zur Navigation zum Inhalt
Dr. Gerwin V. Arnetzl Abteilung Zahnmedizin in der Äskulapklinik in Brunnen, Schweiz
 
Zahnheilkunde 10. Juli 2009

Betagte Patienten: start low, go slow

Verschiedene Faktoren machen im Alter ein spezifisches prothetisch-restauratives Vorgehen notwendig.

Der bei Senioren oft eingeschränkte Gesundheitszustand bedarf auch in der Zahnmedizin bei größeren Problemstellungen einer umfassenden Anamnese.Für die Praxis empfiehlt Dr. Gerwin V. Arnetzl ein langsames Heranführen des Patienten an die angestrebte Versorgung.

 

In Österreich sind zirka 600.000 Personen pflegebedürftig. Depression, Demenz, Morbus Parkinson, Polypragmasie, Malnutrition und Multimorbidität prägen das klinische Bild alter Patienten. „Ausgangspunkt für die Therapieplanung ist eine interdisziplinäre Befunderstellung“, erklärt Dr. Gerwin V. Arnetzl der Äskulapklinik, Brunnen. „Neben dem zahnmedizinischen kommt auch dem medizinischen Befund und der Sozialanamnese große Bedeutung zu.“ In den Bereich der allgemeinmedizinischen Anamnese fällt u. a. die Erfassung von Pathologien und des Ernährungszustands. Eine Mangelernährung kann beispielsweise mit Zinkmangel und Wundheilungsstörungen verbunden sein. Weiters müssen die kognitiven Fähigkeiten festgestellt werden, die für den Erfolg der Therapie von entscheidender Bedeutung sind. Relativ einfache und schnell durchführbare Screening-Instrumente sind Uhren-Test und Mini-Mental-Test (Mini-Mental State Examination, MMSE), die zusammen eine hohe Sensitivität und Spezifität aufweisen. Schließlich fällt für die Therapieplanung die Sozialanamnese ins Gewicht (Lebensumstände, Familienstand, Wohnsituation). Plasmavolumen, Gesamtkörperwasser und extrazelluläres Wasser nehmen mit dem Alter ab, der Fettgehalt steigt an, Leberdurchblutung und Nierenfunktion sind vermindert. Als Folge dessen zeigen Medikamente bei alten Patienten oft eine stärkere Wirkung, vor allem aber eine längere Wirkdauer. „Die Devise lautet daher: start low, go slow“, betont Arnetzl.

Von zahlreichen Medikamenten gehen relevante orale Nebeneffekte aus (siehe Tabelle). Auch Nahrungsergänzungsmittel können zu zahnmedizinischen Problemen führen, indem sie die Wirkung anderer Präparate potenzieren. Für adäquate prothetisch-restaurative Versorgungskonzepte soll auf die Stärken und Schwächen des Alters Rücksicht genommen werden. Arnetzl fordert gesundheitsfördernde Gesamtkonzepte, die alle Bereiche abdecken. Die zahnärztlichen Arbeiten sollten vor allem zukunftsorientiert und das Kosten-Nutzen-Risikoverhältnis ausgewogen sein. „Ebenso wichtig ist die Wartbarkeit der prothetisch-restaurativen Versorgung.“

Auch hier gilt: langsam beginnen. Der Experte empfiehlt, keine sofortigen Umstellungen des gesamten Systems vorzunehmen. „Inkorporierte orale Strukturen sollen bei herabgesetzter Adaptionsfähigkeit soweit als möglich erhalten werden.“ Eine Testung der Anpassungsfähigkeit des Patienten durch reversible Veränderungen ist sinnvoll, ebenso wie einfache, in Form und Funktion nur gering verändernde Umbaumaßnahmen und ein phasenweiser Einbezug von Zähnen mit eingeschränkter Prognose. Neue Reflexmuster können sich über die Zeit hinweg bahnen und die Protheseninkorporation wird begünstigt.

Arnetzl zeigt das Fallbeispiel eines Patienten, der langsam an die Zahnlosigkeit herangeführt wurde. Mithilfe von Aufbauprothesen wurde eruiert, ob er sich an einen geschlossenen Gaumen gewöhnt. „Hier kann man immer noch Schritte zurückgehen“, so Arnetzl. „Sobald die Prothese voll eingegliedert wurde, ist das nicht mehr möglich.“ Prinzipiell stellt das Lebensalter keine Kontraindikation dar. „Es gilt nur die richtigen Schlüsse zu finden, um auf die über die Jahre angehäuften individuellen Defizite adäquat reagieren zu können.“

 

Quelle: Vortrag beim 41. Wachauer Frühjahrssymposium in Krems

Tabelle:
Medikamente mit oralen Nebeneffekten
SubstanzklasseNebenwirkungen
Antihistaminika
Antidepressiva
Kalziumantagonisten
Diuretika
Xerostoma
Antibiotika
Immunsuppressiva
Pilzinfektionen
Antikarzinogene Substanzen Mukositis
Antibiotika
Fluoride
Zahnschmelzverfärbungen
Antikonvulsiva
Kalziumantagonisten
Immunsuppressiva
Gingivahyperplasie
Antihypertensiva
ACE-Hemmer
Stomatitis
Diuretika Lichenoide Reaktionen
Antiinflammatorische Substanzen Schleimhautläsionen
Bisphosphonate Knochennekrosen, verzögerte Heilung

Von Dr. Judith Moser, Zahnarzt 7 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben