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Urologie 18. Juli 2006

Wenn tagsüber Urin abgeht…

Zwei bis drei Prozent der Siebenjährigen und unter einem Prozent aller Jugendlichen leiden tagsüber unter unwillkürlichem Harnverlust. Therapie der Wahl ist die medikamentöse Behandlung, unterstützt durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen.

Die häufigste Form des Einnässens bei Kindern tagsüber ist die idiopathische Dranginkontinenz. Sie ist durch ungewollten Harnabgang in kleinen Mengen mit überstarkem Harndrang und häufiges Wasserlassen (mehr als sieben Mal pro Tag) mit jeweils nur kleinen Mengen gekennzeichnet. Die Kinder zeigen häufig ein so genanntes „Haltemanöver“, das bedeutet, sie pressen die Beine zusammen, hüpfen hin und her oder gehen in die Hocke und setzen sich auf die Fersen, um den ungewollten Harnabgang zu vermeiden. Die Dranginkontinenz ist zumeist anlagebedingt und durch einen instabilen Detrusor mit ununterdrückbaren Detrusorkon­traktionen während der Füllungsphase charakterisiert. Die Diagnostik der kindlichen Harninkontinenz orientiert sich am Alter, der Art und Schwere der Symptomatik und bisher durchgeführten erfolglosen Therapieversuchen. Am Beginn der Diagnostik stehen Fragen nach der Häufigkeit, der Einnässmenge, der Dauer und Veränderung der Symptomatik, des Einnäss-Tageszeits, der trockenen Intervalle und der Miktionsfrequenz insgesamt. Auch situationsabhängige Miktionsauffälligkeiten, wie etwa beim Spielen oder Fernsehen, müssen abgefragt werden.

Auf Harnwegsinfektion achten

Da es bei kindlicher Dranginkontinenz häufig zu einem Rückstau von Harn in die Blase kommt, ist weiters das Vorliegen einer Harnwegsinfektion (HWI) abzuklären und gegebenenfalls gleichzeitig mit der Therapie der Drang­inkontinenz zu behandeln. Der Schweregrad der kindlichen Dranginkontinenz wird nach der Häufigkeit der Episoden, der Einnässmenge und der subjektiven Beeinträchtigung des Kindes festgelegt. Mit einem zweitägig durchgeführten Miktionsprotokoll sind Miktions- und Einnässfrequenz, Miktionsvolumina, Harndranggefühl sowie das Trink- und Stuhlverhalten zu dokumentieren. Bei der körperlichen Untersuchung muss besonders auf Hinweise einer urologisch-neurologischen Erkrankung oder kongenitale Missbildungen geachtet werden. Zum Ausschluss eines HWIs ist immer auch ein Urinsediment durchzuführen. „Die Dranginkontinenz ist eine der Hauptindikationen zur medikamentösen Therapie bei Kindern. Ist die Basisdiagnostik unauffällig, kann ex juvantibus eine Therapie mit Anticholinergika eingeleitet werden, die in bis zu 90 Prozent eine signifikante Besserung der Symptomatik erzielt. Das wichtigste Medikament dieser Substanzklasse in dieser Indikation ist Oxybutinin in einer Dosierung von ein bis drei Mal 5 mg pro Tag“, wie Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Villingen-Schwenningen, Vorstandsmitglied der Deutschen Kontinenzgesellschaft e.V., bei einem Presseworkshop der deutschen Kontinenzgesellschaft e.V. im Juni 2004 in Hamburg erklärte.

Medikamente und Blasentraining

Weiters kommen Propiverin, in einer Dosierung von zwei Mal 0,4 mg pro Tag und Trispiumchlorid in einer Dosierung von ein bis zwei Mal 5 mg pro Tag zum Einsatz. Trospiumchlorid weist zudem den Vorteil auf, dass es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwindet und es daher nicht zu zentralnervösen Nebenwirkungen kommt. Unterstützend sollte ein Blasentraining eingesetzt werden, bei dem es durch möglichst langes Unterdrücken des Harndranges und Hinauszögern der Miktion zu einer sukzessiven Vergrößerung von Miktionsintervallen und Blasenkapazität kommen kann.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 34/2001

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