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Laut Oberstem Gerichtshof ist der von einem Zahnarzt mit einer anderen Leistung beauftragte Arzt dessen „Erfüllungsgehilfe“.
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Dr. Thomas Francan Facharzt für ZMK in Wien und gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger

 
Zahnheilkunde 1. September 2009

Verletzung der Sorgfaltspflicht

Ein Kind stirbt nach einer Vollnarkose für eine Zahnbehandlung. Wer ist schuld? Und vor allem: Wer wird dafür verantwortlich gemacht?

Diese Nacht ist nicht die Ihre! Unruhig wälzen Sie sich von einer Seite auf die andere. Da plötzlich reißt der „Klingelton“ Ihres Handys Sie aus Ihren Qualen. „Ja, Bitte?“ Wer um Himmels Willen kommt bloß auf die Idee, Sie zu dieser Unzeit sprechen zu wollen? Eine sichtlich um Professionalität und Ruhe bemühte Stimme dringt an Ihr Ohr, und das, was Sie Ihnen mitteilt, jagt in der Sekunde den letzten Rest an Schlaf und Unwirschheit aus Ihrem vernebelten Kopf: Ob Sie Zeit hätten, in die Klinik zu kommen? Es sei dringend …!

 

Ihr Patient, das Kind, das Sie heute im Laufe des Tages in Narkose behandelt haben, ist leider im Verlauf der heutigen Nacht verstorben. Der Schweiß und die Schwüle der Nacht, die Sie noch vor Sekunden gequält haben, sind durch das Gefühl eines Eiszapfens ersetzt worden, der langsam an Ihrem Rückenmark aufwärtsgleitet, um mit unendlicher Langsamkeit von Ihrem Gehirn, Ihren Gedanken Besitz zu ergreifen.

Kein Alptraum, sondern Realität

Doch Ihr nach Sinn und Begreifen ringendes Gehirn weigert sich noch immer, das Gehörte zu akzeptieren. Krampfhaft klammert sich Ihr Denken an die letzten Reste Schlaf in der Hoffnung, dass ein gnädiges Erwachen diesem Albtraum ein Ende bereiten werde. Aber es ist kein Albtraum! Sie sind wach, und natürlich haben Sie Zeit, sofort zu kommen.

Nun, dies ist keine erfundene Gruselgeschichte, mit der man Zahnärzten – wie kleinen Kinder in den Geschichten des Struwelpeters – Disziplin eintrichtert. Dies ist keine billige, auf Effekt ausgerichtete Anekdote, die man bei alkoholisch gelöster Stimmung am Stammtisch zum Besten gibt. Dies ist die Realität! Diese Geschichte ist wahr und hat mit all ihren daraus resultierenden Konsequenzen genauso stattgefunden. Und sie kann jedem von uns jederzeit wieder passieren.

Zyanotisch nach einer Operation mit Vollnarkose

Der Kollege hatte im Verlauf des Tages bei einem „nicht behandelbaren“ Kind eine Vierquadrantensanierung in Vollnarkose durchgeführt. Nach der Aufwachphase wurde das Kind in den Überwachungsraum gebracht, und vonseiten des Anästhesisten erging schriftlich Anweisung an die diensthabende Schwester, das Kind zu monitorisieren. Dies wurde von der Schwester unterlassen, und da das Kind fröstelte, haben die anwesenden Eltern das Kind gut zugedeckt. Als nach einiger Zeit Nachschau gehalten wurde, war das Kind zyanotisch. Es war zu einem Atemstillstand gekommen. Die sofortigen Reanimationsmaßnahmen führten nur kurzfristig zum Wiedereinsetzen der Herz- und Atemtätigkeit und trotz Transferierung auf die Kinderintensivstation verstarb das Kind noch in derselben Nacht.

Bei dem, was nun folgt, ist man als Betroffener nurmehr Passagier in einem Flugzeug, das in immer enger werdenden Spiralen mit einem Höllentempo dem unvermeidbaren Crash entgegenstürzt. Die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf, es kam zum Strafprozess wegen fahrlässiger Tötung und das Gericht zu folgender Erkenntnis: Der Zahnarzt ist unschuldig! Er wurde freigesprochen, da die Überprüfung der Indikation der Zahnbehandlung in Vollnarkose durch den Gerichtssachverständigen bestätigt wurde. Dieser bejahte die Notwendigkeit der Sanierung in Vollnarkose und schloss andere Alternativen der Behandlung aus. Die Aufklärung erfolgte bereits in der Ordination des Zahnarztes und beinhaltete auch die hohen Risiken einer Vollnarkose. Auch wurde die Aufklärung ordnungsgemäß schriftlich dokumentiert und in Form und Inhalt vom Gericht als ausreichend anerkannt.

Verurteilung wegen fahrlässigem Handeln

Zum Entsetzen Ihres Anwaltes gestand die mit der Beobachtung des Kindes betraute Schwester, die Anweisungen des Arztes wissentlich außer Acht gelassen und auf das Anlegen der Überwachungselektroden verzichtet zu haben. Die Begründung war, das Kind sei unruhig gewesen, und daher hätte es sich die Elektrode sowieso abgerissen, was immer zu Fehlalarmen geführt hätte. Das Urteil: Geringes Strafausmaß wegen Körperverletzung mit tödlichen Folgen.

Der Narkosearzt aber bekam die volle Härte des Gesetzes zu spüren. Die Begründung: Als diensthabender Arzt wäre er verpflichtet gewesen, die angeordneten Maßnahmen zu überprüfen bzw. auf deren Einhaltung zu achten! Er habe daher grob fahrlässig gehandelt und war der fahrlässigen Tötung schuldig. Hätte er nicht Nachtdienst gehabt, sondern wäre er nach dem Dienst nach Hause zu seiner Familie geeilt, hätte er sich keiner Sorgfaltsverletzung schuldig gemacht! So aber hätte es zu den zwingenden Obliegenheiten des diensttuenden Arztes gehört, die Einhaltung der Anordnungen genauestens zu überprüfen. Auch wenn es seine eigenen Anordnungen waren, hätte er genauso vorgehen müssen, als hätte er den Dienst erst von ei-nem anderen Arzt übernommen.

Zurück zu unserem Zahnarzt: Der hatte riesiges Glück; denn hätte er nämlich – so wie es sehr oft üblich ist – einen befreundeten Anästhesisten mit der Durchführung der Narkose betraut, dann wäre er aufgrund der Verantwortlichkeit für diese Wahl, auch für das grob fahrlässige Verhalten des Kollegen, mitverantwortlich gewesen. So aber haftete der Spitalserhalter für seinen Angestellten und dessen Handlungen.

Die sachliche Betrachtung der Situation

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Keine Angst! Das alles ist nicht neu und auch keine böswillige Attacke gegen uns Ärzte, sondern stellt in dieser Form nur eine Klarstellung von gesetzlichen Leitlinien dar, die in gewisser Weise schon immer Gültigkeit hatten.

Betrachten wir die Situation doch sachlich und objektiv: Stellen Sie sich vor, Sie stürzen sich in den Wahnsinn eines Hausbaues oder Sie kaufen sich eine Eigentumswohnung. Zur Errichtung dieses „Werkes“ wird von Ihnen oder einer anderen Person ein Verantwortlicher bestimmt, der gegen Entgelt diese Aufgabe übernimmt. Dieser Generalunternehmer – denn um einen solchen handelt es sich – ist aber nicht befähigt, alle auf diesem Bau anfallenden handwerklichen Tätigkeiten auszuführen. Daher beauftragt er z. B. für das Verlegen des Parkettfußbodens einen Fußbodenleger. Dieser wiederum beauftragt – da er in der vereinbarten Zeit nicht auf allen seinen Baustellen selbst die Böden verlegen kann – seinen Angestellten oder wieder eine Subfirma, die nun in seinem Auftrag das eigentliche „Werk“ vollbringt.

Dabei passiert ein Fehler, den Sie nicht tolerieren können, und Sie wollen eine Nachbesserung bzw. Schadenersatz. Wen werden Sie zur Verantwortung ziehen? Nun, wohl sicher nicht den kleinen Angestellten und auch sicher nicht den Bodenleger, den Sie bis zu diesem Moment noch nicht einmal gekannt haben. Sie werden Ihren Anwalt auf Ihren direkten Vertagspartner hetzen, der auch von rechtlicher Seite betrachtet als Verantwortlicher gilt.

Der Behandlungsvertrag und seine Tücken

Und genauso und nicht anders sieht das Gesetz medizinische Leistungen. Es gibt einen Vertrag, in unserem Fall zwischen Arzt und Patient: den „Behandlungsvertrag“. Bei diesem Vertrag geht es um die Erfüllung eines „Werkes“, in unserem Fall einer „Heilbehandlung“. Stoßen wir dabei an unsere fachlichen Grenzen, so brauchen wir Hilfe zur Erfüllung dieses Vertrages; daher ist der von uns mit dieser Leistung beauftragte Arzt unser „Gehilfe“ oder, wie es der OGH formuliert: unser „Erfüllungsgehilfe“. Für diesen sind wir gegenüber unserem Patienten verantwortlich.

Sind wir nun, wie in der vorherigen Folge erörtert, der Gehilfe, so haften wir wiederum aufgrund unseres Fachwissens dafür, dass wir Gefahren oder Probleme erkennen, die in unser Fachgebiet fallen. Genauso wie ein Fußbodenleger – um bei diesem Beispiel zu bleiben – sich davon überzeugen muss, ob der Estrich schon trocken genug für die Verlegung des Bodenbelags ist.

Haben wir Kenntnis von einem Problem oder einer Gefahr erhalten, so sind wir aufgrund unserer Sachverständigenposition verpflichtet, zu warnen und Unheil zu verhindern: „Warnpflicht des Sachverständigen“. Wobei mit dem Wort „Sachverständiger“ nicht der vom Gericht zugelassene Spezialist gemeint ist, sondern jeder Bürger mit einem auf einem gewissen Gebiet sich von dem Durchschnittsbürger abhebenden Sachverstand. Also erst recht wir Ärzte. Daher haften wir für unsere Urlaubsvertretungen, für unsere angestellten AssistentInnen usw.

Sie sehen also, dass diese Situation für Ärzte genauso wie für alle anderen vergleichbaren Berufe schon immer Gültigkeit hatte. Wir Ärzte – vor allem niedergelassene Ärzte – sehen uns fälschlicherweise als Einzelkämpfer, als isolierte Inseln in der Brandung der alltäglichen Kassenleistung. Doch das ist und war schon immer eine falsche Sicht der Realität. Denn schon Johannes Mario Simmel wusste: „Niemand ist eine Insel!“

Kasten:
Die Moral von der Geschichte
Aus dem oben Dargelegten ergibt sich vor allem für die wenigen unerschrockenen Kollegen Handlungsbedarf, die noch immer Narkosen bzw. Sedierungen in den eigenen Ordinationsräumlichkeiten anbieten. Die haften nämlich dann für alles: Ausstattung, Anästhesie, Aufwachraum, Notfallausstattung, Überwachung, Personal ...
Und – so sehr es auch schmerzt: Es ist an der Zeit, die Existenz des niedergelassenen Facharztes für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde kritisch zu hinterfragen. So sehr es für den Patienten erstrebenswert ist, nicht für jede Leistung quer durch Wien reisen zu müssen. So müssen wir uns – auch wenn es schmerzlich ist – eingestehen, dass sich diese Situation für den Arzt selbst zunehmend ins Negative verkehrt.
Der forensische Druck, aber auch die explosionsartige fachliche Entwicklung zeigen uns schon seit geraumer Zeit unsere Grenzen auf. Fortbildungsverpflichtung, Aufklärung, Haftungsfragen werden wir in absehbarer Zeit nicht mehr auf allen Gebieten der Zahnmedizin gleichzeitig erbringen können. Vor allem nicht zu den derzeit für die Krankenkassen leistbaren Tarifen.

Von Dr. Thomas Francan, Zahnarzt 8 /2009

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