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Urologie 18. Jänner 2006

„Highest Priority“ bei Interstitieller Zystitis

Bei der Interstitiellen Zystitis (IC) handelt es sich um ein in seiner Häufigkeit und Schwere massiv unterschätztes Krankheitsbild. Selbst bei Fachärzten ist noch Aufklärungsbedarf bei interstitieller Zystitis gegeben.

Die interstitielle Zystitis (IC) ist ein chronisches, heterogenes Syndrom, das mit den klassischen Symptomen Nykturie, Pollakisurie und Blasenschmerzen einhergeht. Es vereint sterilen Urin mit chronisch-zystitischen Symptomen und entzündlichen Veränderungen in Mukosa und Submukosa der Blase. Die Inzidenz der Erkrankung wird allerdings oft unterschätzt. Nach epidemiologischen Studien aus den USA beträgt die Erkrankungshäufigkeit etwa 60/100.000. Demzufolge wären österreichweit über 4.000 Patienten betroffen. Tendenz steigend. „Obwohl der langsam aggravierende Verlauf von IC jedem damit befassten Urologen bekannt sein dürfte, sind weder beim amerikanischen NIH-NIDDK (National Institute of Diabetes, Digestive and Kidney Disease) noch beim europäischen ESSIC (European Society for the Study of IC) Tendenzen zu erkennen, diese Erkrankung in Stadien einzuteilen“, kritisierte Prof. Dr. Gero Hohlbrugger, Dornbirn, auf der diesjährigen Urologentagung in Linz.

NIH-NIDDK Einschlusskriterien gehören revidiert

Die 1987 vom NIH-NIDDK beschlossenen Einschlusskriterien gehörten daher, wie der Urologe forderte, dringend revidiert, da sonst leichter therapierbare Frühstadien nicht erkannt werden. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen dürfte demnach weit höher liegen. Beim NIH rangiert IC als Gesundheitsproblem „of highest priority“. „Davon kann auf unserem Kontinent derzeit gewiss nicht die Rede sein“, so Hohlbrugger. Von den unterschiedlichen Hypothesen zur Pathogenese und Ätiologie der IC werden die der epithelialen Dysfunktion und der neurourothelialen Wechselwirkung am häufigsten zur Erklärung genutzt. Am Anfang stehen meist rezidivierende Harnwegsinfekte. Ähnliche Symptome setzen sich im infektfreien Intervall fort. Dazu gesellen sich mit der Zeit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie), perineale, retropubische Schmerzen sowie Blasen- bzw. Prostatabeschwerden. Die Diagnose ist nicht immer leicht zu stellen. Anders als die „gewöhnliche“ Zystitis wird die IC nicht durch Bakterien verursacht und lässt sich daher nicht durch einfache Untersuchung des Urins verifizieren. IC-Merkmale wie intramurale Mastzellhäufung oder Überdehnungshämorrhagie können in symptomlosen Blasen vorliegen, umgekehrt sind normale Ergebnisse der konventionellen Urodynamik in anamnestisch eindeutigen IC-Blasen nicht selten. Hohlbrugger: „Der in nur 70 Prozent positive Kalium-Sensibilitätstest konnte der Diagnosesicherheit nichts zutragen. Allein deshalb und wegen der durch das Kaliumchlorid verursachten Blasenschmerzen scheint der anfängliche Enthusiasmus für diesen Test allmählich zu verebben.“ Die Indikation für die Durchführung eines Kalium-Tests zur Diagnose eines Frühstadiums einer IC sollte demnach eng gestellt werden: Mehr als drei Harnwegsinfekten pro Jahr oder mehr als acht Entleerungen pro Tag mit oder ohne Nykturie, selbst im infektfreien Intervall. Ergibt die Kaliummessung ein Minus von über 30 Prozent, ist der Test positiv zu bewerten.

Augenmerk auf die Urotheliale GlycosAminoGlycan-Schicht

Besonderes Augenmerk schenkt man in letzter Zeit der Urothelialen GlycosAminoGlycan-Schicht (GAG). Es handelt sich hierbei um den vom Urothel exprimierten und an ihm haftenden Schleim mit der primären Aufgabe der bakteriellen Abwehr. Die u.a. aus Hyaluronsäure, Heparin, Chondroitinsulfat sowie Dermatansulfat bestehende Schicht kann therapeutisch intravesikal oder, im Falle von Pentosanpolysulfat, auch peroral substituiert werden. Aus episodischen, bis zu zehn Wochen dauernden Instillationen können komplette Remissionen über Jahre hervorgehen, es wird allerdings auch über Kurzremissionen (early relapse) und Therapieversager berichtet. Wird die IC mittels episodischer GAG-Substitution früh genug therapiert und tritt komplette Langzeitremission ein, dann haben die Urothelzellen offenbar zu normaler GAG-Expression, das Urothel zu Normopermeabilität zurückgefunden. Der jetzt negative Kalium-Test unterstreicht den Erfolg. Die einzelnen Präparate werden in Österreich von der Sozialversicherung allerdings nur zum Teil bezahlt. Nur bei rechtzeitiger und Pathogenese-orientierter Therapie wäre jedoch, so ist Hohlbrugger überzeugt, das Vollbild der IC zu vermeiden.

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