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Urologie 5. April 2006

Und ewig ruft der Nachttopf

Eine Krankheit, die keine Schmerzen bereitet, wirkt auf den ersten Blick nicht wirklich bedrohlich. Es gibt allerdings schmerzfreie Fehlleistungen unseres Organismus, die uns trotzdem Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zunehmend rauben.
Dazu zählt zweifelslos die Nykturie. Das mehrmalige nächtliche Aufstehen, um die Blase zu entleeren, nimmt vielen älteren Menschen den gesunden Schlaf und rückt wichtige und erholsame Schlafphasen in weite Ferne. Dabei kann manchmal recht simpel Abhilfe geschaffen werden.

Der Weg vom Bett zur Toilette birgt für viele ältere Menschen, zumal sie noch schlaftrunken und mit licht-empfindlichen Augen unterwegs sind, gemeine Gefahren und endet nicht selten mit einem längeren Spitalsaufenthalt in der Orthopädie. Das Sturzrisiko für Betagte steigt von 10 auf 21 Prozent. Viele Leidende schränken daher ihren Flüssigkeitskonsum ein, was wiederum bei Älteren zur Dehydration führt.
Natürlich geht der Schlafmangel direkt mit Konzentrationsschwächen und Depression einher und mündet mitunter in einer signifikant erhöhten Morbidität der Betroffenen.
Die Frage nach der Nykturie sollte bei der Anamnese von Älteren zur Routine werden, so Doz. Dr. Helmut Heidler, Vorstand der Urologischen Abteilung am AKH Linz. Er warnt jedoch, diese Problematik mit Schlafstörungen, die nur mit Toilettengängen verknüpft werden, zu verwechseln: "Eine Nykturie liegt nur dann vor, wenn der Betroffene während der Nacht öfter als zweimal seine Blase entleeren muss und somit ein Leidensdruck entsteht."
Die Ursachen sind unter anderem in der Polyurie im Allgemeinen beziehungsweise in der vermehrten nächtlichen Harnbildung zu finden. Eine Polyurie definiert sich durch erhöhte Harnbildung von über 2,8 Litern/24 h, individuell ist das eine Bildung von rund 40 ml Harn/kg innerhalb von 24 Stunden.
So darf die nächtliche Polyurie 33 Prozent des Gesamttagesharns nicht überschreiten - etwa 10 ml Harn/ kg in den Nachtstunden.

Ursachen einer Polyurie

Die Ursachen einer Polyurie sind vielfältig und können einen pathophysiologischen Hintergrund (Diabetes insipidus bzw. mellitus, Herzschwäche) haben beziehungsweise von einem Fehlverhalten (abendliche Polydipsie) ausgelöst werden. Manchmal sind sie sogar iatrogen (Diuretika) determiniert.
Ein weiterer Hintergrund der Polyurie ist die verringerte ADH-Wirkung, welche durch altersspezifische Degeneration im höheren Lebensalter signifikant nachlässt.
Auch eine verminderte Blasenkapazität kann die Nykturie hervorrufen. Dafür verantwortlich zeichnen ein (meist altersbedingter) Mangel an zentralnervöser Hemmung, Veränderung der Blasenwand und vermehrtes Einströmen von Harndrangimpulsen.
"Diese drei häufigsten Ursachen, Polyurie, nächtliche Polyurie sowie verminderte Blasenkapazität sollten bei der Anamnese hinterfragt werden. Oft ist die Quelle der Nykturie aber auch eine Kombination verschiedener Gründe", so Heidler.

Das Miktionstagebuch

In dasselbe Horn stößt auch Prof. Dr. Helmut Madersbacher, Leiter der Neuro-Urologischen Ambulanz der Univ.-Kliniken Innsbruck: "Zur gezielten Therapie ist eine ausführliche Differenzialdiagnose unbedingt erforderlich. Neben der Anamnese gehören eine klinische Untersuchung zentraler und peripherer Stauungszeichen und eine Harnuntersuchung, um Harnwegsinfekte auszuschließen. Doch ganz besonders wichtig ist das Führen eines Blasenentleerungsprotokolls über mindestens 48 Stunden mit Aufzeichnungen über Miktionszeiten sowie der Trink- und Harnmengen."
Zeigt das Miktionstagebuch eine hohe Frequenz von Toilettengängen mit jeweils kleinen Harnmengen, so liegt der Schluss auf eine verminderte Blasenkapazität nahe.
Diese Symptome der hyperaktiven Blase machen sich ebenso tagsüber bemerkbar. Der Arzt muss dann mögliche Ursachen aufdecken und versuchen diese zu beseitigen.
Um die Kontrolle über die Blase wieder zu erlangen, sind Verhaltenstherapie, Beckenbodentraining, auch in Kombination mit Anticholinergika, angeraten.
Anders die Lage bei einer erhöhten Harnproduktion, denn da zeigt das Miktionstagebuch nicht nur eine erhöhte Frequenz, sondern ebenso ein größeres Ausscheidungsvolumen. Madersbacher: "Doch bevor gleich umständlich therapiert wird, sollte man sich genau mit den Betroffenen unterhalten, oft genügt, die abendliche Trinkmenge zu reduzieren."
Auch andere Gründe lassen sich recht simpel beseitigen. Beispielsweise sollten Patienten mit venösen Stauungen ihre Beine während des Tages immer wieder hochlagern und Stützstrümpfe verwenden. Bewährt hat sich auch, die Einnahme von Diuretika auf den frühen Nachmittag zu verschieben, um so die Spitzenausscheidung schon am Abend herbeizuführen.

Therapie mit Desmopressin

"Helfen all diese Maßnahmen nicht, liegt mit großer Sicherheit eine verringerte ADH-Wirkung vor. Dann ist eine Substitutionstherapie mit Desmopressin das Mittel der Wahl", so Madersbacher.
Desmopressin ist ein synthetisches Analogon des menschlichen Hormons Arginin-Vasopressin und bewirkt während acht Stunden nach der Einnahme eine Konzentration des Harns und somit ein Herabsetzen der nächtlichen Ausscheidung um ein Drittel.
Madersbacher: "Die Substanz hat sich sowohl im klinischen Einsatz, als auch bei internationalen Studien bewährt und bringt das, was die Schlafforscher fordern, nämlich fünf Stunden ungestörten Schlaf."
Allerdings sollte man darauf achten, dass es bei Patienten über 60 Jahren zu einer Hyponaträmie kommen kann. Eine stete Gewichtskontrolle wird ebenfalls empfohlen.
Nachsatz Madersbacher: "Natürlich gibt es auch Kontraindikationen wie Herzklappenfehler, Kardiomyopathien und unbehandelte Hypertonie. Mitunter wirkt erst eine Kombinationstherapie mit Anticholinergika."

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