sei es vor einer zahnärztlichen Behandlung oder etwas anderem, ist es auch nach MR DDr. Gerhard Kreyer, Präsident der „Österreichischen Gesellschaft für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnmedizin“, generell eigen, dass sie nicht etwas Spezifisches oder Greifbares ist: „Angst ist unbewusst, nicht objektivierbar, undeutbar, frei flottierend!“ Doch in dem Moment, in dem man es schafft, dass der Patient glaubt, seine Angst durch einen ‚Schmerz-Alarmknopf‘, eine Hupe, ein Armzeichen o. Ä. kontrollieren zu können, ist das Ausmaß besser kontrollierbar“, schlussfolgert der Experte.

Auf diese und vor allem andere tiefer greifende Erfahrungen mit Patienten, die in der Zahnstation des Otto-Wagner-Spitals zwischen 1973 und 2007 betreut wurden, beruht auch die sogenannte „Integrative Anxiolyse“, die in einem genau definierten, stufenweisen Vorgehen verschiedene als wirksam erkannte Strategien und Techniken in ein Gesamtkonzept miteinbezieht. Die Anwendung der Methoden erfolgt in hierarchischer Reihenfolge: psychokonkordante Terminisierung – ärztliche Gesprächsführung – systematische Desensibilisierung – positive Reiztherapie – suggestive Techniken – Hypnose – Pharmakotherapie – Vollnarkose. Mit diesem Konzept war es bei den Probanden der zugrunde liegenden Studie gar möglich, den Prozentsatz an unvermeidbaren Vollnarkosen von ehemals ca. 16 Prozent auf derzeit 0,7 Prozent aller Interventionen zu senken.

Doch trotz oder gerade dank all der neuen Möglichkeiten, Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen zahnmedizinisch zu behandeln, wird in der täglichen Praxis nach wie vor ein tragfähiges Zahnarzt-Patienten-Gespräch die Ausgangsbasis für einen Behandlungserfolg und in der Folge auch für den gesamten Praxiserfolg bleiben. Darin waren sich alle Experten einig. „Stress, ein gefährlicher Mitbegründer aller dieser psychosomatischen Probleme, ist in unserer Gesellschaft positiv behaftet“, so Kreyer. „Genau hier muss man als Zahnarzt ansetzen. Im Sinne von: ‚Ich sehe, Sie leisten besonders viel …‘ oder ‚Ich sehe, Sie stehen unter besonders viel Stress ... – Ich kenne da Konzepte, die Ihnen hilfreich sein können!‘“

Von Dr. A. V. Scheiderbauer, Zahnarzt 11 /2009

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