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Urologie 30. Oktober 2007

Tiefe Einblicke (Narrenturm 117)

Das erste brauchbare Zystoskop markierte nicht nur den Beginn der modernen Urologie, sondern förderte und ermöglichte letztendlich die Entwicklung der Urologie zu einem eigenen Fach. Die erstmalige erfolgreiche Demonstration des Zystoskops durch Max Nitze am 9. März 1879 in der Gesellschaft der Ärzte in Wien gilt heute als die Geburtsstunde der modernen Urologie.

 Zystoskop
Eines der Geräte aus der Frühzeit der Urologie – im Narrenturm zu besichtigen.

Foto: Regal/Nanut

Die an Fehl- und Rückschlägen reiche Geschichte der Endoskopie – abgesehen von Versuchen in der Antike, mit starren Rohren leicht zugängliche Körperöffnungen zu inspizieren – begann im Jahr 1806. Dem Frankfurter Arzt und Stadtphysikus Philipp Bozzoni (1773–1809) gelang es in diesem Jahr erstmals, mit seinem – wie er ihn nannte – „Lichtleiter“ in verschiedene Körperhöhlen hineinzuleuchten und gleichzeitig hineinzuschauen. Durch ein zweigeteiltes Rohr leitete er das Licht einer Kerzenflamme über Spiegel durch verschiedene schmale Röhren.
Obwohl die vasenartige Laterne und das ganze Gerät ziemlich plump waren, konnte es tatsächlich zuerst an Leichen, dann aber auch an Lebenden erfolgreich zur Rektoskopie und Kolposkopie eingesetzt werden. Bozzoni und sein recht mühsam und schwer anzuwendender Lichtleiter gerieten aber bald in Vergessenheit. Im Jahr 1826 versuchte der französische Chirurg Pierre-Salomon Ségalas (1792–1875) die Schleimhaut der Harnröhre und Harnblase durch ein trichterförmiges Rohr mit einer dazwischenliegenden, gegen das Auge abgeschirmten Lichtquelle zu begutachten. Sein „spéculum uréthro-cystique“ war sicher das erste funktionierende Urethro-­Cystoskop, und Ségalas, der „Urologe der ersten Stunde“, gilt heute als der Erste, der klinisch gezielt urologisch endoskopierte. Aber auch sein Gerät war noch recht unhandlich, hatte eine schlechte Beleuchtung und ein winziges Blickfeld.
Um 1850 verbesserte der französische Arzt A.J. Désdormais die Erfindung Bozzonis mit einer wesentlich helleren Lichtquelle, einer Gasogenflamme. Sein Instrument – er nannte es „Endoscope“ – wurde ein Erfolg und von 1853 bis 1874 in größerer Stückzahl gebaut. Tatsächlich konnte man mit dieser primitiven Technik nicht nur Blasensteine, sondern bereits Schleimhautveränderungen und Gefäße der Blasenschleimhaut erkennen.

Sehen en miniature

Heute ist es kaum vorstellbar, wie mit diesem winzigen Sehrohr, das Blickfeld war ja optisch nicht vergrößert, ein ausreichend deutliches Bild der Blasenschleimhaut erzielt werden konnte. Für eine routinemäßige Diagnostik war das umständlich zu handhabende Gerät – „rußend und rauchend musste es senkrecht zwischen den Beinen des Patienten gehalten werden“ – aber absolut nicht geeignet. Désdormais ging trotzdem als der „Vater der Endoskopie“ in die Medizingeschichte ein.
Mit absolut einfachen Instrumenten – er trennte die Lichtquelle vom Endoskop – arbeitete dagegen der Wiener Hautarzt Josef Grünfeld (1840–1910). Mit einem Stirnspiegel, wie ihn HNO-Ärzte auch heute noch verwenden, reflektierte er das Licht einer Lampe oder das Sonnenlicht in den Endoskopschaft. Es gelang ihm sogar, durch das offene Rohr kleine Blasentumore zu operieren und erstmals 1876 das Harnleiterostium in direkter Sicht zu sondieren.
Das Problem aller bisher konstruierten Endoskope war vor allem die Beleuchtung: eine offene Flamme, die sich noch immer außerhalb des Körpers befand. Erst der elektrische Strom und die Erfindung der Glühfadenlampe brachten in den 1870er Jahren den Umschwung.

Komplizierte Apparaturen

Der junge Hilfsarzt Max Nitze (1848–1892) in Dresden war der Erste, der diese Lichtquelle – einen glühenden Platindraht, den er indirekt durch zirkulierendes Wasser kühlte – an die Spitze des Endoskops setzte, damit die Lichtquelle in das Hohlorgan verlagerte und gleichzeitig mit einer speziellen Optik das Gesichtsfeld des Geräts dramatisch erweiterte. Nitze hatte nun ein Gerät, sein „Kystoskop“, mit dem er einen großen Teil der Harnblase ausleuchten und überblicken konnte.
Die Demonstration des gemeinsam mit dem genialen Wiener Instrumentenmacher Joseph Leiter (1830–1892) konstruierten und gebauten Instruments in der Gesellschaft der Ärzte war zwar ein Erfolg, aber die meisten Ärzte seiner Zeit waren mit dem recht aufwendigen Gerät mit komplizierter Elektrik und Wasserkühlung hoffnungslos überfordert. Auch diese Apparatur setzte sich nicht durch. Erst die Erfindung der Glühbirne durch Alva Edison 1880 und die des kleinen Mignonlämpchens einige Jahre später brachten endlich die Lösung für viele Beleuchtungsprob­leme. Mit dieser einfachen Technik kamen nun alle Ärzte zurecht. Einer rasanten Verbreitung der Endoskopie in allen Fachgebieten stand nun nichts mehr im Wege.
Wer sich für die Geschichte der Endoskopie interessiert, wird wohl um einen Besuch im „Nitze-Leiter Museum für Endoskopie“ im Josephinum in Wien nicht herumkommen. Hier ist die Entwicklung der Endoskopie vom Ur-Endoskop bis heute fast lückenlos dokumentiert. Die Sammlung ist weltweit die größte ihrer Art. Aber auch der Narrenturm präsentiert seinen Besuchern einige technisch höchst interessante Geräte aus der Frühzeit der Urologie.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 43/2007

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