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Urologie 5. April 2006

Belebte Pfade abseits der Schulmedizin

Dass unzufriedene Patienten dazu neigen, sich komplementären und alternativen Medizinmethoden (KAM) zuzuwenden, ist an sich weder neu noch überraschend. Auffallend ist jedoch der Trend der Ärzteschaft, dieses Faktum zu ignorieren. Doch nun empfiehlt eine Studie, das Wissen über Methoden und Auswirkungen der KAM zu vertiefen, denn die Therapeuten sollten ihre Patienten auch in dieser Hinsicht objektiv und auf Grundlage der evidenzbasierten Schulmedizin beraten und sie darüber hinaus vor körperlichen und finanziellen Schäden bewahren.

Einer der Studienautoren, Dr. Anton Ponholzer vom Ludwig Boltzmann Institut für Urologische Onkologie und der Abteilung für Urologie und Andrologie vom Donauspital, Wien, erörterte nun die möglichen Auswirkungen von KAM bei Patienten mit Prostatakarzinom in Österreich.
KAM ist kein genau abgesteckter Bereich, vielmehr sind so manches Mal die Grenzen zur Scharlatanerie verschwommen, denn bis dato wurden keine allgemein gültigen Definitionen erstellt. Ponholzer bezeichnet sie als "außerhalb der Schulmedizin stehende Therapien zur Verbesserung, Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit".
Die Palette reicht dabei von diversen Vitaminsubstitutionen über Homöopathie bis hin zur Hypnose.
Daten aus den USA zeigen, dass KAM eine beliebte Therapieform ist. An die 34 bis 42 Prozent der amerikanischen Gesamtbevölkerung beschreiten die Nebenpfade jenseits der Schulmedizin. Aufgrund der grundlegend verschiedenen Krankenversicherungsmuster wäre es unseriös, diese Zahlen auf europäische Verhältnisse umzulegen.
Ponholzer startete daher eine Befragung österreichischer Prostatakarzinompatienten, die zur Nachsorge niedergelassene Urologen oder Ambulanzen aufsuchten. Der 8-seitige, anonyme Katalog beinhaltete Fragen über Lebensqualität, Sexualität, Harntraktsymptomatik (LUTS), Behandlungszufriedenheit und natürlich über KAM-Aktivitäten.

Fast jeder Dritte versucht auch alternative Heilmethoden

In die Studie wurden 822 Männer mit einem Durchschnittsalter von 69 Jahren ohne Ausschlusskriterien aufgenommen. Die durchschnittliche Zeit seit der Diagnose betrug 3,9 Jahre und der mittlere PSA-Serumwert zum Diagnosezeitpunkt 20 ng/ml, der aktuelle Mittelwert zum Zeitpunkt der Befragung lag bei 3,3 ng/ml. Bei 11,4 Prozent hatten sich zu diesem Moment bereits Metastasen entwickelt.
Als Behandlungsmodalität wurde bei 54 Prozent als Erstbehandlung eine radikale Prostatektomie gewählt, gefolgt von 9,8 Prozent externe Radiatio. An dritter Stelle folgte mit 19,5 Prozent die Hormonblockade.
Das Ergebnis der österreichischen Studie lässt aufhorchen. Denn laut Ponholzer benutzen 29,8 Prozent aller Prostata-Karzinom-Patienten eine KAM. Unter den Favoriten waren Fettreduktion (13,3%), Selen- (10,8%) und Vitamin-E-Substitution (9,3%) und die Misteltherapie (8,6%).
Damit scheinen die Patienten auf dasselbe Pferd wie die Wissenschaftler zu setzen, denn auch die Forschung hofft neuerdings auf Fortschritte gegen das Prostata-Karzinom mithilfe von Ernährungsmodifikation (Diätetische Chemoprävention).
Der primäre Antrieb, sich auf eine KAM einzulassen, korrelierte zwar mit der Erstbehandlungsmodalität, doch signifikante Größen waren vor allem Behandlungszufriedenheit sowie die subjektive Einschätzung der Lebensqualität und des Gesundheitszustandes.
KAM-Anhänger zeigten sich ganz besonders in den letzten drei Punkten von der Schulmedizin enttäuscht und unzufrieden. Ponholzer rät daher schon bei der Anamnese, den allfälligen Einsatz von KAM zu erfragen. Nur so kann der Arzt rechtzeitig auf schädliche Nebenwirkungen der KAM reagieren und schreibt diese nicht seiner eigenen Therapie zu. Zudem kann er seinen Patienten informierend zur Seite stehen und sie vor möglichen Gefahren rechtzeitig warnen. Ponholzers Tipp: "Schauen Sie sich am ,Markt´ regelmäßig um!"

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