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Urologie 5. August 2005

Bei hyperaktiver Blase die „Awareness“ erhöhen

Die sozialen Auswirkungen der Inkontinenz sind dramatisch und münden in ein Defizit an Kommunikation, emotionaler Nähe und auch sexueller Aktivität. Mit Hilfe der Basisdiagnostik lassen sich etwa 80 Prozent der Ursachen erfassen. Die Therapieentscheidung muss Rücksicht auf die Lebensqualität und den individuellen Patientenwunsch nehmen.

Eine Umfrage in sechs EU-Ländern, an der rund 17.000 Personen über 40 Jahre teilnahmen, zeigte, dass 17 Prozent an Symptomen der überaktiven Blase leiden, vier Prozent an Dranginkontinenz. Die klinischen Symptome umfassen, wie Prof. Dr. Helmut Madersbacher, Universitätsklinikum Innsbruck, Anfang Juni 2004 am Österreichisch-deutschen Impotenz- und Prostata-Urologie-Symposium in Wien berichtete, erhöhte Miktionsfrequenz, Nykturie und imperativen Harndrang. In der aktuellen Terminologie ersetzt die neurogene Detrusorhyperaktivität die „Detrusorhyperreflexie“ und die idiopathische Detrusorhyperaktivität den Begriff „Detrusorinstabilität“. Pathophysiologisch spielen Polyurie, Östrogenmangel, Psychosomatik, infravesicale Obstruktion und Blasenhalsinsuffizienz eine bedeutende Rolle.

Bei der „normoaktiven“ Blase befinden sich periphere Impulse und kortikale Hemmung im Gleichgewicht. Defekte Schaltvorgänge betreffen entweder die zentralnervöse Kontrolle oder die suprasakralen Blasenbahnen des Rückenmarks. Beachtenswert ist laut Madersbacher auch das Urothel als sensorisches Organ mit einem Nervenplexus in den tiefen Schichten, der in Kontakt mit der glatten Muskulatur steht. Die alternde Harnblase zeigt neurogene und myogene Veränderungen, Östrogen wirkt protektiv auf das Urothel. Mit Hilfe der Basisdiagnostik der Inkontinenz, bestehend aus Anamnese, neurologisch-urologischer Untersuchung, Harnanalyse und Blasenentleerungsprotokoll, lassen sich etwa 80 Prozent der Ursachen erfassen. Die übrigen 20 Prozent bedürfen einer ergänzenden Diagnostik mit zusätzlicher Endoskopie und Urodynamik.

Miktions- und Toilettentrainig reduziert Inkontinenzepisoden

Bei Vorliegen einer sekundären „overactive bladder“ (OAB) sollten nach Möglichkeit die Ursachen beseitigt werden, bei primärer OAB sollte eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie angewendet werden (Mattiasson et al., 2003, BJU International 91, 450-460). Alleine durch adäquates Miktions- und Toilettentraining können die Inkontinenzepisoden um 57 Prozent verringert werden. Bei sensorischer Drangsymptomatik kann Resiniferatoxin, ein Vanilloid-Rezeptorblocker, intravesikal appliziert werden. Bei der günstigen Beeinflussung der peripher-efferenten Nerven spielen hingegen Anticholinergika die „erste Geige“. Zur Auswahl stehen dabei die tertiären Amine Tolterodin, Propiverin und Oxybutynin sowie die quaternäre Ammoniumbase Trospiumchlorid. Tolterodin, Propiverin und Trospiumchlorid sind laut Madersbacher gleichwertig. Oxybutinin hingegen ist schlechter verträglich und fördert, weil liquorgängig, die Amyloid-Plaquebildung im Gehirn. Und mit zunehmendem Alter wird die Blut-Hirnschranke undichter. Madersbacher nahm auch Bezug auf die klinische Studie von Herbison et al. (BMJ 2003), die den klinischen Wert von Anticholinergika in Frage stellte. Die Herbison-Studie sei deshalb nicht einwandfrei, weil schlechte Studien in die Analyse eingeschlossen wurden, eine Plazebogruppe in diesem Fall keine gute Kontrollgruppe ist und die neurogene Detrusorhyperaktivität nicht getrennt betrachtet wurde.

Immer noch Tabuthema:„Sexuelle Gesundheit“

Stellen bereits die Überlaufblase und die Inkontinenz ein schwerwiegendes Hindernis für ein erfülltes Sexualleben dar, so nimmt sich Dr. Eva Hellmis, Fachärztin für Urologie, Duisburg, BRD, weiteren Störungen des unteren Harntraktes an. Sexualität bezieht sich, so Hellmis, aber auf das gesamte menschliche Individuum. In einem Stufenschema würden nacheinander „Berührung“, „Küssen“, „Zärtlichkeit“, „vaginaler Kontakt“ und „Orgasmus“ kommen. Störungen können auf den Ebenen „Fantasien“, „Erregung“, „Orgasmus“, „Schmerz“ und „Befriedigung“ auftreten. Die Prävalenz von sexuellen Funktionsstörungen gibt eine US-Studie bei der Befragung von 1.749 Frauen mit 43 Prozent an, eine deutsche Untersuchung mit 59 Prozent bei Frauen und 20 Prozent bei Männern. Als Risikofaktoren sind Alter, arterielle Hypertension, Diabetes mellitus und Adipositas an vorderster Front. Symptome des unteren Harntraktes sind:

  • Dyspareunie (Beckenschmerz)
  • Vaginismus
  • Vaginale Trockenheit
  • Inkontinenz, Urgesymptomatik
  • Urogenitales Schmerzsyndrom

Soziale Auswirkungen

Die oft unterschätzten sozialen Auswirkungen der Inkontinenz sind dramatisch und münden in ein Defizit an Kommunikation, emotionaler Nähe und sexueller Aktivität. Die Angst vor Urinabgang während der Penetration oder während des Orgasmus ist sehr groß. Bei jüngeren Frauen beeinträchtigt vor allem die Dranginkontinenz das Sexualleben. Sexuelle Identität, Funktion und Beziehung sind dadurch belastet. Hellmis möchte mit ihrer Arbeit dazu beitragen, unter den Ärzten die „Awareness“ dieser Sexualproblematik zu erhöhen. Zu beachten wären auch kulturelle Eigenheiten, zum Beispiel sprechen Moslem- und Hindu-Frauen ausschließlich mit Ärztinnen über ihr Sexualleben.

Zum Management des gestörten Sexuallebens zählen:

  • Ansprechen, Besprechen.
  • Verbesserung der Diagnostik mittels female sexual function index.
  • Stabilisierung von Organfunktio- nen, zum Beispiel bei Blasenentleerungsstörung.
  • Multimodale Therapiekonzepte, zum Beispiel Sexualtherapie, Antibiotika bei Infektionen, Korrektur von Lageveränderungen von Organen.
  • Einbeziehen des Partners.

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