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Foto: Dentaurum Implants GmbH
Implantate erweitern die prothetischen Möglichkeiten. Laufende Innovationen durch Zahnärzte und Industrie verbessern Ästhetik und Haltbarkeit.

Prof. Dr. Thomas Bernhart Abteilung für Orale Chirurgie, Bernard-Gottlieb-Universitätszahnklinik, Wien

Foto: Thomas Bernhart

Abb. 1: Keramikimplantat im Unterkiefer mit Periimplantitis und Bindegewebseinscheidung.

Abb. 2: Keramikimplantat nach Entfernung.

 
Zahnheilkunde 23. September 2009

„Geiz-ist-geil-Mentalität bleibt fehl am Platz“

Nicht nur die Nachfrage wächst, auch die Anforderungen an implantologische Versorgungen steigen. Qualität ist mehr denn je gefragt – sowohl vonseiten der Patienten als auch von den Zahnärzten.

Trotz Wirtschaftskrise hält der positive Trend in der Implantologie an, der zu einem expandierenden Markt mit einer wachsenden Anzahl von Anbietern und Anwendern geführt hat. Ein umfassenderes, auch über Internet abrufbares Leistungsangebot führt aber auch dazu, dass die Ansprüche der Patienten steigen und sie den Eingriff kritischer sehen als noch vor einigen Jahren. Zudem werden Implantate von erfahrenen Anwendern oft auch bei Risikopatienten in Betracht gezogen.

Implantologen bemühen sich, den Wünschen nach kurzen Behandlungszeiten und höchstmöglicher Ästhetik Rechnung zu tragen. Titan und Titanlegierungen haben sich als Werkstoffe bewährt. Als Alternativen sind Implantate aus Zirkonoxid erhältlich, die aufgrund der zahnähnlichen Farbe Vorteile hinsichtlich der Ästehtik versprechen. Zufrieden stellende Langzeitergebnisse liegen dazu allerdings noch nicht vor, betont Prof. Dr. Thomas Bernhart, Implantologe der Bernard-Gottlieb-Universitätszahnklinik Wien, im Gespräch mit dem Zahn Arzt über aktuelle Trends der Wachstumsbranche Implantologie und über Daniel Düsentriebs unter den Kollegen.

 

Wie sehen Sie den wachsenden Trend zur Implantologie? Muss man als Zahnarzt heute dieses Gebiet obligatorisch beherrschen und anbieten können?

BERNHART: Auch wenn die Umsatzsteigerungen bei den Implantaten von rund 20 auf 4 Prozent gesunken sind – der Bedarf der Patienten an impantologischen Eingriffen steigt definitiv. Wir beobachten ei-nen Trend hin zu Implantologiezentren, während die Zahl jener Zahnärzte, die zwischen 20 und 40 Implantate pro Jahr setzen, zurückgeht. Viele Patienten sehen die Rekonstruktion mit Implantaten mittlerweile als Mittel der Wahl, eine Beschädigung der Nachbarzähne durch Brücken wird nur noch selten akzeptiert. Wobei wir auch feststellen, dass der Informationsstand der Patienten durch Medien und Internet auf einem relativ hohen Niveau ist. Dadurch ergibt sich natürlich ein gewisser Druck auf Kollegen, die diese Möglichkeiten nicht anbieten. Für sie ergeben sich zwei Wege, um am Ball zu bleiben: Entweder sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema, besuchen Fachvorträge und/oder arbeiten mit Kollegen zusammen, die dieses Fach bereits beherrschen. Dazu kommt, dass viele Patienten nicht nur die verschiedenen Methoden hinterfragen, sondern auch die Behandler selbst kritisch evaluieren. Das bedeutet, dass niedergelassene Zahnärzte – auch wenn sie keine Anwender sind – zumindest Basisinformationen über Implantologie parat haben sollten. Typisches Beispiel wären Einheilzeiten von Implantaten, hier trifft man immer noch auf veraltete Protokolle. Oder der Patient fragt nach Keramikoberflächen, weil er da kürzlich etwas darüber gelesen hat. Hier sollte sich ein Zahnarzt dennoch mit der Materie auseinandersetzen.

 

A propos Keramik: Wie beurteilen Sie hier die Entwickungen?

BERNHART: Das Thema Zirkonoxid wurde in letzter Zeit vonseiten der Industrie sehr stark propagiert. Die fachliche Diskussion beginnt frei- lich schon beim Argument der Metallfreiheit, über die sich Chemiker und Physiker immer noch streiten. Weiters gibt es eine aktuelle Konsensusaussage, dass Keramikimplanta-te einen sehr eingeschränkten Wirkungsbereich haben, z. B. ein deutlich schlechteres Einheilverhalten zeigen als andere moderne Implantatoberflächen und sehr empfindlich gegenüber mechanischen Belastungen während der Einheilphase sind. Ein weiterer Nachteil könnte sich daraus ergeben, dass zirka zwei Drittel der am Markt befindlichen Implantate nach dem Setzen mechanisch bearbeitet werden müsse. Hier könnte das Kristallgitter eine höhere Bruchgefahr mit sich bringen, vor allem am schwächsten Teil, dem intraossären Übergang des Implantats zur Krone. Bei Vollkeramikversorgungen ist es zudem noch nicht klar, welche Klebemechanismen hier funktionieren. Dazu sind die Aussagen teils widersprüchlich.

 

Welche neuen Tendenzen gibt es im Hinblick auf die Implantatdimensionen?

BERNHART: Die Konzepte der sehr kurzen Implantate sind durch neue Oberflächen wieder aktuell geworden. Frühere Erkenntnisse aus Langzeitbeobachtungen, die bescheinigen, dass Längen von weniger als 10 mm mit höheren Verlustraten einhergehen, werden hinterfragt. Es gibt schon ein paar Hinweise darauf, dass kurze Implantate mit neuen Oberflächen in Regionen mit reduziertem vertikalem Knochenangebot als Alternative zu augmentativen Verfahren funktionieren und man Patienten damit aufwändige Eingriffe für den Knochenaufbau ersparen könnte. Auf der anderen Seite sind die Nachteile kurzer Implantate zu berücksichtigen. Um einen biologischen Aspekt zu nennen: Ein Knochenabbau von 0,2 mm pro Jahr gilt als akzeptabel, damit wäre bei einem 6-mm-Implantat nach zehn Jahren ein Drittel der Implantatlänge erreicht, was eine schlechtere Prognose im Sinne der mechanischen Belastbarkeit bedeutet. Es gibt also schon ein paar Dinge, die man überlegen muss, bevor man dieses heiße Eisen angreift.

 

Auch bei den Implantatformen wird experimentiert und verbessert?

BERNHART: Es gibt immer wieder einige Exoten darunter. Prinzipiell ist es immer ein rotationssymmetrischer Körper, der als Schraube, Zylinder oder in konischer Form ausgeführt wird. Die Global Player sind gleich geblieben, der Einsatz ist indikationsabhängig. Wobei es Trends gibt, aus ästhetischen Gesichtspunkten wieder vermehrt Implantate unter Schleimhautniveau zu setzen.

 

Es gibt einige Zahnärzte, die beklagen, dass die Industrie zu träge auf Verbesserungsvorschläge reagiert und als Konsequenz selbst Implantate entwickeln. Wie beurteilen Sie diese Produkte?

BERNHART: Es gibt einige Daniel Düsentriebs unter den Zahnärzten, die sicher intelligente Innovationen setzen. Anders würde es gar nicht funktionieren, da die Industrie von diesen Ideen lebt. Deshalb sehe ich diese Motivation sehr positiv. Andererseits muss man vorsichtig sein mit Dingen, die man in den menschlichen Organismus einbringt, egal ob man sie auf die Zähne bringt oder in den Knochen hinein. Es ist notwendig, die übliche Kaskade der Zulassung von Medizinprodukten einzuhalten, u.a. Zellversuche, Tierversuche, Pilotversuche am Patienten und Gruppenversuche. Alles andere führt die Kontrollmechanismen ad absurdum. Es stellt sich dann die Frage, auf welche Prognosen und Erfahrungswerte wir dann zurückgreifen können. Es nützt nichts, wenn der Entwickler der einzige ist, der mit seinem System umgehen kann. Auch wenn das Material schon zugelassen ist und „nur“ die Form verändert wurde. Die Industrie verfügt über entsprechende Ressourcen, um diese Untersuchungen durchführen zu lassen. Große Firmen bieten daher auch lukrative Patentrechte an, wenn sich Zahnärzte mit guten Ideen an sie wenden. Neue Ideen bringen uns alle weiter. Von Garagenimplantaten – in Anlehnung an Bill Gates, der seinen ersten Computer in der Garage gebaut hat – halte ich allerdings nicht viel, weil sie nicht kompatibel sind und daher die Möglichkeit, defekte Bestandteile auszutauschen, sehr beschränkt ist.

 

Zu Bisphosphonat-Therapien wird im Moment häufig Stellung bezogen. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den bisher gewonnenen Erkenntnissen?

BERNHART: In diesem Zusammenhang versuchen wir die breite Basis der Zahnärzteschaft zu sensibilisieren, weil es hier nicht nur um die Implantatversorgung im Speziellen, sondern um die Gesamtversorgung des Patienten geht. Für uns stellt sich zusammenfassend die vielleicht etwas provokant anmutende Frage, ob nicht das frühzeitige Implantat die bessere Lösung für einen bisphosphonattherapierten Patienten ist als eine schleimhautgetragene Prothe-se, die dann schlussendlich auch zu einer Nekrose führen kann.

Welche Faktoren sind speziell bei Senioren zu berücksichtigen, die in zunehmender Zahl mit Implantaten versorgt werden?

BERNHART: Hier muss man als Zahnarzt vorsichtig vorgehen. Viele sagen sich: Wenn ich implantiere, dann immer mit einer fixen Versorgung. Teilweise wird dabei nicht auf die manuelle Geschicklichkeit bzw. die zu erwartende manuelle Geschicklichkeit älterer Patienten Rücksicht genommen. Wichtig wäre, Restaurationen zu bevorzugen, deren routinemäßige Pflege der Patient im gesunden Zustand erlernen kann, sodass er sie auch im erkrankten Zustand beherrscht. Ich spreche da von Teleskoparbeiten auf Implantaten bzw. einfachen Halteelementen, die dem älteren Patienten doch eine hohe Lebensqualität bieten.

Da kommen wir auf die Komplikationen wie Periimplantitis zu sprechen, deren Management auch ein häufiges Thema geworden ist. Zum einen sind solche Komplikation durch Kollegen bedingt, die Implantologie primär als Wirtschaftsfaktor sehen. Implantate werden dann bisweilen inkorrekt oder als nicht zu reinigende fixe Versorgungen gesetzt, die relativ rasch zu Problemen führen. Hierbei spielt nicht nur das östliche Ausland eine bedeutende Rolle. Andererseits zeigt sich für den Patienten, dass die „Geiz-ist-Geil“-Devise auf diesem Sektor zumindest langfristig gesehen sehr häufig mit Nachteilen verbunden ist. Die Reduzierung der Leistung auf den wirtschaftlichen Faktor hat speziell in der Implantologie nichts zu suchen.

 

Das Interview führte Mag. Andrea Fallent

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