zur Navigation zum Inhalt
 
Urologie 18. Juli 2006

Neue Richtlinien für Steinerkrankungen

Sie entstehen in der Niere: Steine – wenn sie erst einmal ins Rollen gekommen sind, führen sie zu stärksten kolikartigen Schmerzen. Obstruktion und Infektion bis hin zur Sepsis sind gefährliche Komplikationen. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Dr. Christian Türk, leitender Oberarzt der Steinambulanz, Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien, über aktuelle diagnostische und therapeutische Entwicklungen.

Auf der diagnostischen Seite gibt es den klaren Trend weg vom Automatismus des Einsatzes kontrastmittelabhängiger Untersuchungen wie der i.v.-Pyelographie. Kontrastmittel kommen heute möglichst nur bei einem Kreatininwert unter 1,4 mg/dl sowie nach Ausschluss einer Schilddrüsenüberfunktion oder Allergie zum Einsatz, erklärt Dr. Christian Türk im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Welche technischen Ansätze haben sich in der Praxis bewährt?
Türk: Neben dem Ultraschall und dem Nativröntgen hat die Computertomographie als wenig belastendes Verfahren an Bedeutung gewonnen. Therapeutisch dominiert die Zertrümmerung mittels Extrakorporaler Stoßwellenlithotripsie (=ESWL). Allerdings können Steine in Knochendeckung des Sacroiliacalgelenkes, also im mittleren Harnleiter, mit der ESWL nicht erreicht werden. Die Endourologie, ob als Ureterrenoskopie oder perkutane Litholapaxie, wird durch immer dünnere und ausgereiftere Optiken an Bedeutung gewinnen. Hierbei kann der Stein unter Sicht mit Ultraschall, pneumatischen Lithotriptoren, das sind „Mini-Presslufthämmer“, oder besonders wirkungsvoll mit Laser zertrümmert werden. Endoskope mit Mikrochipkameras und LED-Lichtern an der Spitze werden bald noch mehr Bewegung in die Endourologie bringen.

Macht eine Unterscheidung der verschiedenen Steinarten einen Sinn?
Türk: In der Steinambulanz legen wir großen Wert auf eine korrekte Steinanalyse. Diese sollte aufgrund hoher Fehleranfälligkeit nicht chemisch, sondern mit Infrarotspektometrie oder Röntgen-Diffraktome­trie erfolgen. Schattengebende Kalzium-Oxalatsteine sind die häufigsten Vertreter, gefolgt von nicht röntgendichten Harnsäuresteinen. Darüber hinaus müssen Infekt- und Cystinsteine erwartet werden.

Gibt es Problemsteine?
Türk: Infektsteine sind durch ein rasches Wachstum und die Gefahr akuter septischer Komplikationen gekennzeichnet. Infekt und Stein stehen dabei in einer gegenseitigen Beziehung: Bakterien sind an der Steinbildung beteiligt – die Steine begünstigen ihrerseits das Keimwachstum. Daher ist eine erfolgreiche und dauerhafte Therapie des Harnwegsinfekts nur nach kompletter Sanierung des Steinleidens möglich. In allen anderen Fällen bleiben die Erreger hartnäckig an den Steinen sitzen. Auch die Gruppe der Cystinsteine ist, begründet durch ihre genetische Ätiologie, problematisch: eine zugrunde liegende Transportstörung für dibasische Aminosäuren führt schon im Kindesalter zum Auftreten dieser Steinart und macht eine lebensbegleitende, intensive Betreuung erforderlich.

Worauf sollte der Allgemeinmediziner bei einer Nierenkolik achten?
Türk: Der epidemiologische Trend zeigt, dass Steinerkrankungen im Zunehmen sind. Im Vergleich zu 1979 (0,54%) hat sich die Inzidenz bis 2000 (1,47%) nahezu verdreifacht. Wenn ein Patient mit eindeutiger Klinik zum Hausarzt kommt, sollte umgehend eine urologische Abklärung veranlasst werden. Zu beachten ist, dass eine Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr keinesfalls zu empfehlen ist. Koliken mit Fieber sind wegen der möglicherweise drohenden Urosepsis ein sofortiger Spitalseinweisungsgrund! Schon im Vorfeld sollte der Hausarzt auf eine mögliche Antikoagulation und Plättchenaggregationshemmung achten und diese gegebenenfalls gleich bremsen, um dem Facharzt eine raschere Intervention zu ermöglichen.

Wie beurteilen Sie Diätmaßnahmen zur Steinprophylaxe?
Türk: Jede Art von Metaphylaxe muss auf einer korrekten Steinanalyse aufbauen. „Diäten“ im engeren Sinn sind in der Regel nicht zielführend. Meist kommen mehrere Ursachen zusammen, die gemeinsam die Steinbildung begünstigen. So ist anzunehmen, dass etwa bei den häufigen Kalzium-Oxalatsteinen nicht das Kalzium, sondern das großteils endogen in der Leber gebildete Oxalat der Verursacher des Steinleidens ist. Somit ist eine Kalzium-arme Ernährung nicht zu empfehlen. Demgegenüber helfen die Reduktion von Übergewicht sowie eine vollwertige Ernährung und viel Bewegung die Steinhäufigkeit zu senken. Besonders in der Sekundärprophylaxe sollte auf Flüssigkeitszufuhr in der Größenordnung von 2,5 bis 3 Litern täglich geachtet werden, denn: mehr als die Hälfte aller Steinpatienten rezidiviert. Ebenso sind eine jährliche sonographische Kontrolle sowie eine Harnuntersuchung angezeigt.

Was erwarten Sie von den kommenden neuen Leitlinien für Steinerkrankungen?
Türk: Bis zum Jahresende sollten die ersten überregionalen, deutschsprachigen Leitlinien fertiggestellt sein. Sie sind evidenzbasiert in mehreren Konsensusgesprächen entstanden und werden in Österreich, Deutschland und voraussichtlich auch der Schweiz gültig sein. In weiterer Folge werden Euro-Amerikanische Guidelines zur Behandlung des Uretersteines ab Ende des kommenden Jahres zur Vereinheitlichung der Therapie beitragen.

 

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 34/2001

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben