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Gerade nach Zahnunfällen fällt naturgemäß dem begleitenden Elternteil eine beschützende und tröstende Rolle zu.
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ao. Prof. Dr. Kurt A. Ebeleseder Universitäts-Klinik f. Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Graz , Abteilung Zahnerhaltungskunde

 
Zahnheilkunde 23. September 2009

Kooperieren – aber wie?

Warum elterlicher Trost in vielen Fällen die zahnärztliche Akutbehandlung am Kind torpediert.

Zahnärztliche Akutbehandlungen bei Kindern machen Stress: für das Team, den kleinen Patienten und die ihn begleitenden Eltern. Zahnunfall, Abszess oder akute Pulpanekrose haben mitunter schon sämtliche vor dem ersten Handgriff des Behandlers vorhandene psychische Reserven aufgebraucht. Der folgende Artikel soll dem Zahnarzt helfen, das Wesentliche (die erfolgreiche Behandlung) zielgerichtet anzusteuern und auch durchzuführen.

 

Das, was der Behandler neben Wissen und technischem Geschick am dringendsten in dieser Situation benötigt, ist die Kooperation des Kindes. In früheren Jahren wurde diese durch die Autorität von Eltern und Behandler quasi erzwungen, d.h. die Rolle der Eltern und die des Behandlers waren einander ähnlich. Der Konsens bestand darin, dass beide die Folgsamkeit des Kindes während der Behandlung einforderten, auch bei Auftreten allfälliger Unannehmlichkeiten. Einer solcherart überstandenen Notbehandlung wurde zudem eine positiv erzieherische Wirkung nachgesagt.

Einwilligung und Aufklärung

Ungeachtet ihrer Erfolge oder Misserfolge basieren heutige Erziehungsauffassungen auf den Prinzipien der Partnerschaftlichkeit und des Verständnisses. Auch das Arzt-Patientenverhältnis ist diesen Prinzipien unterworfen, was den Behandler zur Einholung einer dezidierten Behandlungseinwilligung (Partnerschaftlichkeit) und – als Voraussetzung für diese – zu einer entsprechenden Aufklärung (Verständnis) verpflichtet. Über die Medien hat darüber hinaus in den letzten Jahrzehnten eine – als demokratischer Erziehungsprozess verstandene – Ächtung der Kritiklosigkeit gegenüber Autoritäten, zu denen auch Ärzte gezählt werden, stattgefunden. Gerade Mütter und Väter, die ihre Elternschaft ernst nehmen, fühlen sich daher heutzutage verpflichtet, „dem Arzt auf die Finger zu schauen“, als wäre dieser grundsätzlich ein menschliches Pulverfass, das unter steter Beobachtung gehalten werden muss. Hier beginnt bei der zahnärztlichen Akutbehandlung das Dilemma. Da die Eltern in ihre „kritische“ Betrachtung keine ausreichenden fachlichen Kenntnisse einbringen, ist der Weg offen für verwirrende Dispute und langatmige, fruchtlose Erklärungen, die, wenn nicht verstanden, auch noch als „Herumgerede“ des Arztes interpretiert werden können, als ob dieser Kriminelles zu vertuschen hätte. Dass ein bestimmtes Verhalten der Begleitperson prinzipiell behandlungshinderlich sein kann, wird von vielen Eltern überhaupt nicht bedacht. Sie denken, sie als Elternteil könnten dem Kind ohnehin nur Gutes tun, sobald sie Gutes wollen.

Vier sind schon einer zu viel

Die einfachste psychologische Situation im Zahnbehandlungsraum ist nach wie vor die der zahlenmä- ßig kleinsten Besetzung: Patient, Behandler und Hilfsperson stehen in einer simplen Dreiecksbeziehung zueinander. Vorausgesetzt, dass Behandler und Hilfsperson ein eingespieltes Team sind, ist nur noch die Beziehung zwischen Behandler (bzw. Team) und Patient aufzubauen. Eine vierte Person, wie immer sie sich auch verhält, wirkt verkomplizierend, da sie die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich lenkt und so mit dem Kommunikationsaufbau des Behandlers konkurriert. Welches Kind wird, wenn es gleichzeitig die Stimmen der Mutter und eines Arztes hört, die Stimme der Mutter ignorieren und auf die des Arztes hören, noch dazu in einer gespannten Situation, in welcher die Flucht des Kindes zum Elternteil geradezu die Normreaktion darstellt?

Spricht also der Elternteil während der Behandlung mit dem Kind, so wird das Team aus der Sicht des Kindes zu Hilfspersonen des Elternteiles, welcher die Behandlung leitet und das Kind vor Übergriffen des Behandlers schützt. Und was ein Übergriff ist, bestimmt nicht selten das Kind. Dieses hat heute oft die Erfahrung gemacht, dass Ge- und Verbote verhandelbar sind, und eine Erfahrung mit dem Unausweichlichen ist ihm fremd. Seine Reaktion auf zahnärztliche Behandlungsversuche ist daher oftmals Verstörung oder blanke Ablehnung der Situation, gemischt mit Vorwürfen an die Eltern, es in diese gebracht zu haben. Schmerzangaben werden dann u. U. dazu benützt, nachhaltig den Beistand der Eltern einzufordern, manchmal sogar nachweislich vorgetäuscht.

Gerade nach Zahnunfällen fällt naturgemäß dem begleitenden Elternteil eine beschützende und tröstende Rolle zu. Häufig wird hierbei versäumt, den Behandler als Heiler = Heil bringende Person zu sehen, nach welchem sich der Elternteil genauso sehnt wie das verletzte Kind. Eltern trösten z. B. das Kind auch noch, nachdem die Zahnbehandlung begonnen hat. Das Kind hat dadurch unweigerlich den Eindruck, dass es weiterhin in Gefahr ist, sonst würden ihm die Eltern nicht beistehen wollen. Es ist faktisch nicht an den Behandler übergeben, sondern weiter in der Obhut der Begleitperson, der Arzt ist eine potenzielle Bedrohung.

Kontraproduktive Streicheleinheiten

Dieser Effekt des „fortgesetzten elterlichen Trostes“ ist speziell dann beobachtbar, wenn der begleitende Elternteil zwar wie erbeten die verbale Kommunikation mit dem Kind einstellt und auch an dem für Begleitpersonen vorgesehenen Sessel am Fußende des Behandlungsstuhles Platz nimmt, dann aber z. B. die Knöchel des Kindes umfasst und streichelt. Praktisch postwendend reagiert das Kind mit weinerlichem Wimmern, selbst wenn die Behandlung bis zu diesem Zeitpunkt vom Kind gut akzeptiert wurde. Eine Erklärung ist, dass das Kind, um mit dem Elternteil zu harmonieren, quasi jene Beschwerden bestätigt, welche die Eltern bei ihm vermuten bzw. befürchten. Ein Erlebnis des Autors in dessen Kindheit unterstreicht diese Interpretation: Seine Mutter hatte den damals Achtjährigen vor einer Tonsillektomie dahingehend instruiert, dass er nach der Narkose verwirrt aufwachen und um sich schlagen würde, sodass es notwendig werden würde, ihn zu seinem eigenen Schutze festzuhalten. Als er nun aufwachte und feststellte, dass er nicht um sich schlug, bekam er Angst, dass etwas mit der Operation schiefgelaufen sein könnte. Er begann um sich zu schlagen, damit alles seine Richtigkeit hätte, und stellte daraufhin beruhigt fest, dass er, wie angekündigt, festgehalten wurde, die Operation also doch erfolgreich verlaufen war ...

Störeinfluss der Eltern

In Summe lässt sich also feststellen, dass elterliches Verhalten während einer zahnärztlichen Behandlung einen größeren Einfluss auf das Verhalten des Kindes haben kann als die Behandlung selbst. Die Rolle des begleitenden Elternteils während einer Akutbehandlung ist ein entscheidender Faktor für die Kooperation des Kindes und daher auch für die Erfolgsaussichten eines Behandlers. Wird seine notwendige führende Rolle durch elterliches Verhalten infrage gestellt, ist es empfehlenswert, die Behandlung zu unterbrechen und den begleitenden Elternteil unter vier Augen über die Situation aufzuklären, auch auf die Gefahr hin, dass dieser empört reagiert oder sich persönlich angegriffen fühlt (siehe Kasten). Unter dem Aspekt, dass der Arzt der Letztverantwortliche für das Behandlungsergebnis ist, kann sogar ein Behandlungsabbruch erwogen werden.

Der Autor räumt ein, dass diese Sicht- und Vorgangsweise nicht dem vorherrschenden Zeitgeist ent-spricht. Er sieht es jedoch nicht als seine Pflicht an, den Zeitgeist wissenschaftlich zu bestätigen. Außerdem ist dieser Artikel ein reiner Erfahrungsbericht. Er beinhaltet mehrheitlich subjektive Eindrücke, wel-che durchaus stärker in der Persönlichkeit des Autors begründet sein können als in objektiven Umständen. Zahlreiche Gespräche mit KollegInnen haben jedoch gezeigt, dass es prinzipiell sinnvoll ist, sich mit den psychologischen Interaktionen im zahnärztlichen Behandlungsraum zu beschäftigen, und dieser Artikel ist als ein erster Annäherungsversuch an diese potenzielle Problematik zu verstehen.

Kasten:
„Nimm ganz fest meine Hand“
Kommunikationsbeispiele aus der Praxis
Als typische elterliche Sätze, welche die Arzt-Patientenbeziehung stören, können z. B. betrachtet werden:

Beim Hereinkommen: „Setz dich nur hin, das tut überhaupt nicht weh“ (der Arzt wird gezwungen, eine elterliche Wunschvorstellung zu erfüllen).
Noch vor der Anamnese: „Mein Kind ist furchtbar ängstlich und will nur mit Spritze“ (Vorgabe eines Therapieschrittes durch den Elternteil).
Vor der Behandlung: „Schatzi, ich weiß, das wird jetzt schrecklich, aber da müssen wir durch“
(Schwarzmalerei, die Erwartungsängste schürt).
Vor der Behandlung: „Nimm ganz fest meine Hand“ (ungewollte Dämonisierung der Behandlung oder auch des Behandlers).
Zum Behandler während der Therapie: „Sehen Sie denn nicht, dass ...?!“ oder „Haben Sie Kinder?“ (offene Misstrauenskundgebung gegenüber dem Behandler).
Zum Behandler, der feststellt, er wisse schon, was er tue: „Und ich weiß, was mit meinem Kind los ist.“

Kernsätze, die dem Behandler helfen können, im Vieraugengespräch seine Position klarzulegen (ohne Gewähr, dass sie auch wirklich immer den gewünschten Effekt haben):

„Damit ich Ihnen das Kind geheilt zurückgeben kann, müssen Sie es mir erst einmal überlassen.“
„Das Kind muss sich dem Arzt zuwenden und ihm zuhören, dann versteht es und fürchtet sich nicht mehr.“
„Wenn das Kind die Wahl hat zwischen Arzt und Mutter, wird es sich immer für die Mutter entscheiden. Der Arzt hat dann keinen Zugriff.“
„Wie soll das Kind mir vertrauen, wenn Sie es nicht tun?“
„Ich würde Ihnen gern die Behandlung überlassen, wenn Sie ein Arzt wären und auch die Letztverantwortung tragen könnten.“
„Trösten Sie das Kind bitte nicht, wenn es nicht in Gefahr ist.“

Von ao. Prof. Dr. Kurt A. Ebeleseder, Zahnarzt 10 /2009

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