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Urologie 4. April 2006

Reizblase: Keine reflexartige Therapie!

Das Problem, Urin nicht mehr bewusst zurückhalten zu können, betrifft nicht allein alte Menschen, obwohl es im Alter gehäuft auftritt. Ebenfalls ein Trugschluss ist die Annahme, dass man sich damit arrangieren muss. Der Harninkontinenz kann mit vielerlei Mitteln begegnet werden. Leider wird oft fast reflexartig eine anticholinerge Therapie verordnet, ohne den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Die Auslöser der Harninkontinenz sind besonders vielfältig gelagert und müssen nicht unbedingt organischer Herkunft sein: Hormonmangel, vergrößerte Prostata, Entzündungen des Harntraktes, Schwächung der Beckenbodenmuskulatur infolge Schwangerschaft, psychologische Faktoren oder diverse Medikationen. Die überaktive Blase kann ebenso durch neurologische Erkrankungen wie beispielsweise Demenz, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Tumore und Schädel-Hirn-Traumen sowie Erkrankungen des Rückenmarkes beziehungsweise Verletzungen des peripheren Nervensystems determiniert sein.
Dementsprechend vielfältig ist die Klassifikation. Je nach Auslöser gibt es eine Fülle verschiedener Therapiemöglichkeiten. Überhaupt, so betonte Prof. Dr. Helmut Madersbacher, Leiter der Neuro-Urologischen Ambulanz am Universitätsklinikum Innsbruck und Vorsitzender der Medizinischen Gesellschaft für Inkontinenzhilfe Österreich (GIHÖ), anlässlich einer State-of-the-Art-Lecture im Rahmen des diesjährigen Kongresses der Europäischen Urologengesellschaft (EAU) in Wien, kann dem Begriff „Überaktive Blase“ kein einheitliches Krankheitsbild zugeordnet werden: „Genau differenzierte Begriffe wie etwa Dranginkontinenz oder Hyperaktives Blasensyndrom werden kaum mehr unterschieden und synonym verwendet."

Ein Begriff führt in die Irre

Dabei kann das hyperaktive Blasensyndrom nicht wirklich als Syndrom bezeichnet werden, sagte Madersbacher: „Diese Begriffsbestimmung führt in die Irre, denn ein Syndrom definiert sich durch eine Gruppe von mehreren Krankheitszeichen, die für ein bestimmtes Krankheitsbild charakteristisch sind. Doch genau das trifft bei der überaktiven Blase nicht zu!“ Denn es handelt sich hierbei um kein einheitliches klinisches Element, vielmehr werden die einzelnen Symptome durch verschiedene pathophysiologische Ursachen hervorgerufen. „Man könnte es als Marketing-Hype bezeichnen, denn schon der Begriff Hyperaktive Blase löst bei der Ärzteschaft den Reflex aus, die nahe liegendste Medikation zu verschreiben – Anticholinergika. Diese Vorgangsweise bringt der Pharmaindustrie weltweit einen jährlichen Gewinn von sagenhaften 6,11 Billionen Dollar!", so Madersbacher.
Dabei mag die Medikation in vielen Fällen sogar die richtige Wahl sein, so Madersbacher, aber aufgrund der großen Vielfalt der Funktionsstörungen geht sie häufig ins Leere und kann gar nicht erfolgreich sein. Als Beleg dafür zitierte er eine Arbeit von Herbison et al., die von der Cochrane-Organisation initiiert wurde, einem internationalen, wissenschaftlichen Netzwerk, das die Wirksamkeit medizinischer Therapien auf der Grundlage systematischer Reviews überprüft und bewertet. Herbisons Metaanalyse von 32 Studien mit rund 6.800 Teilnehmer untersuchte die Wirksamkeit der First-Line-Behandlung Anticholinergika im Vergleich zu Plazebo. „Und obgleich sich der Unterschied zwar als statistisch signifikant erweist, so waren die Wirkungsunterschiede zwischen Anticholinergika und Placebo erstaunlich gering", fasste Madersbacher zusammen, „sieht man von den Begleiterscheinungen wie trockener Mund bei der aktiven Therapie ab."

Therapieoptionen

Dabei ist sich Madersbacher der Nachteile einer Metaanalyse durchaus bewusst. Trotzdem zeigt der Cochrane-Review seiner Ansicht nach den falschen Trend richtig an, nämlich bei der Diagnose Reizblase reflexartig, ohne urodynamische diagnostische Abklärung, Anticholinergika zu verordnen. Doch nicht allein die Symptome sollten bekämpft werden, sondern nach den Ursachen systematisch gefahndet werden. Dazu eignet sich in erster Linie die urodynamische Untersuchung und das Führen eines Blasenentleerungsprotokolls. Mithilfe dieser Methoden kann rund jene Hälfte der Patienten aussortiert werden, die keine anticholinergischen Präparate benötigt. Bei geringfügigen Problemen helfen bereits diverse Verhaltenstherapien – einfache Übungen für die Beckenbodenmuskulatur, autogenes Training sowie Toiletten- und Miktionstraining. Anticholinergika sollten aber weiterhin die First-Line-Therapie bei einer bestätigten Detrusorhyperaktivität bleiben.

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