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Urologie 18. Juli 2006

Reger Handlungseifer in der Urologie

Lange Zeit zankten sich Hauptverband und Urologen um die Etablierung des PSA-Tests zur Früherkennung des Prostatakarzinoms. Nun scheint ein Kompromiss in Sicht: weg vom Massenscreening und hin zur individuellen Risikobestimmung. Das Sonderfach Urologie zeigt aber verstärkt Affinität zum Urogenitaltrakt beiderlei Geschlechts.

„Im Rahmen der Gesundheitsvorsorge ist für Männer nicht nur wesentlich, dass ein Malignom rechtzeitig erkannt wird, sondern vor allem der Ausschluss eines bösartigen Geschehens erfolgen kann“, betonte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Uro-logie und Andrologie, Prof. Dr. Walter Stackl, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Es liegt schließlich in der Natur der Gesundenuntersuchung, wissen zu wollen, ob man gesund ist. Und dieses Recht darf den Männern nicht genommen werden.“ Im Sinne eines Case-Findings müsse dies in einem funktionierenden Gesundheitssystem ermöglicht und finanziert werden, stellt Stackl klar, „vor allem, wenn es sich um den häufigsten Tumor des Mannes handelt“. Diese Möglichkeit sei nun rechtlich gegeben. Ein Massenscreening aller männlichen Personen ab einem bestimmten Alter scheine hingegen nicht gerechtfertigt. „Dafür ist die Datenlage zu dünn“, so Stackl, „und die Gefahr unnötiger Biopsien steht im Raum.“

Ihr Vorgänger warf den Verantwortlichen hinsichtlich der PSA-Vorsorgeuntersuchung eine „himmelschreiende Ignoranz“ vor. Wie ist der Stand der Dinge?
Stackl: Die „Gesundenuntersuchung Neu“ wird mittlerweile nochmals überarbeitet, und ich denke, wir sollten zu einem halbwegs guten Ergebnis kommen. Schließlich stellt der PSA-Wert ein wertvolles und sinnvolles Instrumentarium zur Frühdiagnose des Prostatakarzinoms dar. Die heutige Datenlage zeigt uns klar, dass durch die Bestimmung dieses Parameters mehr Ma­lignome im Frühstadium erkennbar sind. Es gilt als gesichert, dass durch die radikale Prostatektomie die lokale Symptomatik gebessert werden kann und das Metastasenrisiko gesenkt wird. Wir sind somit in der Lage, der Krankheit durch rechtzeitige Intervention den Schrecken zu nehmen. Nach wie vor gibt es aber keinen hundertprozentigen Beweis, dass die Lebenserwartung verlängert wird.

Die Tiroler Studien zur PSA-Vorsorge ver-langen eine engmaschigere Betreuung …
Stackl: Die Innsbrucker Klinik konnte anhand eines Tiroler Screening-Programmes zeigen, dass die Mortalität beim Prostata-Karzinom gesenkt werden kann. Vor allem ist herauszulesen, dass es sich beim PSA nicht um einen statischen Wert handelt. Vielmehr unterliegt er Schwankungen, was eine Verlaufsbeobachtung nötig macht.

Welche Aufgaben erwarten Sie in Ihrer Amtsperiode?
Stackl: Die Ausbildung zum Facharzt für Urologie stellt einen wesentlichen Teilbereich der Arbeit der Gesellschaft dar. Die Ausbildungsordnung wurde überarbeitet, Rasterzeugnisse neu definiert. Auch die Zusammenarbeit und die Abgrenzung zu den Hämato-Onkologen ist ein Thema. Hier konnten wir einen guten Kompromiss bezüglich der vom Gesetzgeber geforderten Tumorboards erzielen. Die flächendeckende Eta­blierung dieser Einrichtung soll zur Qualitätssicherung der onkologischen Behandlung dienen. Jeder Patient muss sicher gehen können, dass ihm eine qualitativ hochwertige Therapie in jedem Bundesland zuteil wird. Allerdings war zu Beginn vorgesehen, dass diese Gremien nur unter Vorsitz eines Hämato-Onkologen stattfinden. Nun hat sich die sinnvollere Variante durchgesetzt, wonach – je nach Krankenhausschwerpunkt – auch ein Vertreter eines organspezifischen Faches die Leitung übernehmen kann.

Zeigt die Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft auch Wirkung?
Stackl: 2006 wurde von uns zum Jahr der Vorsorge-Motivation für den Mann erklärt. So konnten wir jüngst auf einer Pressekonferenz zur erektilen Dysfunktion den Konnex zu anderen Krankheitsbildern herstellen. Die erektile Dysfunktion kann Symptom einer koronaren Herzkrankheit oder eines Diabetes mellitus sein. Jeder Patient, der mit einer solchen Störung vorstellig wird, sollte daher anamnestisch und – bei Bedarf – auch klinisch hinsichtlich zugrunde liegender Erkrankungen durchleuchtet werden. Der „Penis als Antenne des Herzens“ ist ein sehr einprägsames, öffentlichkeitswirksames Bild.

Welche weiteren Schwerpunkte sind im kommenden Jahr zu erwarten?
Stackl: Im Rahmen unserer Fortbildungstagung im Herbst wollen wir vor allem die „Urologie der Frau“ thematisieren: Neben der Inkontinenz soll auch die häufigste Entzündung, der Harnwegsinfekt, zur Sprache kommen. Es ist uns ein Anliegen, durch Öffentlichkeits-arbeit auf die Zuständigkeit und die Kompetenz des Faches für diese Erkrankung hinzuweisen. Urologen behandeln schließlich nicht nur Männer, sondern haben auch moderne therapeutische Konzepte für Frauen anzubieten.

Welche geplanten Veranstaltungen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Stackl: Am 15. September wird europaweit der „Prostate Awareness Day“ auf verschiedenste Erkrankungen der Prostata hinweisen. Ähnlich dem „Urolisk“, der auf das Prostata-Karzinom hinwies, soll diese Aktion zu einem verbesserten Gesundheitsbewusstsein der männlichen Bevölkerung führen.
2007 werden in Österreich zwei große urologische Veranstaltungen stattfinden, die ich organisieren darf. Neben der bayrisch-österreichischen Urologentagung im Juni in Salzburg wird auch der deutsche Urologenkongress im Oktober diesmal in Wien stattfinden. Der Grund dafür liegt darin, dass 1907 der erste deutsche Kongress unter dem österreichischen Präsidenten Ritter von Frisch hierzulande abgehalten wurde. In den Räumlichkeiten des Billrothhauses wird nun – 100 Jahre später – ein Festakt stattfinden.

Wie ist die Einbindung der Urologie in die Krankenhauspraxis zu bewerten?
Stackl: Europaweit gibt es Diskussionen zur Qualitätskontrolle, wie die Urologie mit anderen Fächern bestmöglich kooperieren sollte. In Österreich hat diese Zusammenarbeit immer gut funktioniert. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass nicht jede urologische Abteilung für alle Teilbereiche zuständig sein kann. Wenn im Jahr nur zwei Nierentumore zu operieren sind, ist das zuwenig. In diesen Fällen muss an ein Spezialzentrum überwiesen werden. Die lokalen Tumorboards sollen hier für eine sinnvolle Koordination sorgen, um die bestmögliche Behandlungsqualität für den Patienten zu gewährleisten. So wie in der Rudolfstiftung neben der Uroonkologie und der rekonstruktiven Urologie die Behandlung von Nierensteinen schwerpunktmäßig angeboten wird, konnte sich eine Reihe von Spezialabteilungen – von der Kinderurologie bis zur Inkontinenzbehandlung – etablieren. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen sollte Voraussetzung sein.

Muss die Urologie nach der Strukturreform um die Bettenanzahl fürchten?
Stackl: Mit der Leistungsverrechnung stellt die Anzahl der Betten nicht mehr einen so wesentlichen Faktor dar. In Österreich stehen aber sicher ausreichend stationäre Behandlungsplätze zur Verfügung. In anderen europäischen Ländern, wie Englang oder Irland, ist die urologische Versorgung nicht in diesem Ausmaß gegeben. Dort warten Patienten lange auf einen Termin, mitunter übernehmen auch Chirurgen die Behandlung. Eine derartige Entwicklung darf es bei uns nicht geben.

Welche Neuerungen gibt es aus der Urologie zu berichten?
Stackl: Neue Entwicklungen in der Urologie betreffen neben medikamentösen Innovationen vor allem die chirurgischen Techniken. Die Laparoskopie konnte in jüngerer Zeit viele offene chirurgische Eingriffe verdrängen. Die Methoden bei Nieren- oder Prostataoperationen werden zurzeit auf Effizienz und Praxistauglichkeit geprüft. Als experimentell ist etwa die laparoskopische Zystektomie zu sehen.

Wird es in absehbarer Zeit neue Guidelines von der Gesellschaft geben?
Stackl: Die Empfehlungen sind einem permanenten Diskurs unterworfen. Alle zwei bis drei Jahre werden die Leitlinien überarbeitet und aktualisiert. Dabei orientieren wir uns jedoch an internationalen, vor allem deutschen Ergebnissen. Man muss das Rad schließlich nicht nochmals neu erfinden.

Haben Sie ein Anliegen speziell an die Allgemeinmediziner?
Stackl: Da die Urologie in Studium und Turnus eine untergeordnete Rolle spielt, ist es wichtig, die allgemeinmedizinisch tätigen Kollegen immer wieder mit den wesentlichen Themen unseres Fachgebietes vertraut zu machen. Die Urologische Gesellschaft bietet eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen an, zum Beispiel bei den Ärztetagen in Grado und Bad Gastein oder auch im Rahmen von Bezirksärztetreffen.

 

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 34/2001

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