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Urologie 4. April 2006

Störungen der weiblichen Sexualität

Es gibt kaum ein Gebiet, bei dem sich organische Probleme so deutlich in der Psyche niederschlagen und umgekehrt wie bei den sexuellen Dysfunktionen der Frau. Daher müssen sie multidisziplinär diagnostiziert und therapiert werden, das forderte in einer State-of-the-Art-Lecture in Wien die weltweit anerkannte Expertin Prof. Dr. Alessandra Graziottin aus Mailand.

Erektile Dysfunktion und damit verbundene männliche sexuelle Störungen sind bei jedem Urologiekongress weltweit zentrale Themen. Genau diametral verhält sich das Interesse zur sexuellen Dysfunktion der Frau. Dabei sind Studien zufolge Frauen mit 40 Prozent eher davon betroffen als Männer (30 Prozent). Prof. Dr. Alessandra Graziottin, Direktorin des Center of Gynecology and Medical Sexology am Hospitale San Raffaele Resnati in Mailand und Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Sexuelle Frauengesundheit (ISSWSH), ist eine der engagiertesten Vorkämpferinnen der weiblichen Gesundheitserziehung von Frauen und Sexualmedizin. Die weibliche Sexualität wird, so Graziottin, gleichermaßen von emotionalen und körperlichen Attributen bestimmt. Wollen Mediziner Störungen auf diesem diffizilen Gebiet zufriedenstellend behandeln, so benötigen sie ein engagiertes Team, das sich sowohl des psychologischen, biologischen und soziokulturellen Kontextes der weiblichen Sexualität bewusst ist.

Im Rahmen einer State-of-the-Art-Lecture anlässlich des diesjährigen 19. Kongresses der Europäischen Urologengesellschaft in Wien präsentierte Graziottin einen Querschnitt weiblicher Sexualdysfunktionen in Europa anhand ihrer Studie. Für das WISHeS-Projekt (Women’s International Survey on Health and Sexuality) wurden 2.467 Frauen im Alter von 20 bis 70 Jahren aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien mithilfe der Interviewmethoden des Female Sexual Function (PFSF) und der Personal Distress Scale (PDS) nach sexueller Aktivität und den dabei auftretenden Problemen befragt. Dabei wurde besonders Bedacht darauf genommen, Gefühle, Emotionen und das sexuelle Verhalten der Frauen sensibel aufzuspüren und aufzuzeichnen. Die mannigfaltigen Splitterinformationen dieser Studie scheinen auf den ersten Blick wenig aussagend. So haben beispielsweise französische Frauen einen sehr offenen und vertrauten Zugang zu ihrem Körper und daher weniger Scheu, ihre Sexualität auszuleben. Frauen aus Italien haben laut eigenen Aussagen dafür bei der Orgasmusfrequenz die Nase vorn.

Doch die analysierten Daten ergeben ein aussagekräftiges Gesamtbild. So ist interessant, dass sich die jungen Frauen, einerseits in den romanischen Länder Italien und Frankreich und andererseits jene in Deutschland und Großbritannien, in ihrem sexuellen Verhalten häufig ähneln. Mit zunehmendem Alter finden sich die Gemeinsamkeiten eher in derselben Altersgruppe als in den verwandten Kulturkreisen. Graziottin: „Das ist einer der interessantesten Aspekte der Studie. Solange die Frauen gesund sind, bestimmt ihre soziokulturelle Umgebung ihr sexuelles Verhalten. Sobald es aber zu krankheitsdeterminierten Operationen kommt, ändert sich das drastisch. Ab dann verschwinden die kulturellen Unterschiede fast völlig."

Testosteron als„Treibstoff“ der Libido

Das geringere sexuelle Verlangen alternder Frauen führt Graziottin vor allem auf den fallenden Testosteronspiegel zurück: „Testosteron ist der Treibstoff der Libido – nicht nur beim Mann." Das Hormon hat direkten Einfluss auf die wichtigsten Faktoren der körperlichen Liebe: sexuelles Verlangen, Erregung, Orgasmusfähigkeit und Befriedigung. Östrogene spielen dabei nur eine modulatorische Rolle. Daher wirkt sich der Abfall des Androgens um rund 50 Prozent im Alter natürlich dementsprechend negativ aus. Graziottin versucht mithilfe der Studienergebnisse eine weitere dringliche Frage zu beantworten: Ist mäßiges, sexuelles Verlangen per se eine sexuelle Störung? „Nein, ist es nicht!", stellt Graziottin fest: „Die Mehrzahl der Frauen kann sich damit arrangieren. Was es aber dennoch zu einer Störung macht, sind die dadurch ausgelösten Umstände, so zum Beispiel Probleme in der Partnerschaft. Diese korrelieren indirekt proportional zum Alter der Frau und äußern sich später zumeist organisch.“ Diese klinischen Bilder bereiten Medizinern in der Praxis immer wieder Schwierigkeiten. Dies ist für Graziottin kaum verwunderlich, denn es gibt weiterhin keine anerkannte beziehungsweise fortschrittliche Behandlung für weibliche Sexualprobleme.

Graziottin empfiehlt: „Werden Sie von Frauen wegen Orgasmusschwierigkeiten, genitaler Probleme, Funktionsstörungen und Schmerzen während des Koitus konsultiert, so hören Sie ihnen bereits im Vorfeld der Diagnosestellung aufmerksam zu und achten Sie auf die Signale, ganz egal ob auf verbaler oder non-verbaler Ebene.“ Die Sexualmedizinerin regt an, auch die Qualität der Partnerschaft zu hinterfragen, denn zum physischen Wohlbefinden gehört ein fürsorglicher Partner mit der entsprechenden sexuellen Befähigung. Selbst der kleinste Anhaltspunkt, so Graziottin, kann den Schlüssel zur korrekten Diagnose liefern, unabhängig ob er organischer oder psychischer Natur, ob erworben oder von Geburt an vorhanden ist. Zuvor sollte eine genaue Prüfung der äußeren Genitalien, Vagina (inklusive pH-Wert), des Beckenbodens und der Mukosabeschaffenheit durchgeführt werden. Für eine optimale Schmerzanalyse empfiehlt Graziottin die Erstellung von Pain-Maps.

Mangelnde Libido: Hohe Komorbidität

Fehlende Libido ist nicht unbedingt psychisch oder hormonell bedingt. Diese Dysfunktion kommt meistens im Zusammenhang mit anderen weiblichen Sexualstörungen vor, die fast immer organischen Ursprungs sind. „Der häufige Kontext sexueller Schmerzstörungen mit urogenitalen Funktionsstörungen wird nach wie vor stark unterschätzt“, beklagt Graziottin. Dabei hat diese hohe Komorbidität einen verständlichen, pathophysiologischen Hintergrund und viele mögliche körperliche Ursachen: Östrogenmangel, fortgeschrittene urogenitale Dystrophie, ungenügende vaginale Gefäßversorgung, schwacher Beckenboden. Werden diese Störungen beharrlich ignoriert, so kommt es in der Regel etwa 24 bis 72 Stunden nach erfolgtem Geschlechtsverkehr zu einer Verschlimmerung der Symptome – vaginale Trockenheit, Dyspareunie und postkoitale Zystitis. Erst wenn Medizinern diese Zusammenhänge geläufig sind, können sie die richtige Diagnose treffen und die bestmögliche multidisziplinäre Therapie festlegen.

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