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Urologie 19. September 2006

Muskelzellen gegen Harninkontinenz

Mit körpereigenen Zellen aus der Oberarmmuskulatur lassen sich bei zwei Drittel der Männer und über 90 Prozent der Frauen mit Stressinkontinenz die Beschwerden beheben. Dabei ist offenbar kaum mit unerwünschten Wirkungen zu rechnen. Alles deutet darauf hin, dass der therapeutische Effekt über Jahre anhält.

Mit einer recht einfach an­mutenden Zelltherapie lassen sich Patienten mit Stressinkontinenz heilen – mit ersten Erfolgen seiner Methode sorgte der Innsbrucker Urologe Prof. Dr. Hannes Strasser in der Fachwelt für Aufsehen. Zuletzt hat Strasser beim diesjährigen US-Urologenkongress AUA Aufmerksamkeit erregt – indem er neue Zahlen zu den Ergebnissen seiner Zelltherapie vorgelegt hat. Denn inzwischen hat Strasser Erfahrungen mit über 270 Patienten, zwei Drittel davon Frauen, ein Drittel Männer, die er und seine Kollegen seit 2002 behandelt haben. Demnach liegen die Erfolgsraten für die Therapie bei Frauen mit Belastungsinkontinenz bei 93 Prozent und bei 73 Prozent bei Männern, wie Strasser in einem Interview erklärte. Unerwünschte Wirkungen durch die implantierten Zellen seien bisher nicht aufgetreten.

Myoblasten werden zu Muskelfasern

Und so funktioniert das Verfahren: Die Urologen der MedUni Inns­bruck entnehmen in Lokalanästhesie eine Muskelbiopsie am Oberarm. Daraus werden im Labor Myoblasten und Fibroblasten isoliert und vermehrt. Das dauert sechs bis sieben Wochen. „Sobald die Zellzahl ausreichend ist, rufen wir die Patienten an und bestellen sie in die Klinik“, erläutert Strasser. Die körpereigenen Myoblasten werden dann transurethral und unter sonographischer Kontrolle in den Schließmuskel injiziert, die Fibroblasten in die Harnröhren-Mukosa. Die Myoblasten fangen an, sich vor Ort zu Muskelfasern umzubilden. Das soll die Kontraktilität des Sphinkters verbessern. Die Fibroblasten dienen dazu, die atrophe Harnröhren-Schleimhaut zu regenerieren. Das ist wichtig, denn nicht nur der Muskel hält die Harnblase dicht, auch die Harnröhren-Schleimhaut. „Wenn die Schleimhaut atroph ist, kann auch bei gut funktionierendem Schließmuskel die Abdichtung nicht optimal sein“, so Strasser. Nachuntersuchungen haben ergeben, dass sowohl die Dicke des Sphinkters als auch die Wanddicke der Urethra nach der Therapie signifikant zunehmen. Klinisch bemerken die Patienten nach vier bis sechs Wochen den Therapieerfolg. Das heißt für Strasser: Sie benötigen keine oder maximal eine Vorlage am Tag. Er geht davon aus, dass der Effekt jahrelang anhält: „Die ersten Frauen, die wir 2002 behandelt haben, sind nach wie vor alle kontinent und hochzufrieden.“

Der Therapie-Erfolg ist bei Männern geringer

Die Tatsache, dass die Erfolgsraten bei Männern deutlich geringer sind als bei Frauen, erklärt sich aus der anderen Anatomie. Die Harnröhre ist länger und das Teilstück, wo die Zellen appliziert werden müssen, ist kürzer als bei Frauen. Daher ist es bei Männern etwas schwerer, die Zellen am richtigen Ort zu platzieren. Weitere Faktoren, die den Therapieerfolg einschränken oder verhindern können, sind Vernarbungen der Harnröhre, etwa nach transurethralen Prostata-Operationen, oder wenn eine Harndrangsymptomatik besteht. Vergleicht man die Ergebnisse der Zelltherapie mit den Resultaten nach Implantation von Kunststoffbändern bei Frauen (TVT – Tension-free Vaginal Tape), schneidet die Zelltherapie nach Strassers Angaben besser ab. So habe eine US-Studie mit 1.500 Frauen, die ein solches Kunststoffband zur Stützung der Harnröhre implantiert bekommen hatten, ergeben, dass bei bis zu 40 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres erneut eine Operation nötig wird, etwa wegen Drangbeschwerden, chronischer Schmerzen oder Harnverhalt.

Der Eingriff ist auch in höherem Alter möglich

Nach der Zelltherapie seien keine Schmerzen, keine Drangbeschwerden und keine Harnretention aufgetreten. „Es hat nie jemand nach Entlassung aus dem Spital jemals wieder einen Harnkatheter gebraucht“, so Strasser. Der Eingriff sei auch deswegen sehr gut verträglich, weil er minimal-invasiv sei und kein körperfremdes Material genutzt werde. Daher bestehe keine Altersbegrenzung. Strasser: „Wir behandeln Patienten zwischen 35 und 85 Jahren.“ Aktuelle Daten stellt der Urologe am 21. September beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Hamburg vor. Auch in Deutschland wird der Eingriff bereits vorgenommen. Indiziert sei die Therapie bei Männern und Frauen mit geringgradiger bis mäßiger Belastungsinkontinenz, sagt Privatdozent Dr. Florian May vom Klinikum rechts der Isar in München. Ist die Sphinkterfunktion komplett ausgefallen, habe die Methode keinen Sinn mehr. Mit einer urodynamischen Untersuchung werden zuvor andere Inkontinenzformen wie Dranginkontinenz ausgeschlossen. Auch Frauen mit erheblichem Deszensus der Beckenorgane kommen für die Zelltherapie nicht in Frage.

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