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Urologie 18. Oktober 2007

Trockentraining: Kontinent bleiben - kontinent werden

Es wird geschätzt, dass bis zu 30 Prozent aller Menschen über 65 Jahre von Harninkontinenz betroffen sind, in der Altersgruppe zwischen 75 und 80 Jahren sind es bereits 40 Prozent, wobei die Frauen deutlich überwiegen. Deshalb sollten Allgemeinmediziner dieses Problem aktiv ansprechen. Zwei richtungsgebende wissenschaftliche Veranstaltungen, das 2. Astellas Urologie Forum 2007 in St. Wolfgang am Wolfgangsee und die 17. Jahrestagung der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich in Wien, befassten sich mit diesem Thema.

Die Krankheit wird immer noch unterschätzt, sogar vielfach nur als ein hygienisches Übel angesehen. Doch Harninkontinenz zählt bereits, neben Demenz, Immobilität und Depression, zu den größten geriatrischen Problemen.

Größter Risikofaktor: hohes Alter

Bei der Ursachensuche ist nämlich das Alter ein wesentliches Faktum. „Der Gewebsaufbau der Blase verändert sich, man könnte sagen, die Blase bekommt Falten. Die Blasenkapazität wird dadurch geringer. Hirnleistungsstörungen, eine eingeschränkte Mobilität und eine Komorbidität führen zu einer Drang-Inkontinenz“, erklärt Prof. Dr. Günther Primus von der Universitätsklinik für Urologie in Graz. Die Abklärung der Diagnose sei eine interdisziplinäre Aufgabe, sie sollte vorerst durch den Hausarzt, weiterführend durch den Facharzt und, falls erforderlich, durch Spezialambulanzen erfolgen.

Inkontinenz diagnostizieren

Die Basisdiagnose umfasst eine gezielte Befragung, eine gezielte körperliche Untersuchung sowie Harnuntersuchung, Restharnbestimmung und ein Miktionsprotokoll. Eine weiterführende Diagnostik ist nur dann notwendig, wenn die Basisdiagnose pathologische Befunde ergibt.
Bei unauffälligen Befunden und geringen Beschwerden rät Prof. Dr. Hans Christoph Klingler, Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien, zu einer konservativen Therapie. Dazu zählen allgemeine und verhaltenstherapeutische und medikamentöse Maßnahmen.
• Allgemeinmaßnahmen: Mobilisation und Motivation; Inkontinenzberatung und -betreuung; Reduktion „fördernder“ Medikamente (Entwässerung, dämpfende Medikamente); Verringerung übermäßiger Flüssigkeitszufuhr; Verbesserung der sanitären Gegebenheiten; Behandlung eines Harn­wegsinfektes.
• Verhaltenstherapie: Miktionstraining mit dem Ziel des Erreichens der altersentsprechenden Harnmenge; Toilettentraining – Aufforderung durch das Pflegepersonal zur Blasenentleerung; Beckenbodentraining.
• Medikamentöse Therapie mit Anticholinergika, Trizyklischen Antidepressiva, Östrogenen, Alphablockern, je nach Diagnose.

Physiotherapie zur ­Beckenboden-Reeduktion

Die Physiotherapie nimmt bei der Prävention und Behandlung der Inkontinenz eine zentrale Rolle ein. Physiotherapeutische Maßnahmen sind sowohl bei der Frau als auch beim Mann sinnvoll, vorausgesetzt, sie werden indikationsgerecht eingesetzt und die Betroffenen können aktiv mitarbeiten. Zielsetzung ist, die Kontinenz zu erreichen bzw. zu erhalten. Dazu werden Maßnahmen eingesetzt, die einerseits auf die Verhaltensänderung und anderseits auf die Rekonditionierung des Beckenbodens gerichtet sind.
Auf der Jahrestagung der Medizinischen Kontinenzgesellschaft bildete daher die Konditionierung der Beckenbodenmuskulatur und des Schließmuskels einen Schwerpunkt. Dafür wurden u. a. der abdominale und der perineale Ultraschall als Biofeedbackverfahren von Bärbel Junginger (Berlin) vorgestellt. Das Biofeedbackverfahren stelle eine Hilfe für den Patienten dar, die richtige Kontraktion durchzuführen und eine Kontrolle der Behandlung zu erhalten.
Ultraschall als visuelles Biofeedback zeigt die Auswirkung der Muskelkontraktion auf die Organe. Der Nachteil dabei sei allerdings, dass eher die Quantität als die Qualität angezeigt wird. Eine Unterweisung durch einen erfahrenen Therapeuten sei unbedingt erforderlich, damit das Verfahren auch zuhause angewandt werden kann.
Nicole Carangiu, DPT, Neuro-Urologie an der Universitätsklinik Innsbruck, berichtete über die stimulierende und modulierende Wirkung von Strom für die Beckenbodenreedukation. Wenn Gewebe durchströmt werden, erfolgen verschiedene Reaktionen. Für das Beckenbodentraining sind es Muskelkräftigung, Umwandlung von Fast-twitch-Fasern in Slow-twitch-Fasern, Dämpfung des Detrusors und Schmerzlinderung. Durch die Einstellung der Parameter wird die Elektrostimulation zielorientiert angewendet. Allgemein gilt eine niedrige Frequenz von 4-10 Hz bei der Modulation des N. pudendus zur Detrusordämpfung als ideal. Die Patienten spüren ein Kribbeln bis zur Muskelkontraktion.

Apparative Unterstützung

Ähnlich wirkt auch die Magnetstimulation. Es handelt sich dabei um eine relativ junge Methode. Die elektromagnetischen Wellen werden verwendet, um neuromuskuläre Strukturen zu depolarisieren, zu stimulieren und zu modulieren.
Es gibt also eine Vielzahl von konservativen Behandlungsmöglichkeiten, um die Symptome einer überaktiven Blase zu behandeln und die Lebensqualität zu verbessern, „ein Dauerkatheter ist wirklich der letzte Ausweg“, betonte Klingler.

Kontinenzberatung und Pflege

Je nach Diagnose steht eine Vielfalt von Möglichkeiten zur Verfügung, um das tägliche Leben des inkontinenten Patienten zu erleichtern. Vorausgehen soll ein umfangreiches Informationsgespräch, um die Probleme des Patienten zu erfassen und ihn zur Selbstständigkeit zu motivieren. Dazu zählt vor allem das Toilettentraining, die genaue Führung eines Miktionsprotokolls, die Anleitung zur Beckenbodengymnastik und zur Wahl der Hilfsmittel, die Verordnung eines Krankenbetts, einer Spezialmatratze, die Unterweisung für Kontinenzeinlagen und Spezialhöschen. Durch diese fachliche Beratung soll die Lebensqualität der Patienten verbessert und damit ihre körperliche und seelische Rehabilität erreicht werden.

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