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Urologie 4. April 2006

PSA-Test: Männer werden diskriminiert

Den Urologen lediglich als „Männerarzt“ zu bezeichnen, blendet einen guten Teil des Tätigkeitsprofils aus. Schließlich sind weder Nieren noch harnableitende Systeme einem der beiden Geschlechter vorbehalten. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, Prof. Dr. Günter Janetschek, Krankenhaus der Elisabethinen, Linz.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre weitere Präsidentschaft gestellt?
Janetschek: In meiner Funktion als Präsident der Gesellschaft muss ich viel an organisatorischer Arbeit leisten. So sind die Vorbereitungen für den diesjährigen Bayrisch-Österreichischen Urologenkongress im Linzer Brucknerhaus und im Lentos bereits im Gange. Ich habe mir zudem in meiner Amtsperiode vorgenommen, dass die Früherkennung des Prostatakarzinoms mittels PSA fix in die Gesundenuntersuchung implementiert wird. Bislang wurden die Kosten für die Untersuchung nur bei Verdacht auf eine Erkrankung der Prostata übernommen. Im Sinne einer Primärprävention sollte der PSA-Wert aber generell in der Vorsorgemedizin eingesetzt werden. Bei den Frauen ist es selbstverständlich, dass bei Gesunden eine Mammografie im Sinne einer Vorsorgeuntersuchung durchgeführt wird. Man kann hier eigentlich sogar von einer Diskriminierung des Mannes sprechen. Schließlich ist das Prostatakarzinom der häufigste Tumor überhaupt, auch vergleichsweise häufiger als der Brustkrebs bei der Frau. Und die Früherkennung ist nun einmal die effektivste Maßnahme, die wir dem entgegensetzen können.

Woran liegt Ihrer Meinung nach die Zurückhaltung bei der Etablierung des PSA?
Janetschek: Zur Zeit herrscht generell eine Scheu, Vorsorgeprogramme zu finanzieren. Die Brustkrebsvorsorge ist schon länger Bestandteil der Gesundenuntersuchung und ist daher auch nicht Gegenstand diesbezüglicher Diskussionen. Einen neuen Parameter hinzuzunehmen – auch wenn es sinnvoll erscheint – scheitert allerdings am derzeitigen Sparprogramm der zuständigen Stellen.

Ab welchem Lebensalter wäre es sinnvoll, den PSA im Sinne einer Screening- Maßnahme zu bestimmen?
Janetschek: Mit dem 45. Lebensjahr sollte dieser Test einmal jährlich durchgeführt werden. Gesundheitsstaatssekretär Dr. Waneck hat kürzlich erklärt, dass die oberösterreichische Gebietskrankenkassa durch ihren Sparkurs fahrlässig in Kauf nähme, dass Menschen früher an Prostatakarzinom sterben. Janetschek: Es war dies ein Sturm im Wasserglas: Waneck hat mit seiner Stellungnahme nur in einem Punkt Recht. Er erwähnt als Beispiel für die Wichtigkeit der Krebsvorsorge das Prostatakarzinom. Die Behauptung dass die OÖ-GKK durch ihren Sparkurs fahrlässig in Kauf nähme, dass Menschen früher sterben, ist unsachlich, falsch und irreführend. Allerdings muss sich Herr Dr. Waneck genau diesen Vorwurf selbst machen lassen, und dafür ist er politisch verantwortlich.

Die Gesundenuntersuchung fällt in den Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen...
Janetschek: …und die ist so mangelhaft, dass im allergünstigsten Fall höchstens 20 Prozent der lokalisierten und damit potenziell heilbaren Prostatakarzinome damit erfasst werden können. Wenn so ein wesentlicher Parameter wie der PSA-Wert nicht enthalten ist, so stellt sich die Frage, ob hier nicht zusätzlich eine juridische Verantwortung der Politiker besteht. Früherkennung ist die einzige Chance, um die von Herrn Dr. Waneck angesprochene hohe Rate von Patienten mit Metastasen bei Prostatakarzinom in unserem Bundesland (29,5 Prozent!) zu reduzieren. Als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie habe ich Herrn Gesundheitsstaatssekretär Waneck bereits letztes Jahr auf all diese Probleme aufmerksam gemacht, aber bisher keine Antwort erhalten. Vielleicht wird das jetzt anders.

Wie gehen Sie damit um?
Janetschek: Handeln ist besser als kritisieren! Deshalb haben wir Urologen in Oberösterreich das „Forum Prostata“ (www.forum-prostata.at) gegründet, um eine sinnvolle Früherkennung des Prostatakarzinoms zu propagieren, durchzuführen und zu dokumentieren. Die Effizienz dieser Maßnahmen ist bereits objektiv nachvollziehbar. Das „Forum Prostata“ wird nicht nur von der OÖ-GKK, sondern auch von den zuständigen Politikern der Stadt Linz und des Landes OÖ unterstützt.

Zur Zeit findet allerdings auch eine Diskussion um den Wert des PSA statt...
Janetschek: Wenn ich „Ja“ zu Früherkennungsmaßnahmen beim Prostatakarzinom sage, so komme ich um den PSA-Wert nicht herum. Das „Forum Prostata“ hat hierzu Daten gesammelt, die für sich sprechen. Bei der klinischen Untersuchung können im Frühstadium bei potenziell heilbarem Prostatakarzinom lediglich 10 bis 20 Prozent der Fälle aufgespürt werden. Bis der Beweis erbracht ist, dass die Früherkennung und die anschließende Therapie tatsächlich Leben verlängert, dauert es jedoch naturgemäß noch. Allerdings gibt es jetzt schon Hinweise auf die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme.

Wie ist die Rolle des Allgemeinmediziners bei der Vorsorge zu bewerten?
Janetschek: Die Allgemeinmediziner spielen eine wesentliche Rolle bei der Vorsorge des Prostatakarzinoms. Allerdings ist die bei der Gesundenuntersuchung durchgeführte digital-rektale Untersuchung zwar hilfreich, aber nicht von allzu großem diagnostischen Wert. Die Durchführung des PSA ist nach derzeitigem Wissensstand von großer Wichtigkeit. Bei suspektem Tastbefund oder pathologischem PSA sollte in jedem Fall der Urologe zur weiteren Abklärung herangezogen werden.

Wann hat die digital-rektale Untersuchung ihre Berechtigung?
Janetschek: Im Rahmen der Gesundenuntersuchung ist auch die klinische Rektaluntersuchung vorgesehen. Allerdings wird die Trefferquote einer Screeningmethode bei weitem nicht gerecht, da im allergünstigsten Fall höchstens ein Fünftel der lokalisierten und damit potenziell heilbaren Prostatakarzinome damit erfasst werden können. Die Männer, bei denen wegen dieser mangelhaften Gesundenuntersuchung ein Karzinom übersehen wurde, glauben aber fälschlich, dass alles in Ordnung sei. Dies ist eine Thematik, die zur Zeit auch im Berufsverband diskutiert wird.

Die Urologie nimmt sich zunehmend auch dem „Anti-Aging“ an...
Janetschek: Wir sollten vorsichtig mit diesem Begriff umgehen. Wenn man sich die jüngsten Studiendaten bezüglich Hormonersatztherapie ansieht, etwa die Ergebnisse der WHI, so sollte man auch beim Mann mit der Gabe von Hormonen vorsichtig sein. Schließlich kann es hier etwa zu Störungen des Knochenaufbaus und einer Verringerung der Knochendichte kommen.
Aufgrund der neuen Applikationsformen des Testosterons als Gel findet die Hormontherapie beim Mann mittlerweile eine breite Anwendung. Allerdings lassen sich die Indikationen hier noch nicht klar definieren. Eine kritiklose Anwendung, nur weil die Hormongabe nicht oral oder mittels Injektion erfolgt, ist nicht angebracht. Die Therapie sollte sorgfältig vom Urologen überwacht werden.

Das heißt: Hormongabe ja, aber mit Vorsicht...
Janetschek: Die Euphorie im Bereich der Hormonersatztherapie beim Mann kann ich so nicht nachvollziehen. Die Urologie muss vielmehr ein ganzheitliches Konzept für den Mann anbieten.

Über welche Neuerungen gilt es am urologischen Sektor zu berichten?
Janetschek: Sehr interessant ist die Entwicklung der pharmakologischen Therapie mittels Alpha- Reduktase-Blockade und 5-Alpha-Reduktase-Hemmer bei Prostatahypertrophie. Auf dem Gebiet der erektilen Dysfunktion sehen wir, dass nicht nur ein einzelnes klassisches Präparat, sondern neue Substanzen am Markt schon zur Anwendung kommen können. Wir verstehen die Pathogenese der erektilen Dysfunktion nun weitaus besser, als vor zehn Jahren. Diese Erkenntnisse schlagen sich auch in einer individuelleren Therapie nieder: Jedes verfügbare Medikament hat ein spezifisches Wirkungsspektrum. Am OP-Sektor ist der Durchbruch der Laparoskopie in der Nierenchirurgie zu erwähnen. Die laparoskopische Tumornephrektomie ist nun klarer Standard. Auch der Stellenwert der laparoskopisch radikalen Prostatektomie wird zur Zeit auf vielen urologischen Tagungen diskutiert.

Wie sehen Sie das Image der Urologen?
Janetschek: Wir werden imagemäßig von vielen sicher nicht ganz verstanden: In der Öffentlichkeit haben wir es lediglich als Männerärzte mit dem alternden Mann zu tun. Aber unsere Aufgaben gehen weit darüber hinaus. Neben speziellen Fragestellungen im Bereich der Kindernephrologie sind wir im Prinzip für das urologische System in jeder Alters- und Geschlechtsgruppe zuständig. Vom einfachen Harnwegsinfekt bis hin zu komplexeren Themen. So stellt die Urogynäkologie mit der Behandlung der Inkontinenz einen wichtigen Eckpfeiler dar. Natürlich ist das Hauptklientel der Urologie der alternde Mann. Man darf aber nicht vergessen, dass unser Fachgebiet altersübergreifend und auch geschlechtsübergreifend arbeitet. Es sollte sich in der Bevölkerung und auch bei den Kollegen herumsprechen, dass wir auch Frauen behandeln!

Danke für das Gespräch!

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