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Urologie 18. Juli 2006

Nächtliches Einnässen: Ein multifaktorielles Problem

Es ist eher ein Problem von Knaben, tritt bei ihnen mit einer Häufigkeit von sieben Prozent bei Fünfjährigen auf und kann Familien extrem belasten: Die Enuresis nocturna.

Die gute Nachricht: Enuresis nocturna ist gut behandel- und in der überwiegenden Anzahl der Fälle auch heilbar. Eine Krankheit ist das Einnässen nicht, „sondern ein Symptom mit verschiedenen Ursachen; die häufigste Form, das unkomplizierte nächtliche Einnässen, wird als Entwicklungsverzögerung betrachtet“, schreibt der Wiener Kinderarzt Dr. Peter Voitl auf seiner Website. Am häufigsten sind Knaben von betroffen. Dazu der Kinderurologe Prof. Dr. Josef Oswald, Leiter der Abteilung für Kinderurologie, Univ.-Klinik Innsbruck: „Von den fünfjährigen Knaben nässen etwa sieben Prozent in der Nacht ein, bei den Mädchen sind es drei Prozent.“

Lege artis diagnostizieren

Drei Prozent der zehnjährigen Knaben und zwei Prozent gleichaltriger Mädchen sind von der belastenden Störung betroffen. Verschiedene Faktoren sind an der Entstehung der Enuresis nocturna beteiligt und müssen vor einer Therapie exakt abgeklärt werden.Unterschieden werden primäre und sekundäre Enuresis nocturna. Die primäre Enuresis ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind noch nie trocken war, die sekundäre Enuresis tritt auf, nachdem das Kind bereits trocken war. Zu einer lege artis Diagnostik gehört die Erfassung der Familienanamnese, der Trinkgewohnheiten des Kindes, des Einnässzeitpunkts (vor oder nach Mitternacht, einmaliges oder mehrmaliges Einnässen), der Frequenz und möglicher, mit dem Einnässen assoziierter Ereignisse. Auch bisherige Therapieversuche müssen ermittelt werden.

Miktionsprotokoll führen

„Mit einem Miktionsprotokoll werden die Trinkmengen erfasst, die Art der Getränke, die das Kind zu sich nimmt, und der Zeitpunkt der Flüssigkeitszufuhr ermittelt“, erläuterte Oswald im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Auch die Miktionsfrequenz wird protokolliert und die Harnmenge mittels Harnbecher gemessen. „Damit kann die funktionelle und maximale Blasenkapazität erfasst werden“, so Oswald. „Schließlich muss die Nachtharnmenge erfasst und das Verhältnis Tagesharnmenge zu Nachtharnmenge bestimmt werden.“ Normal ist eine Nachtharnmenge von 50 Prozent der Tagesharnmenge. Auch eine Harnanalyse sollte durchgeführt werden, um eventuelle organische Ursachen ausschließen zu können.

Schmerzloser Schall

Einmalig sollte auch ein kinderurologischer Status erhoben und eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt werden: „Diese gehört heute zum Standard der kinderurologischen Abklärung, da sie schmerzlos und von hoher Aussagekraft ist“, erläuterte Oswald. Dabei werden zuerst die Blase und die Blasenwand sowie umgebende Strukturen, vor allem die Harnleiter, geschallt: Sind diese vergrößert, liegt der Verdacht auf eine Fehlbildung vor.

Genetisches Risiko

Es besteht ein genetisches Risiko für Enuresis nocturna: „War ein Elternteil EnuretikerIn, liegt das Risiko des Kindes bei 30 Prozent“, erklärte Oswald. Auch eine Verzögerung in der Entwicklung des zirkadianen Rhythmus des anti­diuretischen Hormons (ADH) kann die Ursache für Enuresis nocturna sein: „Dies wurde in den vergangenen Jahren sicher überbewertet, wie hoch die Inzidenz dafür wirklich ist, ist schwer zu beurteilen“, so Oswald. Die häufigste Ursache für Enuresis nocturna ist, Oswald zufolge, die Verzögerung der funktionellen Blasenmaturation. „Bei bis zu 50 Prozent aller Enuretiker wurde neben einer geringen Blasenkapazitat auch eine Instabilität, gerade in den Nachtstunden, nachgewiesen“, erläuterte Oswald. „Diese Detrusor­aktivität kann während des Schlafes bereits weit vor Erreichen der maximalen Blasenkapazität zum Einnässen führen.“

Trinkmenge kontrollieren

Zur Behandlung der Enuresis nocturna stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Zu den Allgemeinmaßnahmen zählt Kinderurologe Oswald die Änderung des Trinkverhaltens (tagsüber viel, abends wenig), die Konditionierung der Blase durch das regelmäßige Schreiben von Miktionsprotokollen und das Schreiben eines Einnässkalenders. Zur Windel rät Oswald nur, wenn das Einnässen innerhalb der Familie zu einem enormen Problem angewachsen ist. „Eine Windel kann dann zu Therapiebeginn die Situation entschärfen.“ Liegt eine reine monosymptomatische Enuresis vor und werden die angegebenen Allgemeinmaßnahmen berücksichtigt, ist eine antidiuretische Therapie, etwa mit Desmopressin, indiziert. „Allerdings sollte diese Behandlung keinesfalls unkritisch und unkontrolliert eingesetzt werden“, warnte Oswald, „da sonst schwere Wasserintoxikationen drohen.“

Lerntherapeutisches Konzept

Auf einem lerntherapeutischen Konzept beruht die Konditionierungstherapie, bei der entweder eine „Klingelmatratze“ oder kleine Sensoren im Pyjama verwendet werden, die das Kind wecken, wenn es zur tropfenweisen Miktion kommt. „Damit lernt das Kind letztlich, vor der Enuresisepisode aufzustehen und die Toilette aufzusuchen“, erklärte Oswald. Die Erfolgsraten mit der Konditionierungstherapie sind ähnlich gut wie mit anderen Therapieformen. „Leider spielt in der Enuresis-Behandlung immer auch die Ideologie eine Rolle“, klagte Oswald: „Pädiater bevorzugen Weckapparate, Urologen dagegen die ADH-Therapie.“ Die Therapie sollte sich aber einzig und allein nach der zugrunde liegenden Symptomatik richten und jedem Kind individuell angepasst werden. „Bei sorgfältiger Abklärung und symptomgerechter Behandlung liegen die Therapieerfolge bei rund 80 Prozent“, sagte Oswald.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 34/2001

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