zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat
Dr. Peter Österreicher Präsident der Landeszahnärztekammer Steiermark
 
Zahnheilkunde 23. September 2009

Gröbere Streitereien möglichst vermeiden

Die bundeseinheitliche Richtung weiterverfolgen und den Dialog mit Konfliktparteien suchen – Dr. Peter Österreicher, Präsident der Landeszahnärztekammer Steiermark, ist um Konsens bei den aktuellen Streitfragen bemüht.

Diskussionen um die Interpretation und Umsetzung der Kassenverträge und eine mögliche Kompetenzerweiterung des Zahntechnikergewerbes erhitzen so manche Gemüter. Dr. Peter Österreicher hält sich lieber im Hintergrund und betont: „Die Steiermark hat es in diesem Zusammenhang geschafft, gröbere Streitereien und Reibungspunkte zu vermeiden.“

 

Im Gespräch mit dem Zahn Arzt unterstreicht der Präsident der steirischen Landeszahnärztekammer die Wichtigkeit von Teamwork und Prophylaxe und relativiert die Angst so mancher Zahnärzte vor einer steigenden Klagsbereitschaft der Patienten.

 

Wie sehen Sie die Aufgabe der Landeszahnärztekammern im Allgemeinen und Ihre im Speziellen?

ÖSTERREICHER: Mir ist wichtig klarzustellen, dass die Landeszahnärztekammer für Steiermark einer bundeseinheitlichen Richtung folgt. Für die existenziellen Fragen ist es notwendig, dass die Entscheidungen auf der Bundesebene getroffen werden und es bundeseinheitliche Regelungen (z.B. bei den Honoraren und dem Kollektivvertrag für zahnärztliche AssistentInnen) gibt. Mir ist es von Bedeutung, dass die Landeszahnärztekammer für Steiermark in allen wesentlichen Fragen eine klare Position herausarbeitet und diese im Bundesausschuss vertritt. Um zu den steirischen Positionen zu gelangen, gibt es im Land Arbeitsgruppen, die verschiedene Problembereiche behandeln.

Durch den Aufbau regionaler Strukturen - wie die der Bezirkszahnärztevertretung in den letzten 30 Jahren - konnte auch die Kommunikation und der Informationsfluss zu den KollegInnen verbessert werden. Die BezirkszahnärztevertreterInnen werden zweimal jährlich zu einer Sitzung eingeladen, in der die Probleme der Basis besprochen werden. Als Präsident ist mir die breite Meinungsbildung im Kollektiv von 30 bis 35 Bundeslandvertretern wichtig. Meine Aufgabe ist es, den dabei herausgearbeiteten Standpunkten ein starkes Gewicht in der Bundesversammlung zu verleihen. Daneben werden auch regionale Probleme nur in Kooperation mit den BezirkszahnärztevertreterInnen bewältigt. Dazu gehört die Organisation eines flächendeckenden Zahnärztenotdienstes, sowie die bedarfsorientierte Versorgung der Bezirke mit Kassenplanstellen.

 

Auf der Homepage der Zahnärztekammer wird unter anderem auf die Patientenschlichtungsstelle hingewiesen. Wie beurteilen Sie diese Einrichtung?

ÖSTERREICHER: Ich bin ein absoluter Anhänger der Prophylaxe auf jedem Gebiet und habe mich auch immer dafür eingesetzt. Deshalb halte ich die Schlichtungsstelle für eine der wichtigsten Einrichtungen, um eskalierende Streitigkeiten zu vermeiden. Die Schlichtungsstelle hat sich 2008 mit rund hundert Beschwerden befasst, 70 davon wurden bei der wöchentlichen Sprechstunde aufgenommen. Nach entsprechender Beratung wurden ca. 50 Beschwerden schriftlich eingebracht, zu einem kostenlosen Schlichtungsverfahren kam es bei rund 40 Beschwerden. Davon wurde wiederum in der Hälfte der Fälle ein Behandlungsfehler festgestellt. Das entspricht meines Wissens nach auch den Statistiken andere Bundesländer und relativiert die allgemeine Kritik bezüglich der Häufigkeit von Behandlungsfehlern doch einigermaßen. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass in der Steiermark pro Jahr rund 700.000 Behandlungen vorgenommen werden. Durch die Schlichtungsstelle werden gerichtliche Auseinandersetzungen minimiert. Resumierend kann man sagen, dass mit der Schlichtungsstelle zufriedenstellende Ergebnisse erreicht werden – sowohl für die Patienten als auch für die Zahnärzte.

Einige Ihrer Kollegen beklagen das problematische Verhältnis zu den Krankenkassen, mit welchen landesspezifischen Konflikten sind Sie vorrangig konfrontiert?

ÖSTERREICHER: Jedes Bundesland hat nur eine Vertragsposition, die gesondert durch das Land geregelt wird, das ist der Notdienst. Und auch die Stellenvergabe läuft seit kurzem bundesländerspezifisch ab. Dennoch hat jedes Land seine speziellen Probleme, auch mit den Krankenkassen. Selbst mit einem bundeseinheitlichen Vertrag kommt es immer noch zu Auseinandersetzungen über die Interpretationen, die Abwicklungen und die Verrechnungen. Die Steiermark hat es in diesem Zusammenhang geschafft, gröbere Streitereien und Reibungspunkte zu vermeiden.

 

Auch mit den Zahntechnikern gibt es regelmäßig Diskussionen bezüglich ihres Kompetenzbereichs. Soll diese Berufgsruppe Ihrer Meinung nach in Zukunft mehr Aufgaben übernehmen dürfen?

ÖSTERREICHER: Die Problematik ist nicht neu und auch kein spezifisch steirisches Problem, sondern betrifft alle österreichischen Zahnärzte und ist somit zur Bundessache geworden. Die Zahntechniker wollen seit Jahren eine Ausweitung ihrer Befugnisse bezüglich der Behandlungstätigkeit in Zusammenhang mit prothetischen Maßnahmen, die Zahnärzteschaft spricht sich dagegen aus. Man hatte immer gute Gründe, von einer Ausweitung Abstand zu nehmen. Mit einer Änderung der Kompetenzen wären europarechtliche Fragen verbunden. Man müsste einheitlich neu klären: Wer macht jetzt was? Zahntechnik ist noch immer ein Gewerbe und daher ist der Zahntechniker weder ausgebildet noch befugt, Patienten zu behandeln. Bei einer Ausweitung der Berufsbefugnis, Prothesen herzustellen, sehen wir ein gewisses Risikopotenzial. Zum Beispiel bei Zwischenfällen, in denen die Ausbildung eines Zahntechnikers keinesfalls ausreicht.

Nicht umsonst gibt es zudem entsprechende Auflagen für die Zahnarztpraxen. Der Hauptpunkt ist der, dass der Zahntechniker nur im Auftrag des Zahnarztes tätig werden darf und zweiterer auch die Haftung dafür übernehmen muss. Mit einer Ausweitung müsste auch diese Haftungsfrage neu geklärt werden. Alles in allem ergeben diese Überlegungen ein Paket von Problemen, das mit diesem Anliegen der Zahntechniker verbunden ist. Deshalb finden laufend Gespräche statt, die ausloten sollen, wo in diesem Fall die Grenzen liegen und was machbar wäre.

 

Wieviel Bedeutung messen Sie der Fortbildung für Zahnärzte bei?

ÖSTERREICHER: Die Steiermark ist bezüglich der Fortbildung durch die Zahnklinik in Graz natürlich priviligiert, genauso wie Wien und Innsbruck. Die Zahnklinik deckt selbstständig einen Großteil der Fortbildungen ab, bemerkenswerte Schwerpunkte liegen hier insbesondere in der Prophylaxe und in der Alterszahnheilkunde. Die Standesvertretung organisiert vornehmlich Fortbildungsveranstaltungen im Bezirk. Hervorzuheben sind sicher auch die Qualitätszirkel mit regionalem Bezug, wo sich zehn, zwölf Kollegen unter Leitung eines ausgebildeten Moderators treffen. Sie sind wichtige Instrumente der Problemlösung und der kontinuierlichen Kommunikation untereinander, insbesondere deshalb, weil bei uns nach wie vor hauptsächlich Einzelpraxen existieren.

 

Wie gestaltet sich in der Steiermark die gezielte Prophylaxe im Kinder- und Jugendalter?

ÖSTERREICHER: 97 Prozent der steirischen Kindergärten und 99 Prozent der steirischen Volksschulen beteiligen sich am steirischen Kariesprophylaxeprogramm von Styria vitalis, das seit 1986 in den Kindergärten und seit 1988 in den Volksschulen durchgeführt und vom Land und den Krankenkassen getragen wird. Der wichtigste Faktor dabei sind die rund 60 ZahngesundheitserzieherInnen, die mehrmals jährlich Kindergärten und Volksschulen besuchen und dort die Kinder zu richtiger Zahnpflege anleiten (siehe Kasten 2). Sie haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass sich die Zahngesundheit der steirischen Kinder und Jugendlichen in den letzten Jahren wesentlich verbessert hat.

 

Das Interview führte Mag. Andrea Fallent

Kasten 1:
Landeszahnärztekammer Stmk.
Anzahl der Mitglieder: 627, davon 525 niedergelassene Zahnärzte;
Kontakt: Landeszahnärzte- kammer Steiermark, Kaiserfeldgasse 29/3, 8010 Graz Tel: 05 05 11-8020,
E-Mail: office@ stmk.zahnaerztekammer.at
Kasten 2:
Styria vitalis: Prophylaxe bei Kindern
Die Steiermark schneidet bei der aktuellen, im Auftrag des BMGFJ durchgeführten Zahnstatuserhebung1 besonders gut ab.

Der DMFT-Index2 gilt als internationaler Hauptvergleichswert für den Zahngesundheitszustand der Bevölkerung eines Landes. Er stellt die Summe der kariösen, der aufgrund von Karies gezogenen und der gefüllten bleibenden Zähne dar. Dieser Wert soll laut aktuellem WHO-Programm „Gesundheit 21“ bis zum Jahr 2020 für Zwölfjährige in allen Ländern bei 1,5 liegen.
Österreich hat laut der aktuellen, im Auftrag des BMGFJ durchgeführten Zahnstatuserhebung dieses Ziel mit einem Wert von 1,4 bereits 2008 erreicht. Die Steiermark schneidet dabei im Österreichvergleich mit dem Wert 1,2 besonders gut ab. 53 Prozent der untersuchten steirischen Zwölfjährigen sind kariesfrei.
Eine weitere Zielvorgabe vonseiten der Weltgesundheitsorganisation, das zumindest zwei Drittel der von Karies betroffenen Zähne auch saniert sein sollen, ist in der Steiermark mit einem Sanierungsgrad von 80 Prozent ebenfalls bereits bei der aktuellen Erhebung erfüllt.

60 ZahngesundheitserzieherInnen
Österreichweit haben 23 Prozent der Zwölfjährigen zumindest einen behandlungsbedürftigen, bleibenden Zahn im Mund, in der Steiermark sind es nur zwölf Prozent. Diese erfreulichen Ergebnisse für die Steiermark verdeutlichen die Sinnhaftigkeit der seit mehr als zwei Jahrzehnten von Styria vitalis und der Grazer Schulzahnklinik durchgeführten und vom Land Steiermark und den Sozialversicherungsträgern finanzierten Kariesprophylaxe in den Kindergärten und Volksschulen. Steiermarkweit besuchen 60 ZahngesundheitserzieherInnen jeden Kindergarten vier Mal/Jahr und jede Volksschule drei Mal/Jahr und leiten die Kinder zu richtiger Mundhygiene und gesunder Ernährung an.

Weitere Informationen: www.styriavitalis.at

1Im Auftrag vom BMGFJ, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und der beteiligten Bundesländer.
Gefördert vom Fonds Gesundes Österreich – einem Geschäftsbereich der Gesundheit Österreich GmbH; Wissenschaftliche Konzeption, Beratung und Auswertung: ÖBIG – Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen.
2DMFT: Decayed + Missing (due to caries) + Filled Teeth

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben