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Urologie 4. April 2006

Nach wie vor ein Tabuthema: Inkontinenz

Trotz verstärkter Aufklärung vermeiden viele Inkontinenz-Patienten das offene Gespräch mit dem Arzt. Der Leidensdruck bei den Betroffenen ist enorm.

Die Gesamtprävalenz der Harninkontinenz beträgt rund 17 Prozent, in der Altersgruppe der über 65-Jährigen bereits bei 35. Ursprünglich sind Frauen zwischen dem fünften und dem sechsten Lebensjahrzent häufiger betroffen. Mit zunehmendem Lebensalter holen die Männer wieder auf. „Die Inkontinenz tötet dich nicht – aber das Leiden stiehlt dir dein Leben!“ – ein Statement einer Patientin, welches wohl ins Schwarze trifft. Selbst der kürzeste Weg wird zur Tortur. Für die Patienten bekommt der Begriff „Seitensprung“ eine völlig neue Bedeutung. Der Gang zum Supermarkt um die Ecke muss oft mehrmals unterbrochen werden, um die nächstmögliche Toilette aufzusuchen.

Isolation und Depressionen als Folgeerscheinungen

Betroffene fürchten den Spott ihrer Umgebung und flüchten in die Isolation – seelische Probleme und Depression folgen. Trotz der mannigfaltigen Behandlungsmöglichkeiten konsultieren zu wenige der Betroffenen medizinische Hilfe. „Die Inkontinenz gehört weiterhin zu den gesundheitlichen Tabuthemen. Obwohl das Leiden Menschen mit Stressinkontinenz in fast allen Bereichen ihres Lebens handikaped, versucht ein Großteil alleine zurechtzukommen“, bestätigt Privatdozent Dr. Sven Hundertmark vom Allgemeinen Krankenhaus Altona in Hamburg und präsentiert eine Studie aus England, Frankreich und Deutschland, die ein doppeltes Tabu aufwirft. In der Analyse beschrieben 72 Personen mit Belastungsinkontinenz und 54 Inkontinenz-Spezialisten in Projektionszeichnungen, Collagen und Interviews ihre Gefühle und Einstellungen in Bezug auf Inkontinenz und Lebensqualität. Die Auswertung ergab, dass die Inkontinenz nicht nur für Patienten ein emotionsbehaftetes Leiden ist.

Schwere Beeinträchtigung des Selbstwertgefühles

Die Leidtragenden fühlen sich in ihrem Selbstbildnis und Selbstvertrauen schwer beeinträchtigt. Hundertmark: „Vor allem die betroffenen Frauen fühlen sich unselbstständig wie Kleinkinder und gleichzeitig alt, unattraktiv und würdelos.“ Das medizinische Personal spiegelt während der Konsultation nicht nur diese negativen Empfindungen wider, zusätzlich mischt es noch seine eigenen negativen Vermutungen und Erfahrungen hinzu. Daraus resultiert auf beiden Seiten Scham. Sowohl Ärzte als auch PatientInnen empfinden die Situation in den meisten Fällen als nicht ausreichend geklärt und unkontrolliert. Diese Situation führt in weiterer Folge zu fehlender Compliance, vorzeitig abgebrochenen Therapien und PatientInnen, die sich ärztlichen Konsultationen und Nachsorgeuntersuchungen entziehen. Hundertmark fordert daher, die zahllosen Hürden, die den erfolgreichen Therapien im Wege stehen, vorzeitig zu erkennen und abzubauen. Nur so können die zahlreich vorhandenen Behandlungsoptionen wirklich helfen.

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