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Urologie 18. Jänner 2006

Ungehörte Urologen lassen nicht locker

Als „himmelschreiende Ignoranz“ bezeichnet der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, Prof. Dr. Günter Janetschek, Krankenhaus der Elisabethinen in Linz, das Vorgehen des Hauptverbandes bei der Früherkennung des Prostatakarzinoms.

Wurden die Urologen denn nicht eingebunden?
Janetschek: Offenbar scheint beim Prostatakarzinom jeder andere als kompetenter zu gelten als die Urologen. Der Hauptverband hat nun eine Broschüre für niedergelassene Ärzte zum Procedere beim Prostatakarzinom erstellt. Kein einziger Urologe wurde mit ein-gebunden. Dies ist eine himmelschreiende Ignoranz! Wir wurden anscheinend bewusst heraus gehalten. Das Ergebnis ist sachlich inakzeptabel. Der Stellenwert der Früherkennung mittels PSA wird hier völlig falsch dargestellt. Wir versuchen uns in die Diskussion einzuschalten, unsere Erfahrungen zur Verfügung zu stellen und Empfehlungen abzugeben, doch der Hauptverband geht uns aus dem Weg.

Sehen Sie noch die Möglichkeit, im verbleibenden Halbjahr Ihrer Amtsperiode etwas dagegen zu unternehmen?
Janetschek: Wir berufen zurzeit eine Krisensitzung ein, wo wir weitere Schritte überlegen. Wir werden uns aktiv gegen ein derartiges Vorgehen wehren. Der beste Weg ist, medial Aufklärung zu betreiben und die Menschen für diese Thematik zu sensibilisieren.

Sie haben nun im FOKUS UROLOGIE eine Möglichkeit dazu: Was ist denn der Wunsch der Urologen?
Janetschek: Wenn man „Ja“ zur Früherkennung beim Prostatakarzinom sagt, wie das die zuständigen politischen Stellen von sich behaupten, dann muss diese über den PSA-Wert gehen. Es gibt relevante Daten großer Studien, auch aus Österreich, dass diese Art der Vorsorge einen Benefit für die männliche Bevölkerung bringt.

Sie sprechen etwa das Tiroler Modell der Früherkennung an ...
Janetschek: Das ist ein großartiges Beispiel, wie ein funktionierendes Vorsorgemodell eine in beeindruckenden Zahlen fassbare Senkung der Mortalität zur Folge hat. Dass dies in wichtigen Journalen veröffentlicht und auch international große Resonanz hervorgerufen hat, scheint den Hauptverband schlicht nicht zu interessieren. Warum gerade die Meinung der Urologen so wenig Gewicht hat, ist mir schleierhaft. Möglicherweise wird eine erfolgreiche Früherkennung gleichgesetzt mit einem Mehr an Kosten, da bei Entdeckung eines Malignoms natürlich therapeutisch vorgegangen werden muss. Wenn dies die Motivation des Hauptverbandes sein sollte, handelt dieser erstens fahrlässig und zweitens kurzsichtig, da die Behandlung von fortgeschrittenen Stadien weitaus höhere Kosten verursacht. Diese treten allerdings erst mit einer Latenzzeit von bis zu 15 Jahren auf. Man will offenbar nicht zur Kenntnis nehmen, dass das Prostatakarzinom der häufigste Tumor des Mannes ist und die zweithäufigste Todesursache darstellt. Zudem werden Screening und Früherkennung oft als identische Begriffe missverstanden. Einem Massen-Screening der Bevölkerung steht allerdings der individuelle Wunsch eines Mannes gegenüber, im Rahmen der Vorsorge seinen PSA-Wert bestimmen zu lassen. Diesem Willen muss entsprochen werden.

Das heißt, auch die „Gesundenuntersuchung Neu“ entspricht nicht den Vorstellungen der Urologen ...
Janetschek: Die Allgemeinmediziner sind hier nun völlig draußen. Zwar muss man realistischer Weise eingestehen, dass bei der rektalen Untersuchung, wie sie früher propagiert wurde, nur 10 bis 20 Prozent aller Tumore entdeckt wurden, aber nun wird die Tätigkeit des Hausarztes auf die Aufklärung reduziert. Für das weitere Vorgehen muss er den Mann an einen Urologen verweisen, der allerdings in den seltensten Fällen einen Vertrag mit der Sozialversicherung für die Früherkennung besitzt. Wenn ein an sich gesunder Mann aus einem Gesundheitsbewusstsein heraus eine Bestimmung seines PSA-Wertes wünscht, so muss er heute finanziell selbst dafür aufkommen oder er bekommt vom behandelnden Arzt eine (Verdachts-)Diagnose zugeteilt, die die Krankenkasse zufrieden stellt. Beides kann nicht im Sinne einer funktionierenden Vorsorgemedizin sein.

Wie ist die Studienlage zur Wertigkeit des PSA einzustufen?
Janetschek: Neben der Innsbrucker Untersuchung, die eine Senkung der Mortalität durch ein PSA-gestütztes Vorsorgeprogramm feststellen konnte, kommt eine prospektiv randomisierte kanadische Studie zu ähnlichen Ergebnissen. Auch die Ergebnisse der oft von Kritikern angeführten skandinavischen Studie, wonach die radikale Prostatektomie gegenüber einem „watchful waiting“ keine Vorteile zu bringen schien, werden nun revidiert. Das Prostatakarzinom hat eine sehr lange Latenzzeit, bis es in einem späteren Stadium nach vielen Jahren zum Vorschein kommt. Doch nur in der Frühphase habe ich eine gute Chance, eine komplette Heilung zu erreichen. Glücklicherweise können wir in Oberösterreich eine effiziente Vorsorgemedizin betreiben. Das „Forum Prostata“ wird nicht nur von der OÖ-GKK, sondern auch von den zuständigen Politikern der Stadt Linz und des Landes Oberösterreich unterstützt. Auf lokaler Ebene funktioniert die Zusammenarbeit mit den zuständigen politischen Stellen und der Gebietskrankenkasse gut.

Über welche erfreulicheren Dinge können Sie aus der Urologie berichten?
Janetschek: Erfreulich ist, dass sich – im Gegensatz zur gesundheitspolitischen Causa – auf wissenschaftlichem Gebiet eine Menge getan hat. Der diesjährige Bayrisch-Österreichische Urologenkongress im Linzer Brucknerhaus und im Lentos ist meiner Ansicht nach hervorragend gelaufen. Der Besuch war äußerst zufriedenstellend. Die deutschen Kollegen waren vom wissenschaftlichen Programm angetan und darüber hinaus auch überrascht, dass Linz eine schöne Stadt ist. Die Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie hat zudem im Umfeld des Kongresses gemeinsam mit dem Forum Prostata Oberösterreich und dem Berufsverband am Hauptplatz eine Aufklärungsaktion zur Früherkennung des Prostatakarzinoms durchgeführt. Symbol dieser Aktion ist ein 11 Meter hoher Obelisk. Dieser so genannte „Urolisk“, eine interaktive Skulptur, die die unterschiedlichen Aktivitäten zu diesem Thema verkörpert, hat bereits eine lange Reise durch viele deutsche Städte hinter sich und war letztes Jahr auch in Wien aufgestellt. Die männliche Bevölkerung hatte zudem die Gelegenheit, bei diesen Aktionen gratis den PSA-Wert bestimmen zu lassen und eine Beratung von lokalen niedergelassenen Urologen zu erhalten. Die Aktionen waren in beiden Städten ein großer Erfolg und wir konnten die Wichtigkeit unseres Anliegens einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren.

Wie ist die Effizienz der heutigen operativen Therapie beim Prostatakarzinom einzustufen?
Janetschek: Eine Früherkennung macht natürlich nur dann Sinn, wenn ich auch eine gute Therapie anzubieten habe. Von onkologischer Seite gibt es auch bezüglich des Prostatakarzinoms beachtliche Fortschritte. Die Qualität der Behandlung hat in den letzten Jahren ungemein zugenommen. Sowohl das Kontinenzproblem als auch die Impotenz konnten durch verbesserte Operationsmethoden verringert werden, in einem hohen Prozentsatz ist eine potenzerhaltende Therapie möglich. Hier kommt natürlich der Früherkennung ein wesentlicher Stellenwert zu, denn naturgemäß sind die Ergebnisse besser, je weniger fortgeschritten das Malignom ist. Eine effiziente Nachbehandlung ist von großer Wichtigkeit. Dem frühzeitigen Beginn der Therapie einer erektilen Dysfunktion, etwa mit PDE5-Hemmern oder dem Einsatz einer Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT), kommt hier große Bedeutung zu.

Welche wissenschaftlichen Neuerungen wurden auf dem Kongress behandelt?
Janetschek: Natürlich spielte das Prostatakarzinom auch hier eine bedeutende Rolle, vor allem was die Daten zur Effizienz eines Früherkennungsprogramms anbelangt. Es wurde auf der Tagung zudem über aktuelle Trends minimal invasiver Methoden bei der Steintherapie berichtet. Auch die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Blasenfunktionsstörungen wurden auf der Tagung eingehend behandelt. Anhand des Österreichischen TVT-Registers analysieren wir zurzeit die Langzeitergebnisse der Schlingenoperationen. Man kann beobachten, dass sich die Urologie der Frau in unserem Fachgebiet zu etablieren beginnt. Schließlich ist der Urologe nicht nur Männerarzt.

 

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 30/2004

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