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Urologie 5. April 2006

"Alle wollen länger leben, aber niemand will alt sein!"

Der Begriff Anti-Aging wird unentwegt von Kommerz und Medien breitgetreten. Dementsprechend dünn sind viele Aussagen zu diesem Thema. Prof. Dr. Heinz Pflüger von der Urologie Lainz und Ludwig Boltzmann Institut für Urologie und Andrologie umschiffte die Anti-Aging-Hysterie und gab auf der 29. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie in Wien der Sache einen philosophischen und endlich wieder frischeren Ansatz.

Das Wanken der Alterspyramide mit all ihren Auswirkungen auf das Pensions-, Gesundheits- und übrige Sozialsystem wird uns täglich in den Medien vor Augen geführt.
Pflüger dazu: "Viele Gründe könnte man aufzählen, um das durchschnittliche Alter von 74 Jahren bei Männern und 80 Jahren bei Frauen zu erklären. Doch in erster Linie gaben neben der Verbesserung in der Ernährung, Reparaturmedizin und Bekämpfung der Armut wohl der Fortschritt der hygienischen Maßnahmen den Ausschlag zur Verdoppelung unserer Lebenserwartung. Und nach wie vor bleiben die Hauptkiller der Menschheit die Infektionserkrankungen, natürlich vor allem in der Dritten Welt."
Für eine wissenschaftliche Definition, wie sie in der Medizin so beliebt ist, sorgte Bulter: "Das Altern ist eine progressive Umwandlung physiologischer und kognitiver Fitness gesunder Adulter in weniger gesunde Individuen mit erhöhtem Risiko für Verletzung, Krankheit und Tod."

Männliche Vitalität verfällt rapide

Laut Studien ist das Altern zu 35 Prozent zwar genomabhängig, jedoch zu 65 Prozent von lebenszeitlich am Genom entstandenen Schäden. Immer mehr fällt den Forschern aber das geschlechtsspezifische Altern auf. Denn ganz außerordentlich rapid verfällt die männliche Vitalität. Dies fängt schon bei der höheren Rate des intrauterinen Fruchttodes an, setzt sich bei einer erhöhten Mortalität beim Geburtsvorgang und einem größeren Risiko für das SIDS (Sudden Infant Death Syndrom) fort.
In der adoleszenten Phase kommen Unfälle während des Sportes und im Verkehr hinzu, verschärft durch eine hohe Prozentzahl von Alkoholabusus. Daneben bleibt das Burn-out-Syndrom für die meisten Männer zeitlebens kein Fremdwort und führt in vielen Fällen zum Suizid, dessen Statistik ebenfalls die Männer (drei Mal höhere Rate) souverän beherrschen.
Desgleichen peinigen die klassischen Zivilisationserkrankungen wie Adipositas, DM und KHK eher das "stärkere" Geschlecht. Pflügler lakonisch: "Doch das größte Hindernis bei der Entwicklung zu einem gesunden, alten Mann ist das fehlende Gesundheitsbewusstsein. Dies ist in den Statistiken diverser Gesundenuntersuchungen klar ersichtlich. Das sollte der wichtigste Ansatz im Kampf für die männliche Gesundheit sein, mithilfe der Prävention gegen Hypertonie, Diabetes, Adipositas, Malignome und natürlich diverse, auch legale, Suchtgifte."
Auf der anderen Seite stehen potente technologische Möglichkeiten wie Eingriffe in das Genom zur Verfügung. Pflügler zählte neben der Molekularbiologie, Antioxidantien, auch diverse Hormonersatz- bzw. Stammzelltherapien sowie die neue Cell-Replacement-Therapy auf.
Jedoch stellte er in diesem Zusammenhang auch die gewichtige Frage: "Ist alles, was wir machen können, auch wünschenswert? Wollen wir unser Leben tatsächlich um 30 bis 40 Prozent verlängern? Hält dies unser System überhaupt aus? Und wie wirkt sich das letztendlich alles aus?"
Wissenschaftliche Studien zeigten, dass eine Verlängerung der Lebenserwartung noch möglich ist, doch dies benachteiligt mittelfristig die Reproduktion. All die Erkenntnisse von Populationsforschern deuten auf ein energetisches Gleichgewicht hin und beweisen, dass Änderungen in der Altersstruktur innerhalb einer Bevölkerung nicht ereignislos hingenommen werden.
Und schon der Begriff Anti-Aging, so Pflüger, führt uns auf die falsche Fährte. Bereits in der vorchristlichen Stoa wurde über das Altern in Würde berichtet: "Für und nicht gegen das Altern leben. Daher wäre der Begriff Pro-Aging vielleicht der bessere gewesen. Zu dieser Definition sollte dann unbedingt die subjektive Zufriedenheit des Einzelnen hinzugezogen werden. Diese resultiert aus nicht absolut messbaren Parametern wie Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Wir müssen endlich lernen, zwischen gefühltem und kalendarischem biologischen Alter zu unterscheiden." Bei Pro-Aging geht es daher um die Verbesserung der Lebensqualität und nicht um die Verlängerung des Lebensfadens.
Und längst hat sich auch die Wirtschaft in das Thema eingeklinkt und verdient Unsummen mit dem Schlagwort Anti-Aging. Scharlatanerie ist dabei nicht die Ausnahme, eher die Regel.

"Wir sollten das Sterben nicht abschaffen!"

"Was kann und soll also unsere Gesellschaft tun, um mit dem Altern richtig umzugehen?", fragte Pflüger und gab gleich ein paar Tipps: "Sie soll in erster Linie das Gesundheitsbewusstsein ihrer Kinder stärken und vor allem beim männlichen Nachwuchs weg von den althergebrachten, maskulinen Attributen kommen. Immer stark sein, nie Gefühle zeigen ist der falsche Weg, um gesund zu altern."
Pflügler zitierte abschließend die weisen Worte des Endokrinologen Lunenfeld - "das Ziel ist nicht eine Verlängerung der Lebenserwartung, sondern eine Verkürzung des Siechtums" - und des Biochemikers Chargaff - "wir sollten das Sterben nicht abschaffen".

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