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Urologie 4. April 2006

Männer im gefährlichen Alter

Muskelschwund, abnehmende Leistung, Fettpölsterchen und Bauchansatz kündigen die „anderen“ Jahre des Mannes an. Diese körperlichen Veränderungen stürzen die Betroffenen oft in eine Sinnkrise und lassen sie nicht selten sogar psychisch anders „ticken". Gibt es tatsächlich das Klimakterium virile oder handelt es sich hierbei bloß um eine Erfindung der Pharmaindustrie?

Dass der körperliche Abbau eigentlich schon mit dem 20. Lebensjahr beginnt, wird in der Regel von der männlichen Bevölkerung ignoriert. Erst zwischen der vierten und fünften Lebensdekade kann der physische Verfall nicht mehr ignoriert werden. Bis dahin kann der Abbau so einigermaßen kaschiert werden. Erst wenn im Arbeitsleben die jüngeren Kollegen beginnen, mehr Arbeitsleistung zu bringen, kommt der durchschnittliche, westliche Mann in eine Krise und entwickelt erstmals ein gewisses Maß an Gesundheitsbewusstsein. Dann ist die so genannte Midlife-Crisis erreicht!

Diese Lebenskrise der Männer „im gefährlichen Alter“ beschreibt vor allem einen psychischen Tiefpunkt - allerdings ausgelöst durch physische Defizite. Da es sich dabei um eine Gruppe mit starker Kaufkraft handelt, hat sich die Industrie längst auf dieses Thema gestürzt und hofft damit – nicht immer mit Evidence-based Medizin – einige Milliarden Dollar pro Jahr zu verdienen. Auch seriöse Wissenschaftler versuchen, dem Klimakterium virile auf die Spur zu kommen und setzen dabei vor allem auf das sich im Alter ändernde Hormonprofil. Endokrinologen bevorzugen daher den Begriff PADAM-Syndrom (Partielles Androgen-Defizit des alternden Mannes).

Umbau des Hormonstatus

Auch der Internist Prof. Dr. Siegfried Meryn, Mitinitiator des jährlich in Wien stattfindenden Weltkongresses für Männergesundheit (WCMH), verweist darauf, dass sich nicht nur bei Frauen zahlreiche Symptome, Beschwerden und Erkrankungen aufgrund fallender Hormonspiegel einstellen: „So fällt der Plasmaspiegel des Wachstumshormons bereits ab dem 30. Lebensjahr. Dies macht sich klinisch in einer Verringerung von Muskel- und Knochenmasse, Hautatrophie, gestörten Schlafmustern und generell in einer Abnahme des allgemeinen Wohlbefindens bemerkbar. Erste Studien mit Langzeitwachstums-Hormonersatztherapien zeigen bereits positive Effekte.“ Ein weiteres Hormon, dessen Mangel im Alter oft unterschätzt wird, ist laut Meryn das Schilddrüsenhormon Thyroxin, welches mit zunehmenden Jahren aufgrund altersassoziierter Erkrankungen schwindet: „Beim alternden Mann muss bei der Interpretation von Schilddrüsenwerten, die sich durch mäßige Abnahme der THS- und T3-Spiegel kennzeichnen, stets auf weitere Begleiterkrankungen und Medikamente geachtet werden.“

Der zeitliche Knackpunkt

Immer mehr Endokrinologen gelangen anscheinend zur Auffassung, dass diese Krise des alternden Mannes hauptsächlich mit dem Abfall des Testosteronspiegels verknüpft ist. Auch hier befindet sich der zeitliche Knackpunkt beim Beginn des dritten Lebensjahrzehntes. Dann beginnt die hormonelle Talfahrt. Das gilt vor allem für das Hauptandrogen DHEA (Dehydroepiandrosteron), das in der Peripherie vorwiegend in der sulfatierten Form DHEAS vorkommt. Gerade das DHEA wird in vielen Berichten als „Jungbrunnen“ angepriesen und ist seit vielen Jahren Gegenstand intensiver Forschung. Tatsächlich vermuten Wissenschaftler, dass die Substanz eine Schlüsselfunktion in der Hemmung von Alterungsprozessen einnimmt. Natürlich fällt der Sexualhormonspiegel im Alter, ganz anders als bei der Frau nach der letzten Monatsblutung, eher gemächlich, jedoch stetig ab.

Prof. Dr. Roger Kirby vom St. George‘s Hospital in London sieht den geistigen und körperlichen Abbau ebenso im fallenden Testosteronspiegel begründet: „Wissenschaftliche Arbeiten gehen von einem Abfall des Serumtestosteronspiegels ab dem 40. Lebensjahr von ungefähr 1,5 Prozent pro Jahr aus. Die Testosteronzielgewebe des Stützapparates inklusive Muskulatur und Knochen werden hormonell nicht mehr stimmig versorgt – Osteoporose und Muskelschwund sind die Folgen. Dafür legt der geplagte Mann Fett im abdominellen Bereich zu. Und selbst im kardiovaskulären System sind negative Auswirkungen spürbar.“

Das beste Pferd im Stall

Natürlich bleibt auch die Sexualität nicht unverschont – so lassen Libido, sexuelle Aktivität, Erektionsstärke und –dauer sowie die Spermienproduktion nach. Kirby weiter: „Das Testosteron ist eines unserer besten Pferde im Stall für ein besseres Altern. Jedoch auch eines der wildesten. Eine Verschreibung ohne genaue Richtlinien muss daher verhindert werden!“

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