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Urologie 8. Februar 2006

Mit Ballons gegen den unwillkürlichen Harnverlust

Inkontinenz ist nicht nur ein Frauenproblem. Vor allem Männer, denen aufgrund einer Tumorerkrankung die Prostata entfernt werden musste, leiden am unwillkürlichen Harnabgang. Der Korneuburger Urologie-Primar Wilhelm A. Hübner hat zur Abhilfe des Problems ein Implantat entwickelt, das weltweit Schule macht.

Manchmal kommt die Initialzündung für segensreiche Erfindungen zwischen Tür und Angel. Mitte der neunziger Jahre war es, als der Wiener Urologe Doz. Dr. Wilhelm A. Hübner auf einem Kongress von dem Vertreter einer amerikanischen Medizinprodukte-Firma angesprochen wurde. Das in Minnesota ansässige Unternehmen war dabei, den Prototyp für ein Implantat zu entwickeln, das Inkontinenz stoppen sollte: ein kleiner Silikonballon sollte den unfreiwilligen Überlauf der Blase verhindern. Hübners spontane Reaktion: Damit kann Männern geholfen werden, die nach Prostataentfernung unter Inkontinenz leiden, ein Problem, das bis dahin eines der bestgehüteten Geheimnisse der Medizin darstellte. Allerdings wird der unwillkürliche Harnabgang auch heute noch in erster Linie als Krankheit der Frauen angesehen.Inzwischen zum Leiter der urologischen Abteilung am Humanis Klinikum in Korneuburg ernannt, entwickelte Hübner mit seinem Team Apparatur und Operationstechnik weiter.

Eine Art künstliche Prostata

Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Art künstliche Prostata, die in einem unkomplizierten, zwanzigminütigen Eingriff im­plantiert wird. „Zwei aufblasbare Silikonballons werden links und rechts der Harnröhre positioniert“, erläutert Hübner. Diese Ballons werden mit einem Gemisch aus Kontrastmittel und Propylenglycol gefüllt. Dadurch kommt es zu einer Erhöhung des Widerstands der Harnröhre, unwillkürliches Abgehen von Harn wird verhindert. Das System (Markenname: Pro-ACT©) ist zudem anpassungsfähig, denn es kann entsprechend den individuellen Ansprüchen der Patienten über ein im Hodensack verstecktes Ventil postoperativ nachjustiert werden. Damit ist gewährleistet, dass der Patient einerseits dicht ist, andererseits trotzdem die Blase vollständig entleeren kann. Für dieses Nachfüllen ist keine Operation mehr notwendig. Ist der unwillkürliche Harnabgang einmal gestoppt, ist kein weiteres Auffüllen mehr notwendig. Narben bleiben von der Im­plantation keine zurück.

Häufiges Problem: postoperative Blasenfunktionsstörung

Tatsächlich leiden etwa je nach Definition drei bis 60 Prozent der Männer nach Prostata-Entfernung an einer postoperativen Funktionsstörung der Blase. Durch die Entfernung der Vorsteherdrüse reicht die Funktion des Schließmuskels nicht mehr aus, meist kommt es dann beim Lachen, Husten oder Niesen, aber auch beim längeren Gehen aufgrund der Schwächung des Verschlussmechanismus der Blase zum unkontrollierten Harnabgang. Vor allem wenn die Betroffenen noch jung sind, ist der Leidensdruck hoch. Das ständige Tröpfeln ist peinlich, Windeln zu tragen äußerst unangenehm, und oft helfen auch Beckenbodentraining und andere konservative Maßnahmen wie etwa Biofeedback nicht. Trotzdem verschweigen viele der inkontinenten Männer das Leiden sogar ihrem Arzt gegenüber. Dabei gibt es heute, wie Hübner sagt, eine Reihe von chirurgischen Verfahren zur Lösung des Problems: „Wir sind heute in der glücklichen Lage, in vielen Fällen für einzelne Patienten sogar mehrere Therapieoptionen anbieten zu können.“ Doch da es verschiedene Ursachen für die Inkontinenz nach Prostatektomie gebe, sei die sorgfältige Auswahl des geeigneten Verfahrens wichtig. Eine Ruhe­inkontinenz beispielsweise entsteht durch die Schädigung der autonomen Nervenversorgung der funktionell glatten muskulären Shinkteranteile. Dann kommt es durch Ermüdung des Beckenbodens vor allem in der zweiten Tageshälfte zu vermehrtem Harnverlust. Auch eine postoperative Narbenbildung im Bereich des Sphinkters kann die Dynamik der Schließfunktion stören. Alternativ zu den Ballons werden derzeit in Korneuburg auch adjustierbare Schlingen verwendet, die besonders bei bestrahlten Patienten Vorteile bieten. Hydraulische Sphinkter, die seit mehr als 25 Jahren operativ eingesetzt werden, stellen die Schließfunktion über eine Harnröhrenmanschette wieder her, die über einen Pumpmechanismus im Hodensack zum Urinieren leergepumpt wird. In 20 bis 35 Prozent wird allerdings eine Revisionsoperation notwendig Hübner setzt dieses grundsätzlich sehr bewährte Verfahren heute weitestgehend nur noch als „second line“-Methode ein. Über die Wirksamkeit und Sicherheit der Ballonimplantation haben Hübner und sein Team vor kurzem eine Untersuchung im British Journal of Urology veröffentlicht (Br J Urol: 2005; 96:587-94): Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 13 Monaten und im Mittel drei notwendigen Anpassungen bezeichneten sich 67 Prozent der insgesamt 117 Männer mit dem Implantat als trocken und verwendeten höchstens noch eine Einlage pro Tag zur Sicherheit. Nur acht Prozent der Patienten zeigten keine Verbesserung, die übrigen beurteilten ihre Inkontinenz als deutlich gebessert.

Weltweit im Einsatz

Der Lebensqualitätsindex stieg bei den 42 Männern, die bereits seit zwei Jahren das Implantat trugen, von 34,7 vor der Behandlung auf 66,3 Prozent. Komplikationen während oder nach der Operation traten bei 54 Patienten auf, waren aber allesamt insignifikant. Eine Reimplantation aufgrund von Komplikationen wurde in 32 Fällen notwendig, die Mehrzahl der Patienten konnte auf diese Weise noch erfolgreich versorgt werden. Das Implantat, das in Korneuburg bereits mehr als 200 Patienten eingepflanzt wurde, kommt inzwischen nicht nur in anderen Kliniken Österreichs zum Einsatz, sondern weltweit. „Wir schulen Ärzte aus aller Welt“, so Hübner, der rund um den Erdball fährt, um andere Urologenteams in die Feinheiten der Operationstechnik einzuweihen. Bestätigung erhält er von seinen Patienten: „Meine Mitarbeiter sprechen von einer hohen ‚crying rate’“, schmunzelt er, „weil viele Patienten nach der gelungenen Operation vor Glück weinen.“

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