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Dr. Dietmar Oesterreich Vizepräsident der Deutschen Bundeszahnärztekammer und Zahnarzt in Stavenhagen, Deutschland
 
Zahnheilkunde 10. Juli 2009

Psychosomatik in der Zahnmedizin

Mindestens jeder fünfte Patient in der Zahnarztpraxis hat Beschwerden, bei deren Ursache und Verlauf psychosoziale Faktoren eine relevante Rolle spielen.

Die Zusammenhänge von Seele und Zähnen dokumentieren sich in Aussagen wie „die Zähne zusammenbeißen“, „dem Gegner die Zähne zeigen“, „sich durchbeißen“ oder etwas „zähneknirschend“ hinnehmen. Selbst im Schlaf kauen viele an ihren Problemen weiter.

 

Eine Reihe von Studien belegen direkte und indirekte kausale Beziehungen von oralen Erkrankungen zu wichtigen allgemeinmedizinischen Krankheitsbildern. So sind die regelmäßige zahnärztliche Kontrolluntersuchung und die frühzeitige Diagnostik von oralen Schleimhautveränderungen ein wichtiger Teil der Tumorfrühdiagnostik. Parodontale Erkrankungen erhöhen das Risiko für Schlaganfall und Apoplex, Diabetes mellitus und Komplikationen während der Schwangerschaft.

All diese Erkenntnisse fordern den Zahnarzt nicht zuletzt auch unter den Bedingungen des demografischen Wandels in seiner medizinischen Kompetenz. Darüber hinaus stellt aber auch jeder Zahnarzt im Versorgungsalltag fest, dass eine ausschließlich biomedizinische Sichtweise auf Befunde und Symptome im oralen Bereich für eine effektive Behandlung nicht immer erfolgreich ist.

Man geht davon aus, dass 20 Prozent aller Patienten Beschwerden haben, bei deren Ursache und Verlauf psychosoziale Faktoren eine relevante Rolle spielen. Somit wirken psychosomatische Symptome und Krankheitsbilder hinein in alle Gebiete der Zahnmedizin. Man spricht hier von einem biopsychosozialen Krankheitsverständnis.

Psychische und psychosomatische Beschwerden beeinflussen das körperliche Wohlbefinden. So sind Depressionen, Alltagsstress, Ärger im Büro, aber auch Schicksalsschläge häufig verantwortlich für die Angst vor der Behandlung oder eine unbefriedigende Zahnarzt-Patienten-Beziehung. Sie können darüber hinaus sogar die Therapie zum Scheitern bringen. Zahnmedizinisch relevante Krankheitsbilder sind insbesondere die Zahnbehandlungsphobie, die psychogene Zahnersatzunverträglichkeit, die cranio-mandibuläre Dysfunktion, der Zusammenhang von Stress und Parodontitis, der chronische Gesichtsschmerz, somatoforme Störungen, Depressionen und Essstörungen.

Deswegen ist es notwendig, dass zahnärztliche Diagnostik und Therapie um den psychosomatischen Blickwinkel erweitert werden. Eine zentrale Feststellung in diesem Zusammenhang ist, dass oftmals eine Diskrepanz zwischen Befund und Befinden des Patienten existiert. Dies sollte Anlass sein, eine biopsychosoziale Anamnese zu erheben und eine spezifische Strategie zur Führung dieser Patienten zu entwickeln. Gleichzeitig zeigen sich hierbei die Grenzen des zahnärztlichen Handelns auf. Im Verständnis, dass eine moderne Zahnheilkunde als multidisziplinäres Gebiet zu verstehen ist, wäre eine Kooperation mit Ärzten, Psychotherapeuten oder Krankengymnasten angezeigt. Unter Beachtung dieser Aspekte kann es gelingen, einen Misserfolg zahnärztlicher Therapiemaßnahmen zu vermeiden und den Patienten im Sinne des kausalen Ansatzes einer effektiven Behandlung zuzuführen. Lang anhaltende, wenig erfolgreiche zahnärztliche Therapiemaßnahmen können somit vermieden und gleichzeitig eine vertrauensvolle Zahnarzt-Patienten-Beziehung gestärkt werden.

Die Erweiterung des zahnärztlichen Blickwinkels um die Psychosomatik in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ist auch vor dem Hintergrund der epidemiologischen Datenlage unausweichlich. Sie stärkt die medizinische Kompetenz des Zahnarztes und ist wichtiger Baustein eines erfolgreichen Praxiskonzeptes. Der von der Deutschen Bundeszahnärztekammer veröffentlichte Leitfaden „Psychosomatik in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ stellt die wesentlichen psychosomatischen Störungen, Krankheitsbilder und therapeutischen Ansätze im zahnärztlichen Versorgungsalltag dar und führt in die professionsübergreifende Zusammenarbeit ein.

 

Korrespondenz:

Dr. Dietmar Oesterreich

E-Mail:

Von Dr. Dietmar Oesterreich, Zahnarzt 7 /2009

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