zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Ziel der Wurzelbehandlung ist die Bekämpfung von Keimen zur Vorbeugung beziehungsweise Therapie einer periapikalen Parodontitis.
Foto: Privat

Dr. Maja Marotti zertifizierte Endodontin Department für Zahnärztliche Chirurgie und Röntgenologie, Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Medizinische Universität Graz

 
Zahnheilkunde 23. September 2009

Materialien in der modernen endodontischen Behandlung

Teil 1: Antimikrobiell wirksame und gewebeauflösende Spüllösungen zur Desinfektion des Wurzelkanalsystems.

Das Ziel einer Wurzelkanalbehandlung ist die Prävention oder die Therapie einer periapikalen Parodontitis. Das Wesentliche in der endodontischen Behandlung ist das Management der mikrobiologischen Besiedelung. Der Erfolg einer Wurzelkanalbehandlung ist abhängig von der Desinfektion des gesamten Kanalsystems. Weiters soll durch eine hermetische Wurzelkanalfüllung das Neubesiedeln des Kanalsystems über die Mundhöhle und/oder über das periapikale Milieu verhindert werden.

 

Obwohl es zu einem großen Fortschritt in der Endodontie mit der Entwicklung von rotierenden Nickel-Titan-Instrumenten und neuen Füllungsmaterialien und Techniken gekommen ist, ist der Praktiker immer noch mit zwei Problemen konfrontiert. Erstens, mit der Komplexität des Kanalsystems, das immer noch die größte Schwierigkeit bei der vollständigen Desinfektion, Aufbereitung und Füllung verursacht. Zweitens erfüllen die Wurzelkanalfüllmaterialien immer noch nicht alle Erfordernisse eines idealen Materials wie z. B. Biokompatibilität, Adhäsion an das Wurzeldentin, Aufrechterhalten der Versiegelung und Dimensionsstabilität.

Vor- und Nachteile von chemischen Spüllösungen

Antimikrobiell wirksame und gewebeauflösende Spüllösungen dienen zur Reduktion und Zerstörung der im Biofilm der Kanalwand organisierten Mikroorganismen sowie zur Auflösung von organischen und anorganischen Kanalinhalten. Besonders wichtig ist die ausreichende chemische Präparation in den Bereichen, wo eine instrumentelle Bearbeitung nicht möglich ist (laterale Kanäle, Isthmen, apikale Ramifikationen, Dentintubuli). Die kontinuierliche Spülung des Wurzelkanalsystems soll zusätzlich auch den Abtransport der Dentinspäne, eine Gleit- und Bleichwirkung, das Neutralisieren der bakteriellen Toxine und keinen Einfluss auf die Dentineigenschaften bewirken. Die meis-ten Desinfektionslösungen, die die Erfordernisse eines idealen Spülmittels erfüllen, können aber gleichzeitig das periapikale Gewebe irritieren oder sogar schädigen.

1. Natriumhypochlorit

Natriumhypochlorit (NaOCl) gilt in der internationalen endodontischen Literatur als Standardlösung zur Wurzelkanaldesinfektion. Das 0,5-prozentige NaOCl wurde bereits im I. Weltkrieg zur Wunddesinfektion verwendet (Dakins Lösung). NaOCl ist gegenüber der Mehrheit der endodontischen Flora effektiv antimikrobiell wirksam und hat zusätzlich eine auflösende Wirkung auf vitales sowie avitales Gewebe. Durch Erwärmung der Lösung von Zimmertemperatur (20°C) auf Körpertemperatur (37°C) erhöht sich seine gewebeauflösende sowie antimikrobielle Wirkung signifikant. Die in der Literatur empfohlene Konzentration soll für die Desinfektion der Kanäle zwischen ein und drei Prozent betragen, an anderen Stellen werden Konzentrationen bis 5,25 Prozent empfohlen. Von entscheidender Bedeutung ist auch die Einwirkzeit von 30 bis 60 Minuten. Erst danach wird der Biofilm aufgelöst und zerstört. Dies bedeutet, dass während der mechanischen Aufbereitung der Kanal permanent mit NaOCl gespült werden muss.

Die meisten Komplikationen durch Natriumhypochlorit wurden bei Extrusion der Flüssigkeit über den Apex beschrieben. Es kommt zu einer heftigen Reaktion im apikalen Parodont mit sofort auftretenden starken Schmerzen, Schwellung, Hämorrhaghie und Parästhesien der umgebenden Weichgewebe (Schleimhaut- und Hautbereiche). Besonders sorgfältig muss die Lösung bei Zähnen mit offenen Apices, Wurzelresorptionen und nach Überinstrumentieren in das periapikale Gewebe verwendet werden. In seltenen Fällen wurden auch allergische Reaktionen auf Natriumhypochlorit beobachtet.

2. Chlorhexidindiglukonat (CHX)

Chlorhexidindiglukonat (CHX) ist gegen ein breites Mikroorganismenspektrum wie grampositive und gramnegative Bakterien, bakterielle Sporen, lipophile Viren und Pilze wirksam. In niedrigen Konzentrationen ist es bakteriostatisch, in hohen bakteriozid. Durch die Fähigkeit der Bindung an Zahnhartsubstanz und an die Schleimhaut zeichnet es sich durch seine prolongierte Wirkung aus. CHX (in 0,2- bis 2-prozentiger Konzentration) wird vor allem bei Revisionsfällen angewendet. Bei endodontischen Misserfolgen werden häufiger Enterococcus faecalis oder Pilze im Kanal nachgewiesen, gegen die CHX im Gegensatz zu NaOCl und Kalziumhydroxid eine gute Wirkung zeigt. Da CHX empfindlich auf organische Reste ist und sich seine Wirkung bei Kontakt vermindert bzw. aufhebt, sollen Konzentrationen von zwei Prozent verwendet werden. Folgende Präparate sind mit dieser hohen Konzentration auf dem Markt erhältlich: Consepsis, Ultadent, Speikosept, Speiko und Chlorhexidindigluconat-Lösung 2 %, Engelhard. CHX hat keine gewebeauflösende Wirkung und keine Wirkung gegen bakterielle Endotoxine. Es ist dem NaOCl nicht überlegen, soll aber als alternative Desinfektionslösung bei Patienten, die auf NaOCl allergisch sind, verwendet werden. Eine Wechselspülung mit NaOCl soll vermieden werden.

CHX und NaOCl reagieren chemisch miteinander und ein Zerfallsprodukt Parachloranilin prezipitiert an der Dentinoberfläche. Parachloranilin ist im Zellversuch toxisch und kann Methämoglobin bilden. Klinisch kommt es zu einer orange-braunen Verfärbung des Pulpakavums sowie der Wurzelkanäle. In der Literatur wurden Fälle beschrieben, bei denen es bei lokaler Therapie mit Chlorhexidin zu leichten allergischen Reaktionen bis zum anaphylaktischen Schock gekommen ist.

3. Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA)

Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA) wurde 1957 von Nygaard-Ostby vorgestellt und ist der am häufigsten verwendete Chelator und Gleitmittel in der Endodontie. Chelatoren sind Komplexbildner, die selektiv Kalziumionen des Dentins an sich binden. Die Aufbereitung enger oder sklerosierter Kanäle kann damit erleichtert werden. In der endodontischen Behandlung soll 17-Prozent-EDTA als eine der Abschlussspüllösungen verwendet werden, um die Schmierschicht (smear layer), die nach der mechanischen Aufbereitung an der Dentinwand entsteht, zu entfernen. Durch die Zerstörung der Schmierschicht werden die Dentintubuli eröffnet, der Sealer kann bei der anschließenden Wurzelkanalfüllung in sie penetrieren und so deren Dichtigkeit erhöhen. EDTA zeigt außerdem eine schwache antimikrobielle und antifungizide Wirkung. In Pastenform dient EDTA als Gleitmittel für die Instrumente.

4. Kalziumhydroxid

Kalziumhydroxid Ca(OH)2 wird seit seiner Vorstellung 1920 in der Endodontie für verschiedene Maßnahmen verwendet. Zur intrakanalären Anwendung wird aufgrund der größten Freisetzung von Hydroxylionen eine wässrige Suspension bevorzugt. Die Hydroxylionen erzeugen im Kanal einen stark alkalischen pH-Wert, der bei In-vitro-Untersuchungen zwischen 12 und 13 erreichen kann. Die wässrigen Präparate haben demzufolge eine ausgeprägte antimikrobielle Wirkung durch Zerstörung der bakteriellen Zellmembran, Denaturierung von Proteinen und Enzymen und DNA-Schädigung. Kalziumhydroxid löst zusätzlich vitales und nekrotisches Gewebe auf, hemmt Wurzelresorption und induziert die Neubildung von Hartgewebe (z. B. bei Apexifikation). Als desinfizierende Wurzelkanaleinlage füllt es das Wurzelkanallumen während zwei Sitzungen. Es dient somit als Barriere gegen das Eindringen von Mikroorganismen, verhindert deren Wachstum und Vermehrung und die Substratzufuhr. Bei Kontakt mit periapikalem Gewebe wird es gut toleriert. Die chemische Wirkung von Hydroxylionen wird durch die Pufferwirkung der Gewebeflüssigkeiten neutralisiert und Ca(OH)2 kann resorbiert werden. Für eine optimale Wirkung soll es mindestens ein bis zwei Wochen im Wurzelkanal verbleiben.

Nachteilig an Kalziumhydroxid ist, dass es gegen Enterococcus faecalis, andere fakultativ anarobe Bakterien und Pilze nicht ausreichend wirksam ist. Solche Keime treten vor allem in therapieresistenten Fällen auf. Weiters lässt es sich oft nicht vollständig mit konventioneller Spülung und mechanischer Instrumentation wieder aus dem Kanal entfernen. Dies kann negative Auswirkungen auf die Dichtigkeit von Wurzelkanalfüllungen haben.

In Fällen mit einer infizierten Pulpanekrose oder etablierten periapikalen Läsionen kann ein zweizeitiges Vorgehen mit Ca(OH)2 immer noch empfohlen werden, da es die Heilung positiv beeinflusst. Als temporäres Wurzelkanalfüllmaterial eignet sich Kalziumhydroxid für einen längeren Zeitraum von Wochen oder Mona-ten, wenn eine definitive Wurzelkanalfüllung aus verschiedenen Gründen nicht durchführbar ist. Im Gegensatz zu anderen Materialien löst Kalziumhydroxid auch keine allergische Reaktion aus.

 

Thema von Teil 2 in der kommenden Ausgabe des Zahn Arzt: Wurzelkanalfüllstifte und Sealer

Von Dr. Maja Marotti , Zahnarzt 10 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben