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Urologie 22. März 2006

Blasenspülung schützt das Urothel

Eine gesteigerte urotheliale Permeabilität im Zuge einer interstitiellen Zystitis verursacht zunächst gesteigerten Harndrang und bei verschleppter Krankheit heftige Schmerzen und eine irreversibel fibrosierte Schrumpfblase. Da die Krankheit in ihrer frühen Phase mithilfe von hyaluronsäurehaltigen Blasenspülungen gut heilbar ist, betonen Experten die Wichtigkeit einer rechtzeitigen Diagnose.

Persistierende irritative Blasen-beschwerden mit häufigem sowie schmerzreichem Harndrang schränken die Lebensqualität beträchtlich ein, da die Patienten nicht nur unter den eigentlichen Schmerzen leiden, sondern auch mit anderen Auswirkungen leben müssen. So vermindert sich beispielsweise die Belastbarkeit der Betroffenen aufgrund des Schlafmangels infolge der zahlreichen nächtlichen Toilettengänge. Die Palette der möglichen Ursachen ist breit und führt über infektiöse Blasenentzündungen, Harnsteine, Tumore, gynäkologische und orthopädische Erkrankungen, das Syndrom der über-aktiven Blase bis hin zu psycho-somatischen Störungen. „Oft wird aber eine Ursache übersehen“, stellt Doz. Dr. Claus Riedl, Vorstand der Urologischen Abteilung am Thermenklinikum Baden, fest. „Denn die wenig beachtete Interstitielle Zystitis, die häufig als Folge oftmals rezidivierender Harnwegsinfekte entsteht, ruft diese unangenehmen Symp-tome ebenfalls hervor.“ Übersehen wird die Erkrankung wahrscheinlich wegen der relativ geringen Zahl von rund 10.000 Betroffenen in Österreich, wobei Frauen acht bis zehn Mal häufiger betroffen sind. Vermutlich wird aber auch ein Teil der betroffenen Männer fälschlich unter der Diagnose „Chronische Prostatitis“ behandelt.

Häufig zu später Therapiestart

Besonders bitter ist, wenn das Leiden jahrelang von den Erkrankten selbst nur mit warmen Bädern oder Tee „behandelt“ wird. Die durchschnittliche Zeit bis zur richtigen Diagnosestellung ist mit Monaten bis Jahren immer noch zu lange, denn damit wird die Wahrscheinlichkeit einer Heilung immer geringer, während gleichzeitig die Schmerzen einen fast unerträglichen Grad erreichen können. Daher ist Riedl um Aufklärung bemüht: „Bevor therapieresistente Krankheitsstadien erreicht werden, sollten entscheidende Hinweise wie das Versagen antibiotischer und blasenberuhigender Medikamente den aufmerksamen Arzt zur richtigen und vor allem rechtzeitigen Diagnose führen.“ Tatsächlich ist die gängige Bezeichnung Interstitielle Zystitis etwas irreführend. Treffender ist „painful bladder syndrome“, wie von internationalen Fachkreisen vorgeschlagen. Als deutscher Terminus technicus bietet sich der Begriff „therapierefraktäre Reizblase“ an. Bei der Erkrankung selbst handelt es sich um eine sterile, chronische Entzündung der Blasenwand mit klinisch zumeist pro-gredientem Verlauf, deren Genese noch unklar ist. Urothelschäden führen zu einer Zerstörung der Schleimschicht auf der Blasenwand, wodurch die Bildung der Glykosaminoglykane (GAG), die Schutzbarriere gegen den Harn, eingeschränkt wird. Urinkontakt mit tieferen Schichten der Blasenwand reizt das Gewebe und löst eine Vielzahl neuronaler und immunologischer Reaktionen aus. Daher bewirken bereits geringste Urinmengen einen starken Harndrang, der wiederum reflektorisch einen Spasmus von Schließ- und Beckenbodenmuskulatur mit beträchtlichem Schmerzpotential verursacht. Aufgrund der zunehmenden irreversiblen Fibrosierung entsteht im späten Stadium der Krankheit schließlich eine Schrumpfblase mit verminderter Füllungskapazität.

Ein Kaliumtest gibt den entscheidenden Hinweis

Gängige Verfahren wie Zystoskopie, Hydrodistension und Biopsie eignen sich keinesfalls zur Diagnose, da gerade diese Verfahren im Frühstadium versagen. Riedl empfiehlt daher, die Funktionsstörung der Blasenschleimhaut mit dem modifizierten Kaliumtest nach Hohlbrugger nachzuweisen. Bei dieser komparativen Blasenkapazitätsmessung wird zunächst die maximale Kapazität mittels physiologischer Kochsalzlösung und danach mithilfe einer 0,2 molaren KCl-Lösung bestimmt. Dies ermöglicht einen Vergleich zwischen einer neutralen mit einer harnähnlichen Lösung. Eine reduzierte maximale KCl-Blasenkapazität von weniger als 70 Prozent des Kochsalzvolumens ist ein deutlicher Hinweis für einen Urothelfunktionsschaden mit erhöhter Blasenpermeabilität. Zur Differentialdiagnose sollten noch Harnkultur, Zytologie, Zystoskopie und Vaginalabstrich hinzugezogen werden.

Früher Therapiebeginn ermöglicht Heilung

Eine Verzögerung bei der Behandlung der therapierefraktären Reizblase wiegt umso schwerer, da heute gute Behandlungsmöglichkeiten verfügbar sind. Als primäres Therapieziel wird die Wiederherstellung einer physiologischen Harn-Gewebsbarriere angestrebt, was in einer frühen Krankheitsphase noch mithilfe von Verhaltensänderungen möglich ist. So gelten Zitrusfrüchte, Kohlensäure und andere Säure fördernde Lebensmittel sowie Kälte und Stress als absolut kontraindiziert, vor allem auf Kaffee sollte verzichtet werden. Riedl ist Verfechter der wöchentlichen Instillationstherapie. Dabei werden die fehlenden Schleim-substanzen, wie Hyaluronsäure, Heparin, Pentosanpolyphospat oder Chondroitinsulfat, über einen Katheter in die Blase gefüllt. Vor allem für die Hyaluronsäure gibt es stichhaltige Daten, dass eine Heilung bei rund der Hälfte der Betroffenen stattfindet. Mehr als 80 Prozent der so behandelten Patienten zeigen indes eine signifikante Verbesserung der Beschwerden. Voraussetzung dafür ist allerdings der rechtzeitige Behandlungsbeginn. Als additive Maßnahmen empfiehlt Riedl Analgetika, intravesikale Iontophorese mit Kortikosteroiden, einige Neuromodulationsverfahren und trizyklische Antidepressiva. Die Hyaluronsäure-Therapie wird derzeit im Rahmen einer laufenden Multicenter-Studie in Europa und Nordamerika evaluiert. Sie verspricht schon bald eine weltweit etablierte Therapie zu sein, die erstmals bei dieser Erkrankung die Aussicht auf gute Heilungschancen eröffnet.

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