zur Navigation zum Inhalt
 
Urologie 5. August 2005

Notfall in der Praxis: Harnsteinkolik

Die steinbedingte Kolik ist neben dem akuten Harnverhalt ein urologischer Notfall, mit dem sich viele Nichturologen, vor allem Notärzte oder Hausärzte, auseinander setzen müssen. Im Vordergrund der Behandlung steht eine adäquate Schmerztherapie. Es muss jedoch unbedingt überprüft werden, ob der Patient Fieber hat, da dann eine unverzügliche Einweisung in eine urologische Klinik erforderlich ist. Fieber im Zusammenhang mit einer akuten Steinkolik kann das erste Symptom einer infizierten Harnstauungsniere und damit einer drohenden Urosepsis sein! 

Klinik 

Typisch sind die akut und heftig einsetzenden Schmerzen, die meist einseitig, krampfartig und wiederholt auftreten. Manche Patienten beschreiben einen "Vernichtungsschmerz". Häufig bewegen sich die Patienten unruhig und rastlos in gekrümmter Haltung, um den Schmerzen entgegenzuwirken. Übelkeit, Erbrechen und ein Blähbauch, mitunter auch ein Subileus, können als Begleitsymptome auftreten. Cave: Fehldiagnose akutes Abdomen durch gastrointestinale Erkrankung. Eine Steinkolik kann plötzlich abklingen, um nach Stunden oder Tagen erneut aufzutreten. Das Nierenlager kann auf der betroffenen Seite klopfschmerzhaft sein. Je nach Steinlokalisation im Harnleiter ergeben sich unterschiedliche Schmerzausstrahlungen (siehe Tab.). Dadurch können sich Hinweise auf die Steinposition ergeben.

Anamnese und Diagnose

Anamnestisch können Hinweise auf frühere Schmerzepisoden mit Steinabgängen oder Behandlungen wegen Urolithiasis richtungsweisend sein. Nach prädisponierenden Faktoren für eine Steinerkrankung wie Stoffwechselstörungen, längere Immobilisation mit Vitamin D, Kalziumpräparaten oder alkalisierenden Substanzen sollte gezielt gefragt werden. Eine Diagnosestellung ist meist schon nach der Anamnese möglich. Sie basiert auf der klinischen Untersuchung (Temperaturmessung!), dem Urinstatus (Mikro- oder Makrohämaturie) und, wenn möglich, Ultraschall und Abdomenübersichtsaufnahme im Liegen (siehe Abb.). Sonographisch ist eine Harnstauung nachweisbar, gegebenenfalls kann zusätzlich ein Konkrement nachgewiesen werden. Eine Ausscheidungsurographie beziehungsweise eine native Computertomographie des Abdomens gehören zur weiterführenden Diagnostik im Krankenhaus. In der akuten Kolik ist ein Ausscheidungsurogramm kontraindiziert. Röntgen-Kontrastmittel wirken diuretisch und können bei gestörter Harnleiterpassage eine Fornixruptur auslösen.

Therapeutische Sofortmaßnahmen 

Bei hinreichendem Verdacht auf eine Steinkolik sollte aufgrund der starken Schmerzen unverzüglich mit einer Analgetikamedikation begonnen werden. Je nach Schmerzausmaß sollte die i.v. Applikation eines Spasmoanalgetikums durchgeführt werden. Tramal® und Novalgin® besitzen eine sehr gute analgetische Wirkung. Klingen trotz intensiver Bemühungen die Koliken nicht ab, so sollte ein Dauertropf mit Spasmoanalgetika appliziert werden (500ml Ringer mit 2 Ampullen Buscopan® und 2 Ampullen Novalgin®, alternativ evtl. Nitrolingual® sublingual 2x1 Kapsel).  Ein stärkeres Analgetikum ist Dipidolor® (1/2 - 1 Ampulle langsam i.v.) oder Vilan® oder auch Dolantin® 50-100 mg.i.v.

Indikation für Überweisung zum Facharzt oder in die Klinik 

Nach Abklingen der akuten Symptome muss auch bei Beschwerdefreiheit eine gezielte Diagnostik zur Klärung der Kolikursache eingeleitet werden (Ausscheidungsurographie, evt. CT). Das Ergebnis bestimmt die weitere Therapie: konservativ, ESWL (extrakorporale Stoßwellenlithotripsie) oder Operation. Cave: nach einmaligem Kolikschmerz kann es bei einem Komplettverschluss des Harnleiters unter weitgehender Beschwerdefreiheit zur funktionslosen Hydronephrose kommen. Therapieresistente Koliken, hohes Fieber im Anschluss an die Kolik und Anurie erfordern die sofortige Einweisung ins Krankenhaus. In allen unklaren Fällen, besonders bei Kindern und älteren Patienten, sollte ebenfalls eine unverzügliche Klinikeinweisung erfolgen. 

Bei Verdacht auf eine Urosepsis erfolgt die unverzügliche Harnableitung, zum Beispiel über eine perkutane Nephrostomie oder Harnleiterschienung, sowie die antibiotische Therapie. Im Status colicus erfolgt ebenfalls eine Harnableitung. Reichlich körperliche Bewegung und forcierte Diurese sind im schmerzfreien Intervall geeignete Maßnahmen zur Spontanaustreibung eine abgangsfähigen Konkrementes. Zur Beurteilung des Therapieerfolges sowie zur Gewinnung des Konkrementes zwecks Analyse sollte der Urin gesiebt werden. Warme Bauchwickel oder Bäder sowie ein hoher Einlauf können bei Stuhl- und Windverhaltung helfen. 

Differenzialdiagnosen 

  • Schmerzen im rechten Oberbauch: Cholelithiasis, Cholezystitis, Ulcus duodeni, Pankreatitis, subphrenischer Abszess, Pyelonephritis, selten Niereninfarkt durch Embolie oder Thrombose.
  • Schmerzen im rechten Unterbauch:
    Appendizitis, Adnexitis, Ileitis terminalis, Meckel?sches Divertikel, stielgedrehte Ovarialzyste, Extrauteringravidität. 
  • Schmerzen im linken Oberbauch: 
    Magenulkus, akute Pankreatitis, Milzinfarkt, spontane Milzruptur, subphrenischer Abszess, Pyelonephritis, selten Niereninfarkt.
  • Schmerzen im linken Unterbauch: 
    Akute Sigmadivertikulitis, Adnexitis, inkarzerierte Hernie, stielgedrehte Ovarialzyste, Extrauteringravidität. 

Tabelle: Schmerzprojektionen der Steinkolik 

Schmerzlokalisation
Flanke
Mittelbauch
Genitale/Leiste
Penis/Klitoris
Steinlokalisation 
Oberes Harnleiterdrittel
Mittleres Harnleiterdrittel 
Unteres Harnleiterdrittel 
Unteres Drittel kurz vor Ostium 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben