zur Navigation zum Inhalt
Der Verein neunerHAUS hat sich die Versorgung von obdachlosen Menschen zur Aufgabe gemacht. Das Angebot reicht von Wohnmöglichkeiten bis zur niederschwelligen medizinischen und jetzt auch zahnmedizinischen Betreuung. Das von der Kammer der Wirtschaftstreu
 
Zahnheilkunde 9. Juli 2009

neunerHAUS- Zahnarztpraxis für Obdachlose

Niederschwelliges Behandlungsangebot nimmt die Angst vor Behandlungskosten und öffnet die Tür zu einem gesünderen Leben.

Seit drei Jahren ist das Team neunerHAUSARZT im Einsatz und betreut mittlerweile jährlich 1.200 obdachlose Menschen in Wien. Als nächster Schritt in der medizinischen Versorgung Obdachloser wurde im März 2009 die „neunerHAUS-Zahnarztpraxis für Obdachlose“ in der Stumpergasse 60 im 6. Wiener Gemeindebezirk in Betrieb genommen. Sie füllt die Versorgungslücke niedrigschwelliger, zahnmedizinischer Behandlung für obdachlose Menschen.

 

„Obdachlose Menschen haben eine hohe Hemmschwelle, einen Arzt aufzusuchen. Im zahnmedizinischen Bereich ist die Angst vor den anfallenden Kosten eine geradezu unüberwindbare Barriere. Das Angebot der neunerHAUS-Zahnarztpraxis steht allen wohnungs- und obdachlosen Menschen in Wien offen“, so Mag. Markus Reiter, Geschäftsführer neunerHAUS. Vorerst ordinieren 13 ehrenamtliche Zahnärzte abwechselnd in der Praxis neben dem neunerHAUS-Vereinsbüro. Unterstützt werden sie von einer Zahnarztassistentin und einer Sozialarbeiterin, um den Bedürfnissen der Klienten auch in Krisensituationen gerecht zu werden. Seit der Eröffnung im März 2009 konnten bereits mehr als 100 Patienten behandelt werden. Die meisten von ihnen kamen aus Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe.

Besonders gravierende Mängel an Gebiss und Zähnen

Die neunerHAUS-Zahnarztpraxis umfasst grundsätzlich das gleiche medizinische Angebot, das auch von niedergelassenen Zahnärzten geboten wird: Grundsanierung, Prothetik (Voll- und Teilprothesen), Füllungen, Extraktionen, Wurzelbehandlungen. Die ersten Betriebsmonate bestätigen, wovon im Vorfeld der Eröffnung der Zahnarztpraxis die involvierten Ärzten und Zahnärzten rund um den ärztlichen Leiter Dr. Walter Löffler ausgingen: Obdachlose Menschen leiden unter besonders gravierenden Mängeln am Gebiss und an den Zähnen, einen wichtigen Schwerpunkt bildet daher die Prothetik. Insgesamt sind von Mitte März bis Ende Mai 107 Personen mit 1.470 Einzelleistungen in durchschnittlich jeweils knapp drei Sitzungen versorgt worden. Dabei wurden 38 Prothesen gefertigt, elf Prothesen repariert, 83 Zähne erhielten neue Füllungen, aber auch 204 Extraktionen waren erforderlich.

Sozialer Anschluss und Selbstwertgefühl

„Die Zahnbehandlungen haben für unsere Patientengruppe neben dem medizinischen zusätzlich einen sozialen Effekt: Die Chancen auf den Anschluss werden deutlich verbessert. Die Betroffenen fühlen sich in ihrem sozialen Auftreten sicherer und gestärkter, trauen sich wieder, neue Lebensziele wie eine berufliche Aus- oder Fortbildung oder eine eigenständige Wohnung in Angriff zu nehmen“, freut sich Reiter.

Neben der Wiederherstellung der Kaufähigkeit und der Sanierung von Zähnen sollen die Patienten bei der Erhaltung gesunder Zähne unterstützt und für Mundhygiene sensibilisiert werden. Insgesamt wird eine Stärkung des Gesundheitszustandes, des Immunsystems und des Selbstwertgefühls von wohnungslosen Patienten angestrebt. Somit ergänzt die neunerHAUS-Zahnarztpraxis im ganzheitlichen Sinne wesentlich die allgemeinmedizinische Versorgung des Teams neunerHAUSARZT und die Anstrengungen der neunerHÄUSER wie auch der Wiener Wohnungslosenhilfe gesamt, obdachlose Menschen nachhaltig in die Eigenversorgung und ein eigenverantwortetes Leben zurückzuführen.

Breite Unterstützung

Ein Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse bildet die rechtliche und finanzielle Grundlage der neunerHAUS-Zahnarztpraxis. Die ehrenamtlich tätigen Zahnärzte behandeln im Auftrag des Vereins die Patienten, der Verein verrechnet die erbrachten Leistungen. Der Fonds Soziales Wien stellt bis Ende 2009 für nichtmedizinische Leistungen und offene Einrichtungs- und Projektvorbereitungskosten 140.000,– Euro zur Verfügung.

Keine Angst vor Zahnarztkosten

Die Ausstattung mit technischen Geräten wie Behandlungsstühle und Röntgenapparate sowie die baulichen Adaptierungsarbeiten in den ehemaligen Lagerräumen wurde durch die Dentalausstatterfirma Henry Schein und deren Subunternehmen sowie durch Sachspenden der ehrenamtlichen Zahnärzte ermöglicht. Die Ordinationssoftware spendete die Firma Kopfwerk. Auch Spender des Vereins neunerHAUS trugen zur Errichtung bei.

Kosten für Behandlungen bzw. Selbstbehalte, die aufgrund sozialversicherungsrechtlicher Bestimmungen von Patienten privat zu finanzieren sind, trägt der Verein neunerHAUS. „Die Möglichkeit zur Inanspruchnahme und die Qualität von Gesundheitsdiensten unabhängig vom Einkommen gehört zu den grundlegenden Menschenrechten. Mit der neunerHAUS-Zahnarztpraxis nehmen wir obdachlosen Menschen die Angst vor Behandlungskosten und öffnen die Tür zu einem gesünderen Leben“, resümiert Reiter.

Kasten:
Informationskampagne geplant
„Ziel für die kommenden Monate ist es, die Betroffenen auf der Straße aktiv auf das Angebot der neunerHAUS-Zahnarztpraxis aufmerksam zu machen“, plant Mag. (FH) Livia Mutsch, Leiterin des Geschäftsbereiches Gesundheit im Verein neunerHAUS. Unterstützt wird dies durch eine von Euro RSCG Vienna – ehrenamtlich – konzipierte Kampagne, die die Agentur bis zum Herbst Schritt für Schritt umsetzen wird.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben