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Urologie 18. Oktober 2007

Krebsvorsorge mit Broccoli

Das Prostatakarzinom wurde in den letzten Jahren zum häufigsten Karzinom des Mannes in Europa. Die Erkrankungshäufigkeit liegt europaweit bei 84 Erkrankungsfällen pro 100.000 Männer pro Jahr, was jährlich 95.000 Neuerkrankungen entspricht. Die Steigerungsrate liegt bei 3,7 Prozent jährlich. Dieser starke Anstieg ist zum Teil sicher auf eine deutlich verbesserte Früherkennungsrate (PSA-Screening, urologische Vorsorgeuntersuchungen) zurückzuführen. Die Mortalitätsrate in Europa liegt bei 35.000 Todesfällen pro Jahr.

Da das Prostatakarzinom in den asiatischen Ländern eine Rarität darstellt (0,8 Erkrankungsfälle auf 100.000 Männer), galten ursprünglich genetische Faktoren als hauptverantwortlich für die Entwicklung eines Prostatakarzinoms.
Diese Hypothese widerlegte jedoch schon vor über zwei Jahrzehnten eine US-amerikanische Studie, die in China Town von San Francisco durchgeführt wurde. Untersuchungsziel war es, das Erkrankungsrisiko chinesischer Einwanderer und der nachfolgenden Generationen zu bestimmen. Es zeigte sich hierbei, dass sich das Risiko, an einem Prostatakarzinom zu erkranken, schon für Chinesen der zweiten Einwanderergeneration dem Risiko der übrigen amerikanischen Bevölkerung angleicht.
Eine weitere amerikanische Studie konnte belegen, dass das Prostatakarzinomrisiko in unteren sozialen Schichten deutlich höher ist (100 von 100.000 Afroamerikanern erkranken an Prostatakarzinom).
In einer japanischen Studie konnte im Gegensatz dazu anhand von 2.000 Autopsieuntersuchungen gezeigt werden, dass es keine Unterschiede bezüglich der Inzidenz von Mikrokarzinomen zwischen asiatischen Männern und Männern aus dem europäischen bzw. angloamerikanischen Raum gibt.
Diese augenscheinliche Diskrepanz zwischen gleicher Inzidenz an Mikrokarzinomen und dem Auftreten eines klinisch relevanten Prostatakarzinoms in Bezug auf Herkunft und soziale Schicht legt den Schluss nahe, dass ernährungsbedingte Faktoren eine wesentliche Rolle in der Entwicklung eines klinisch relevanten Prostatakarzinoms spielen könnten.
Gibt es wissenschaftlich fundierte Daten zu diesem Thema? Ein diesbezüglicher Literaturresearch liefert zahlreiche Studien mit zum Teil sehr widersprüchlichen Ergebnissen: Die größte europäische Studie zum Thema Ernährung und Karzinome (EPIC-Studie 2006) konnte bei ca. 52.000 Männern und Frauen aus zehn europäischen Ländern zeigen, dass der vermehrte Genuss von Früchten das Risiko, an Lungenkarzinom zu erkranken, vermindert. Auf die Entwicklung eines klinisch relevanten Prostatakarzinoms zeigte sich diesbezüglich kein Einfluss. Der Genuss von Knoblauch und Zwiebeln zeigte eine Verminderung des Magen-Darm-Krebsrisikos, jedoch keine Verminderung des Prostatakarzinomrisikos.

Studien pro und contra Ernährungseinfluss

In einer rezenten kanadischen Studie fanden sich Hinweise, dass der häufige Genuss von Karfiol und Brokkoli und eventuell auch von Spinat das Risiko eines aggressiven Wachstums des Prostatakarzinoms senken kann.
In einer kürzlich publizierten australischen Studie konnte gezeigt werden, dass der regelmäßige Genuss von grünem Tee und lykopenhaltigem Obst und Gemüse (v. a. Tomaten) das Prostatakarzinomrisiko senkt.
In einer Vielzahl von weiteren Studien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Ernährungsfaktoren und dem Auftreten eines symptomatischen Prostatakarzinoms.
Eine Erklärung für die Diskrepanz zwischen dem einerseits offensichtlichen Zusammenhang von Ernährungsfaktoren und dem Auftreten einer Prostatakarzinomerkrankung und der andererseits eher dürftigen Bestätigung dieser Hypothese durch wissenschaftliche Arbeiten könnte eine US-amerikanische Studie der Harvard Medical School in Boston liefern: Rund 47.000 Männer wurden über einen Zeitraum von acht Jahren untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass der schützende Effekt gegenüber einer Prostatakarzinomerkrankung umso größer ist, je früher Männer mit einer Diät, welche Kreuzblütler (z.B. Broccoli und Karfiol) beinhaltet, beginnen. Im Gegensatz dazu zeigte sich kein Effekt einer derartigen Diät bei einer bereits fortgeschrittenen Prostataerkrankung.
Um diese Daten weiter zu stützen, müssten prospektive Studien jedoch schon im frühen Erwachsenenalter ansetzen und sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken. Die Überprüfung der Durchführbarkeit und letztlich auch Finanzierbarkeit eines derartigen Projektes obliegt glücklicher Weise nicht dem Autor dieses Artikels.
Zusammenfassend kann anhand der vorliegenden Datenlage festgehalten werden: Eine „Prostatadiät“, die wenig tierische Fette, reichlich Obst und Gemüse (v.a. Kreuzblütler und Tomaten), Vitamin E, Selen und Sojaproteine beinhaltet, scheint eine vorbeugende Wirkung in puncto Prostatakarzinomrisiko zu haben. Und je früher mit der Umstellung auf eine derartige Ernährung begonnen wird, desto größer ist der resultierende protektive Effekt.

Dr. Martin Vorauer ist Oberarzt an der Abteilung für Urologie am Landesklinikum Baden

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