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Urologie 5. Juli 2007

Die rollenden Steine

Einen Paradigmenwechsel brachte eine Untersuchung an 100 Patienten mit Harnsteinen: Bei obstruktiven Uretersteinen ist hohe Flüssigkeitszufuhr kontraproduktiv. OA Dr. Christian Türk präsentierte die Studiendaten Mitte Juni in Salzburg.

„Während die medikamentöse Therapie der Uretersteine gut belegt ist, fehlt für die empfohlenen Allgemeinmaßnahmen wie Ernährung, Bewegung und Flüssigkeitszufuhr ausreichende Evidenz“, erläuterte OA Dr. Christain Türk, Urol. Abtlg. der KA Rudolfstiftung, Wien, bei der 33. Gemeinsamen Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU) und der Bayerischen Urologenvereinigung.
Er ging der Frage der Flüssigkeitszufuhr in einer Studie an 100 Patienten mit schattenden Nierensteinen zwischen 3 und 10 mm, die einer ESWL-Therapie unterzogen wurden, nach. Ausschlusskriterien waren Rezidive, anatomische Veränderungen und schlecht kontrollierbare, weil nicht schattende Harnsteine.
Während eine Patientengruppe schon am Tag der ESWL zwei Liter Infusionen erhielt und zum Trinken von täglich mindestens 2 bis 2,5 Liter angehalten wurde, erhielt die zweite Studiengruppe nur 500 ml Infusion am Tag des Eingriffs und die Anweisung, nur nach Durst und möglichst wenig zu trinken. Alle Patienten führten bis zur Steinfreiheit, mindestens aber drei Monate Protokoll über Steinabgänge, Beschwerden (besonders Koliken), Medikamentenverbrauch und auxiliäre Maßnahmen.

Viel- versus Wenigtrinker

Drei Monate später waren 76 Prozent der Vieltrinker und 74 Prozent der Wenigtrinker steinfrei, also annähernd gleich viele Patienten aus beiden Gruppen. Ein signifikanter Unterschied fand sich bei den Beschwerdetagen (im Durchschnitt 5 Tage bei den Vieltrinkern gegenüber 1,5 Tagen bei den Wenigtrinkern) sowie bei den Tagen mit Koliken (3,1 Tage bei den Vieltrinkern gegenüber 0,9 Tage bei den Wenigtrinkern).
Türk: „In der Literatur findet sich die Aussage, dass der Harn letztlich der Schrittmacher für die Kontraktionen in Nierenkelch, Nierenbecken und vor allem im Harnleiter ist. Daher sollte eine erhöhte Harnproduktion zu einer Mobilisierung der Steine und Fragmente führen.“
Allerdings, so Türk, bringt ein genaueres Betrachten der Physiologie der Obstruktion ein anderes Bild. Bei Obstruktion im Ureter kommt es zu Erhöhung des renalen Blutflusses unter Einwirkung der Prostaglandine, damit zu Erhöhung des Drucks im Nierenhohlsys­tem und erhöhter Aktivität der glatten Muskulatur. Nach frühestens 1,5 Stunden sinkt der renale Blutfluss deutlich, nach mehreren Stunden sinkt auch der Druck im Hohlsys­tem und die Muskelaktivität, damit offenbar auch die Kolikwahrscheinlichkeit. Türk: „Dann erfolgt die Ausscheidung zumindest überwiegend über die zweite Niere, und auf den Stein, den wir behandeln wollen, hat die Flüssigkeitszufuhr keinen Effekt mehr.“ Die Schlussfolgerung: Bei Harnleitersteinen und gleichzeitigen Harnleiterobstruktionen bringt mehr Trinken mehr Koliken und Beschwerden. Nur dann, wenn Steine ohne jede Obstruktion im Ureter oder in der Niere liegen, könnte die hohe Flüssigkeitszufuhr Vorteile bringen. Türk rät seinen Patienten schon seit Jahren: „Wenn Sie Koliken haben, nehmen Sie Spasmolytika und trinken Sie nichts, solange die Beschwerden anhalten. Wenn Sie zu Koliken neigen, versuchen Sie nicht, die Steinausscheidung durch viel Trinken voranzutreiben.“ Sinnvoll ist eine hohe Flüssigkeitszufuhr weiterhin in der Pro- und Metaphylaxe der Nephrolithiasis.

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 27/2007

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